Arbeit macht frei

27 01 2010

Behutsam zupfte Leutnant Saltzmann die Armbinde zurecht. Das Rote Kreuz über meinem Ellenbogen gestattete mir den ungehinderten Zutritt zum Lager Bad Hersfeld II. „Halten Sie sich aber bitte etwas zurück“, schärfte mir mein Begleiter ein, „der Kommandant mag es nicht, wenn man sich in seine Arbeit einmischt.“ Ich protestierte. „Er ist doch nur ein Landesbeamter.“ Saltzmann lächelte. „Eben.“

Wir passierten die Eingangskontrolle. Am anderen Ende des Hofes sahen wir die Baracke des Leiters. Hängeleben trat vor die Tür und reichte uns die Hand zum Gruß. „Haben Sie Schokolade dabei? Zigaretten? Kondensmilch?“ „Warum“, fragte ich entgeistert zurück, „braucht man das denn hier?“ „Sie nicht“, wehrte Hängeleben eilfertig ab. „Sie ganz sicher nicht. Aber wir wollen nur ungern, dass Sie aus Mitleid den Insassen etwas zustecken. Das mag zwar als mitfühlende Geste durchaus sehr nett sein, aber es torpediert doch unsere pädagogischen Bestrebungen. Wir haben die Absicht, die Insassen hier so schnell wie möglich wieder in die normale Gesellschaft zu entlassen. Und das geht eben nicht, wenn es zu solchen Rückschlägen kommt. Na, Sie werden’s ja gleich selbst sehen können.“

Just als wir die Baracke verließen, schrillte es zum Hofgang. Wachsoldaten in Breitcordhosen und Ärmelschonern bezogen Stellung. „Wir haben ein paar Kräfte aus dem Bauamt abgezogen“, erklärte Hängeleben. „Da es sich um Verwaltungstätigkeiten handelt, können sie in gewohnter Dienstkleidung erscheinen.“ Die Häftlinge trotteten müde auf den Hof. Sie sahen ausgezehrt und entkräftet aus, sie schlurften gebeugt und starrten apathisch zu Boden. „Was haben Sie denn mit diesen Leuten bloß gemacht“, fragte ich bedrückt. „Ach, gar nichts.“ Hängeleben überschaute die Sträflinge und widmete sich dann einer Strichliste. So leicht ließ ich mich nicht abspeisen. „Sie müssen doch irgendetwas getan haben, um ihren Willen zu brechen. Schauen Sie sich die Leute doch an, sie sind doch völlig abgestumpft.“ Der Kommandant sah mich kalt an. „Das, mein Freund, waren sie vorher auch schon. Wir machen hier gar nichts mit ihnen, wir lassen sie nur nicht mehr raus. Bis sie kapiert haben, dass sich ihr Verhalten grundlegend ändern muss, wenn sie wieder in die menschliche Gesellschaft integriert werden wollen. Falls das überhaupt noch geht.“

„Das ist doch…“ Ich wollte meinen Augen nicht trauen. „Das ist doch Guido Westerwelle! Wie kommen Sie dazu, den Bundesaußenminister in diesem Lager einzusperren?“ „Er sitzt hier nicht als Minister“, belehrte mich Hängeleben, „obwohl es dazu auch den einen oder anderen Grund gäbe – er wurde in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der FDP inhaftiert. Das neue Koch-Gesetz macht keine Ausnahmen.“ „Das Gesetz fordert bloß, dass jeder Bundesbürger einer Beschäftigung nachgeht, auch einer niederwertigen, im Zweifel einer öffentlichen Arbeit.“ „Richtig, in Kurzform: wer nicht arbeiten will, soll auch nichts essen. Damit führen wir die Arbeitsmarktreformen auf das zurück, als was sie eigentlich gedacht waren – als Strafvollzug ohne Anfangsverdacht.“ Ich war erschrocken.

Mit matter Stimme plapperte der Chefliberale ein paar seiner Lieblingsphrasen. Das mit der Freiheitsstatue. „Nichts da“, schnarrte der Leiter. „Er weigert sich beharrlich, seine Schuhe selbst zu putzen.“ „Was erwartet er?“ Hängeleben grinste bitter. „Er schickt nach einem Diener.“ „Hier?“ Das wollte ich nicht glauben. „Hier. Genau hier.“

Hängeleben klopfte eine Zigarette auf seinem Handrücken fest. „Der erzieherische Effekt wird Ihnen auffallen, sobald Sie sich ein bisschen mehr mit diesen Herrschaften hier befassen. Sie lehnen jegliche Tätigkeit ab.“ „Aber sie sind doch keine Kostgänger“, widersprach ich, „sie bestreiten ihren Lebensunterhalt selbstverantwortlich.“ Er lachte schallend. „Das glauben Sie aber auch nur! Schauen Sie, die Suche nach Profit, Eigennutz, wenn Sie es so sehen: Gier, das ist doch produktiv. Ein Maurer, der schneller die Steine schleppt, weil er auf eine Prämie schielt – ein Plus für die Volkswirtschaft. Aber das hier?“ Im hohen Bogen spie er die Kippe in den Hof. „Sie lassen sich aushalten. Nach dem Ersten Weltkrieg nannte man das Rentnermentalität. Sie basteln sich Pöstchen und Ämter und Stellen und Positionen, damit sie die Macht haben, sich gegenseitig die Kohle fürs Nichtstun zuzuschieben. Das Pack drückt sich vor der Arbeit wie der Teufel vor dem Weihwasser.“ „Ich begreife“, gab ich zur Antwort. „Es ist gemeinschaftsschädlich, und es ist asozial. Aber wie wollen Sie das Problem lösen?“ Er steckte sich eine neue Zigarette an. „Leistung soll sich wieder lohnen – wer kann und nicht will, wird eben verhungern. Das ist natürlich brutal, aber so war das im Neoliberalismus vorgesehen.“

Spielten mir meine Augen einen Streich? Das Gesicht kannte ich doch – ich fragte Hängeleben. „Aber ja, das ist sie. Wir haben nämlich ein Auslieferungsabkommen mit den anderen EU-Staaten, deshalb konnten wir Silvana Koch-Mehrin bei ihrer Einreise gleich hier einliefern. Schwerer Fall, sage ich Ihnen.“ Sie machte einen furchtbar ausgemergelten Eindruck. „Ist sie so unbelehrbar wie die anderen?“ Hängeleben seufzte. „Wenn es das nur wäre. Sie betrachtet sich als politische Gefangene und wiegelt die anderen Insassen auf.“ „Womit das denn?“ „Sie fordert ein Recht auf Faulheit. Aber das wird ihr nicht viel nützen. Sie wird hier bleiben. Und dann wird sie irgendwann begreifen, dass das, was sie jahrelang gepredigt hat, gegen sie verwendet werden kann.“ Hängeleben schwieg. „Sie werden es irgendwann begreifen: Arbeit macht frei.“


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2 responses

27 01 2010
wortteufel

Eieieieieiei…

27 01 2010
bee

Eben.

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