Gernulf Olzheimer kommentiert (XLIII): Hypochonder

5 02 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenn die Tage langsam kürzer und die Nächte kühler werden, wenn der seit dem Spätsommer in den Kaufhallen angestaute Spekulatius zur Neige geht, wenn es fast weihnachtlich zu werden droht und langsam der November auf dem Kalender sich zu zeigen anschickt, kurz: wenn in europäischen Gefilden endlich wieder heimeliges Scheißwetter den Aufenthalt in geschlossenen, überdachten, beheizten Räumen zum erstrebenswerten Zustand macht, dann holt eine Armee zum grausamen Vergeltungsschlag an der restlichen Welt aus – das Heer der Hypochonder. Nur konsequente Inzucht, frühzeitiges Abtrainieren der Hirnzellenverwendung sowie monomanisches Herumvegetieren auf einer quasi punktförmigen Fläche dieser existenziellen Abschussrampe formerly known as Dasein kann den introspektiven Vollidioten zu diesen Höhen führen, die jeden anderen längst in die Regionen des großen Kopfaua geführt hätten.

Wann und wie die Hypochondrie ausbricht, ist bislang ungeklärt. Manche Beobachter gehen von naturbelassener Beknacktheit aus, die TV-Shows über die Schweinegrippe in die fatale Richtung triggern. Andere heben zwanghaftes Stöbern in Gesundheitslexika hervor, wobei eine Mehrheit den Konsum von Apothekenzeitschriften als Anfixe nicht vollkommen auszuschließen gewillt ist – Farbberichte über Ekzem, Reizblase und Gasbrand heben die verzweifelte Stimmung in der Krankheitsherde und füttern die imaginären Leider mit Hoffnung auf ekelhaftes Siechtum, Gebrechen im Endstadium, Auszehrung, Verfall und Schwund für die Galerie. Der professionelle Wahnkranke hakt im Laufe eines Tages routiniert ein komplett ausgebildetes Karpaltunnelsyndrom und ein besonders schönes Hirnödem ab, um dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, kurzfristig an Milchschorf zu verscheiden. Flexibilität ist der zweite Vorname dieses Bescheuerten, er ist in der Lage, Spitzenleistungen der Symptomatik zu vollbringen: aus beliebigen Krankheitszeichen wie trockenem Husten, leichtem Ziehen in der Hüfte oder spontanen Schädelfehlbildungen schwiemelt er neue Seuchen, die fast immer wenigstens ein Opfer fordern – den Arzt, der sich das dünn angerührte Kasperletheater des Behämmerten antun muss.

Chronische Fälle sind sogar in der Lage, mit ihren darstellerischen Fähigkeiten einen Grand mit Viren auszuspielen und, obzwar gesund, ein ganzes Wartezimmer mit Schweinegrippe zu infizieren. Überhaupt liegt der Verdacht nahe, Hypochonder pflegten ein unnötig enges Verhältnis zu den Präparatproduzenten. Denn sind Krankheitskomiker ohnehin schon die geborenen Vollopfer, machen sie sich auch noch freiwillig zu Versuchskaninchen der Pillendreherkonzerne. Als wäre diese Form von Beklopptheit noch medikamentös zu bekämpfen.

Man könnte sie ja ignorieren, wenn sie nur geschwächt darniederlägen und verzweifelt ihr Lebensende abwarteten – doch sie tun uns den Gefallen leider nicht. Stattdessen toben Kompanien herzrhythmusgestörter Schlaganfallpatienten von einem unschuldigen Gesunden zum nächsten, um allen mit chirurgischer Präzision die Einzelheiten von Nachtschweiß, Blutzuckergehalt und neuropathologischen Ausfällen vorzuschwallen. Selten verstirbt einer der Wahrnehmungsgestörten, eher handelt sich die geplagte Umwelt ein Burnout-Syndrom mit einer Extraportion Ohrenkrebs ein.

Was einen richtig in die Nähe der Hirnembolie treibt, ist die egozentrische Selbstverständlichkeit, mit der die psychosomatischen Nervbeulen sich ihre Vorzugsbehandlung unter den Hohlpflöcken dieser kranken Gesellschaft herausnehmen. Denn wer ist dafür verantwortlich, dass der Hausarzt nach stundenlangem Geschwätz mit dem Jammerbeutel gepudert zusammenklappt und keine Luft mehr für andere Erkrankte hat? Wer organisiert Busreisen, um gleich als Hundertschaft den Verkaufsraum der Apotheken zu verstopfen, damit Rheumapflaster und Kopfschmerztabletten gegen Pest, Pocken und Plattfüße die Nasszellenschränkchen aufpolstern? Vielleicht erwarten sie, für die das Leben Schmerz und schlechte Verdauung, Masern und Juckreiz ist, Ziel und Zweck der ganzen Aktion sei, irgendwann gewaltig eins aufs Maul zu kriegen und endlich einen handfesten Grund zur Beschwerde zu haben.

Doch inzwischen haben sie die Heilpraktiker entdeckt; hoffen wir das Beste, dass sie sich mit den Hundertsassas unter den Scharlataneriefachkräften kurzschließen und den perfekten Deal aushandeln, eingebildete Therapeutika gegen eingebildete Krankheiten, um den anderen Mitgliedern der kranken Kassen nicht mehr auf den Senkel zu gehen. Bald werden die Homöopathen nachziehen, man ahnt schon, wie sie reinen Luftsauerstoff in destilliertem Wasser aufquirlen und Zuckerperlchen gegen geträumtes Rheuma drehen – die Hirnazubis sind wieder unter sich, die einen geben sich ihrer eingebildeten Krankheit hin, die anderen der kranken Einbildung, ihre Placebojonglage sei sinnvoller als Schmeißfliegendressur. Wer weiß, ob dies nicht eine der Geschmacklosigkeiten ist, mit denen uns die Evolution nachhaltig zeigen will, wie überbewertet doch die Vernunft ist.


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Eine Antwort

6 02 2010
Hustenmittel « lamiacucina

[…] Rettich ist bei uns Hypochondern ein beliebtes, harmloses, wirkungsvolles, schleimlösendes Mittel bei verhocktem Husten. Mindestens […]

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