Oh, Sole mio

26 01 2010

„Nicht jetzt, hier!“ Der Glatzkopf schnaufte mir ins Gesicht. Langsam wurde es mir zu bunt – nicht einmal das Schildchen um meinen Hals überzeugte ihn. Dabei schien die halbe Stadt in der Küche versammelt, wenn man diesem Gewirr von Lieferwagen, Kleinbussen und dem roten Cabrio folgte, das quer über drei Parkplätze stand. „Sie nicht!“ „Aus dem Weg“, scholl die Stentorstimme aus dem Hintergrund, „das hier ist mein Haus!“

Bruno Bückler, dessen gewaltig aufgezwirbelte Schnurrbartspitzen nervös durch den Wintertag vibrierten, er, den Gourmets, Kritiker und Neider als Fürst Bückler anredeten, war sauer. „Dass diese dumme Nuss sich einmal fotografieren lässt – geschenkt! Meinetwegen kann sie auch ein Filmchen drehen. Aber was dies Weib anstellt, ist zu viel für mich!“ Er atmete schwer und stoßweise. Vorsichtig tastete ich nach seinem Arm. „Hansi hat sie hergeholt?“ „Richtig. Und ich hatte noch nicht einmal etwas dagegen – Hannah Linzer in Bücklers Landgasthof, das ist doch eine gute Schlagzeile. Aber selbst mein Bruder wünscht diese falsche Natter schon zum Mond.“ Vermutlich hatte sein Bruder, der sich sonst um den Service kümmerte, einfach nur Werbung mit dem Fernsehstar machen wollen. „Aber da wusste er ja noch nicht, was für eine Nummer das ist.“ „Sie stellt die Küche auf den Kopf?“ Bruno sah mich verzweifelt an. „Komm mit. Du glaubst es erst, wenn Du es gesehen hast.“

„Und – Action!“ Die Klappe klappte, eine Gabel kratzte durch eine unschuldige Schüssel. „Cut!“ „Dieser verdammte Eischnee wird nicht fest!“ Die Köchin drückte Petersen, dem Entremetier des Hauses, das Gefäß in die Hand. Der Produzent trieb ihn zur Eile. „Was für eine Niete“, wunderte sich Petersen. „Das halbe Eigelb ist drin, weil sie zu blöd zum Trennen war, die Schüssel ist seichwarm, kein Salz, und dann erwartet sie nach einer halben Minute schnittfesten Eischnee?“ Ich wunderte mich. „Wer hat ihr das Kochen beigebracht?“ „Keiner“, gab Bruno zurück. „Sie denkt, im Fernsehen könne es jeder, weil es so leicht aussehe, und darum könne sie es auch.“

Petersen drosch trotz allem verbissen auf das Eiklar ein. Unterdessen drehte der Kameramann aus allen Winkeln immer wieder aufs Neue, wie die Küchenfee Salz in einen Topf rieseln ließ. „Und Cut! Wir haben kein Salz mehr!“ Ein Helfer schob ein Tiegelchen herüber. Die Löffelschwingerin bediente sich reichlich. Ich bemerkte, dass Hansi neben mir stand; er biss sich auf die Lippe. „Bitte sag Bruno nichts davon.“ Ein fragender Blick traf den Chefkellner. „Diese Frau versenkt gerade ein gutes Pfund Fleur de Sel im Topf. Wenn das mein Bruder erfährt, bringt er mich um.“ „Aber sie bezahlt das doch?“ „Nein“, antwortete er heiser, „das ist das Problem: sie bedient sich an unseren Vorräten. Sie spielt Kochen.“ Unermüdlich pfefferte sie Salz nach. Schauer liefen über meinen Rücken.

Aufruhr im Vorraum – Umberto Rinaldini, der große Tenor, war angekommen. „Er muss das essen, was sie hier verbricht“, informierte mich Petersen. „Der Ärmste“, entfuhr es mir. Bruno schaute noch einmal vorsichtig herein. Schon fummelte die Linzerschnitte mit dem Schälmesser an einem Fisch herum. „Das halte ich nicht aus“, keuchte Bruno, „meine Nerven!“ Wirklich verursachte der Anblick, wie die Hilfsküchenhilfe mit daumenlanger Klinge einen Bachsaibling filetieren wollte, körperliche Schmerzen. Ein Dutzend Saiblinge zerlegte sie zu Brei, bis Petersen ihr zeigte, wie man Fisch flach auf den Tisch legt. „Lassen Sie das“, pampte sie ihn an, „ich kann das alleine!“ „Und das alles von unseren Vorräten“, wimmerte Hansi. „Bruno bringt mich um!“ „Action!“ Instantbrühe und Fertigsaucen wurden in der Küche aufgebaut. Das Schaukochen war also bloß billiges Beiwerk, um Hannah-Linzer-Konserven zu preisen. Im Nu hatte ich eine weiße Jacke übergestreift, schlich mich in den Tross, der die Kulinärrin umschwirrte, und reichte ihr den Probierlöffel, doch sie hatte nur ein spöttisches Lachen übrig. „Ein Profi muss nicht abschmecken. Merken Sie sich das!“ Mehr musste ich nicht wissen. „Petersen“, zischte ich, „Töpfe! Schnell!!“

Leise, aber fieberhaft schöpften wir zu zweit in allerlei Kochgeschirr, schmissen frei nach Gusto original Linzersche Suppenwürfel in die Lauge und verteilten alles auf den Flammen. Minuten später waberte versalzener Wrasen durch den Raum, als wäre es eine Saline. „Oh, Sole mio“, witzelte Petersen, „der Fisch ertrinkt schon im Toten Meer.“

Und wahrlich, unbesehen warf Hannah Linzer Kartoffeln und Gnocchi, Tomaten und Sellerie in die Töpfe, löschte Bratensatz ab, rührte, quirlte und richtete an. Der Kameramann folgte ihr, wie sie mit Tellern und Schüsseln beladen dem italienischen Gast servierte. Bange Stille folgte. Petersen hielt die Luft an. Hansi und Bruno schwitzten brüderlich um die Wette. Plötzlich polterte der lyrische Tenor los. „Schifezza porcheria“, schrie der begnadete Belmonte, „rompicazzo porco dio! Troppo salato!“ Die Köchin zog einen Flunsch. „Unsinn, ich habe ja gar keinen Salat…“ Doch Rinaldini war längst nicht mehr zu halten, er brodelte wie der Stromboli zur Mittagszeit. „Wenn gezeigte diese Miste in TV, il mio avvocato machte Linzer ospedale!“ „Was Avocado“, schrie sie, „das ist Gurkensuppe!“

Fluchtartig verließ die Brigade den Gasthof, und fast wäre der Produzent entwischt. Drohend bauten sich die Bücklerbrüder vor ihm auf; Petersen spielte lässig mit dem Knochenbeil. „Sie haben sich nicht an den Vertrag gehalten“, knurrte Bruno. „Aber meine Herren“, stammelte der Fernsehmacher, „was soll ich denn machen? Was soll ich denn jetzt tun?“ „Sie werden zahlen“, antwortete ich milde. „Sie erhalten eine Rechnung. Und zwar eine gesalzene.“