Gernulf Olzheimer kommentiert (XLI): Ungefragte Hilfe

22 01 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Zwei Tatsachen erschweren das Ausschlafen in der Phase des Jahreswechsels: die Neigung der Erdachse gegenüber der Ekliptikalebene lässt die Jahreszeiten entstehen und somit den Niederschlag den Aggregatzustand wechseln. Dazu kommt der Wunsch der Behämmerten, auch bei Permafrost mit knöchelhohem Packeis noch in hockhackigem Schuhwerk in den Laden zu staksen und sich seinen Kaffee-zum-Weglaufen zu ziehen. Der beflissene Bürger also steht schon vor Sonnenaufgang im Freien, schabt den Schnee vom ebenerdig verlegten Granit und merkt auf, als sich eine rotgesichtige Runkelrübe auf Plattfüßen heranwanzt und dem Winterdienstler also ins Ohr rülpst: „Sie müssen da rechts auch noch, und die Schaufel mal umdrehen.“

Zunächst befindet sich der Angesprochene auf eigener Scholle, und damit steht er auch noch allein da. Wo von Müssen die Rede war, ist, das Formale ins Auge fassend, an einen Zwang gar nicht zu denken, denn hier greift nicht Gesetz noch Verordnung, der Gemeindesatzung ist Genüge getan, der Gehweg ist zahnbürstensauber und gäbe dem Herumsteher genug Platz und Möglichkeit, sich einfach mal vom Acker zu machen. Das jedoch interessiert den Dummknubbel nur peripher, er langt bereits nach dem Schneeschieber, um zu demonstrieren, wie er und seine Kameraden aus der Beklopptenanstalt beim letzten Tsunami das Meer hinter den Deich zurückgefeudelt haben. Fünf Wurstfinger fuchteln dem angewiderten Hausherrn vor der Nase herum; noch immer hat der Kamerad nicht ganz begriffen, dass sein Verbalausfluss hier genauso gefragt ist wie eine Runde Schunkeltechno auf der Kinderbeerdigung. Denn er arbeitet nur für ein Ziel: er will den Tag versauen, und er weiß, wie er es immer wieder schafft.

Ungefragte Helfer, die praxisbetonte Missgeburt aus der Sippe der Besserwisser, Alleskönner und Schnittbroterfinder, sie wollen in Wahrheit ihre Nase nur in alles hineinstecken und demonstrieren, dass sie knallkompetent alles überblicken, die Lage voll im Griff haben und sofort wissen, was zu tun wäre, wenn sie es denn selbst täten – wovor uns Gott behüten möge. Komplettes Medizinstudium mit dreizehn Jahren chirurgischer Berufspraxis? Das bisschen Herztransplantation kriegt er so auf die Schnelle noch eben zwischen zwei Stücken Butterbrot hingeschwiemelt. Die Butzenscheiben waren Maßanfertigung? Für beherzte Hobbyglaser gar kein Problem. Auf der Leitung ist Starkstrom?

Die ungefragten Helfer sind überall. „Moment mal“, jodelt es im Genick, „das haben wir gleich!“ Und ehe man sich reflexartig umwenden kann, zimmert ein nach jahrelangem Tiefschlaf auf der Feststellbremse in die Freiheit entlassener Blödmann eine der just erworbenen Dachlatten fröhlich in die Heckscheibe rein. Keiner hatte ihn aufgefordert, die Bretter in den Kombi zu hieven, genauer: niemand hatte ihm erlaubt, seine Griffel auf das bis dato seuchenfreie Holz zu pappen. „Na, ist ja noch mal gut gegangen“, faselt der Doofmann, inspiziert kurz die Oberfläche der Planke, kratzt mit ihrer Hilfe noch auf einen halben Meter Lack in Silbermetallic von der flammneuen Chaise und schwingt sich mit dammeligem Gegrinse wieder auf den verbeulten Drahtesel, die Tagesration zum Blödbleiben in Gestalt einer Palette Blechbrötchen bereits auf dem Gepäckträger im Anschlag. Wäre es nicht so fürchterlich unsensibel, an Ort und Stelle gäbe es eine Kurzkorrektur dessen, was Kollege Karies vom Kantinengestühl übriggelassen hat.

Die Kombination von Helfersyndrom und Hirnstorno kann nur zu einem erwartbaren Ergebnis führen: Monkey see, monkey do. Professionelle Volltrottel schauen bewundernd zu, wie erfahrene Hilfsdämonen mit traumwandlerischer Sicherheit den neuralgischen Punkt erspüren, der die Katastrophe eintreten lässt: der Depp weist allenfalls den IQ einer Portion Quallenfutter auf, findet jedoch das einzige Mischungsverhältnis, das bei Zimmertemperatur eine Reihe von Flüssigkeiten verklumpen lässt, und findet spontan eine bisher nicht bekannte Konstellation, in der sie sämtliche Gegenstände innerhalb eines Radius von zehn Metern an der Unterlage festkleben lässt, so dass man das ganze Stockwerk aus dem Laboratorium heraussägen und en bloc in den Container kloppen müsste, wenn das denn unter den herkömmlichen physikalischen Bedingungen überhaupt anginge. Sollte eine humanoide Randfichte anbieten, das Anziehen der Handbremse zu übernehmen, Eier und Säuglinge zu halten oder aber mit elektrischem Strom betriebene Geräte auch nur anzublicken, so empfiehlt es sich, rasch Fakten zu schaffen. Ein kühner Tritt aufs Gaspedal wirkt oft Wunder, eine zuschlagende Tür schafft klare Fronten, und wenn das alles nichts mehr hilft, darf man dem sozialen Grobmotoriker ruhig ein freundschaftliches „Schnauze jetzt!“ aufs Ohr drücken, damit er die Botschaft schon beim ersten Versuch rallt und, mit etwas Glück, sich im Koordinatensystem der Wirklichkeit auf Nimmerwiedersehen verläuft.

Bliebe noch zu fragen, ob es einen eigenen Nothelfer gibt für die Not, in die einen der Helfer bringt. Es wird wohl Sankt Rambo sein.