Wer’s glaubt, wird selig

1 02 2010

„Und Sie haben sich das ernsthaft überlegt? Keine Zweifel?“ „Nein, wir sind uns vollkommen sicher. Zumal wir auch unseren Anhängern damit eine gute Perspektive geben.“ „Eine Perspektive?“ „Ja, eine Perspektive. Das Bedürfnis nach Spiritualität, nach kultischer Durchdringung des ganzen Lebens und nach einer höheren Macht, nach einem Fundament, das wohnt doch dem Menschen inne. Es mag wohl die geben, die nicht an Geister oder Götter glauben, die keine höheren Wesen anbeten, aber selbst die wollen doch einen Sinn in ihrem Dasein sehen.“

„Nehmen Sie es mir nicht übel – Sie ahnen ja nicht, wie die Amtskirchen und ihre politischen Unterorganisationen sich gegen die Konkurrenz abzuschotten versuchen, ich könnte Ihnen da so manche Sache erzählen – aber ich muss doch noch mal genauer nachfragen: Sie wollen also wirklich Terrorismus als Religionsgemeinschaft eintragen lassen?“ „Ja, das haben Sie richtig verstanden. Wir glauben an den Terrorismus.“ „Sie beanspruchen, ein vollkommen konsistentes weltanschauliches Lehrgebäude zu besitzen?“ „Keinesfalls. Soweit ich weiß, kann das keine der bekannten Weltreligionen. Warum sollten ausgerechnet wir das besitzen?“ „Aber eine Religion muss doch eine bestimmte Logik verkörpern.“ „Wozu? Haben nicht bereits die Vorsokratiker die Mythologie in ihrer gefährlichen Lückenlosigkeit als Menschenwerk entzaubert?“ „Wie dem auch sei – jedenfalls muss das Hand und Fuß haben, was Sie den Leuten verkaufen!“ „Warum denn verkaufen? Wir sind keine billige Sekte wie Scientology oder der Laden von dieser Barbiepuppe mit dem Dachschaden, wie heißt sie doch gleich – wir sind eine Glaubensgemeinschaft, die ihren Anhängern Trost und Halt gibt.“

„Welchen Gott beten Sie an?“ „Keinen. Auch keine Geister, Engel oder sonstige Jenseitswesen.“ „Und Sie wollen eine Religion sein? Ich bitte Sie!“ „Und der Totemismus? der Buddhismus? Zen? Daoismus?“ „Jaja, ist ja gut. Ich habe es kapiert. Was lehren denn Ihre Priester, wenn Sie…“ „Es gibt keine.“ „Jetzt erzählen Sie mir nicht, es gäbe keine Priester – was für einen Hokuspokus veranstalten Sie da? Das ist doch keine Religion!“ „Verzeihung, sehen Sie auch das Judentum nicht als Religion?“ „Was hat das damit zu tun?“ „Wie Sie wissen dürften, ist ein Rabbiner ein Kenner und Interpret der Tora, aber kein Priester.“ „Wen haben Sie denn dann? Heilige?“ „Verehrungswürdige Personen.“ „Und wer ist das?“ „Beispielsweise Polizisten.“

„Es muss doch aber einen Gott geben in Ihrer Vorstellung. Oder etwas Göttliches.“ „Also jenes höhere Wesen, das wir verehren, nicht wahr?“ „Genau. Das muss doch irgendwo sein.“ „Warum denn? Für Stoßgebete?“ „Beispielsweise.“ „Also eine Funktionalität, wenn menschliche Erkenntnis an ihre Grenzen stößt? wenn der Mensch versagt und in seiner an sich logisch durchdachten Welt nicht mehr zurechtkommt?“ „Sie sagen das so despektierlich.“ „Durchaus nicht. Ich beschreibe nur den deus ex machina, den jedes dieser Systeme aus dem Hut zaubert.“

„Aber mal im Ernst: Sie müssen doch mit Ihrer Religion einen Zweck verfolgen. Das ist sonst Kokolores.“ „Wir haben einen ethischen Kodex. Gebote, Verbote.“ „Sie meinen, wie man sich bei einer Sicherheitskontrolle verhält?“ „Exakt. Der Zwang ist für uns ein verbindendes Element, er gibt dem Leben Struktur. Daraus entsteht dann ein Symbolsystem.“ „Lohn und Strafe?“ „Richtig. Wir sehen unser Leben als kontinuierliche Motivation, wir sind geistig durchdrungen vom Terrorismus und können daraus eine ganz neue Ordnung unseres Daseins schöpfen.“ „Das Leben als permanenter Sicherheitscheck? Sie haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ „Diese Beleidigung gilt auch dem Innenminister, wenn ich Sie darauf aufmerksam machen darf. Außerdem ist das der entscheidende Punkt, der eine Religion von einfacher Ideologie trennt; ein Glaubensgebäude integriert auch völlig unsinnige Ansichten oder Direktiven, wenn man sie nur als transzendente Notwendigkeit ansieht.“ „Das müssen Sie mir erklären.“ „Warum sollen Frauen bis zur Eheschließung unberührt bleiben, warum darf man keine Langusten essen?“ „Es ist nicht anständig, wenn Frauen…“ „Sehen Sie? Sie haben die symbolischen Vorschriften Ihrer Religion schon komplett als Ihre eigenen verinnerlicht.“ „Und wozu dann diese Sinngebung im Unsinn?“ „Um aus dem Zwang eine Struktur zu erzeugen. Dass der Verzehr von Langusten irgendeine negative Folge zeitigen könnte, ist irrelevant; es zählt der Glaube, dass es Gott oder wem auch immer nicht gefällt. Es geht um die Dogmen: Du darfst nicht – Du musst – das ist so. Die Ansichten sind streng auf den Glauben bezogen, so dass Faktizität entsteht und alles als wirklich gilt. Wer’s glaubt, wird selig.“

„Was steht denn im Mittelpunkt Ihrer religiösen Vorstellungen?“ „Wir sind eschatologisch. Uns ist der Terroranschlag verheißen, er komme, sein Wille geschehe. Wann, wie und wo, wissen wir nicht. Wir wissen nichts. Nicht einmal, ob er überhaupt stattfinden kann, aber das ist unwichtig. Wichtig ist, dass wir trotzdem an seine Ankunft glauben.“ „Das ist doch vollkommen widersinnig!“ „Richtig. Aber wir glauben eben daran.“ „Und bis dahin…“ „… leben wir in panischer Angst, lassen uns demütigen und erniedrigen, damit er nie passiert, und beten darum, dass er passiert und uns aus dieser Angst und Erniedrigung erlöst.“ „Und dann?“ „Sind alle vernichtet, die dagegen sind. Oder anders. Oder nicht daran geglaubt haben.“ „Und Sie selbst?“ „Wir auch. Es ist ja schließlich der Weltuntergang, nicht wahr?“ „Stimmt, ich vergaß. Welche Perspektiven haben Sie?“ „Mal sehen. Als zukünftige Staatsreligion der westlichen Welt könnte da einiges möglich sein.“


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