Eis? Ätsch!

8 02 2010

Die politische Großwetterlage, befanden Experten, sei gerade etwas unterkühlt. Die Binnenkonjunktur fröstele, die Stimmung im Gesundheitswesen sei geradezu eisig, und sollten die Verfassungsrichter Hartz-IV-Sätzen für Kinder ein Hoch bescheren, so begebe sich ganz Deutschland aufs Glatteis. Das Land, diagnostizierten die Fachleute, friere am Boden fest. Handeln sei jetzt dringend nötig. Darum beließ es der Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung bei Absichtserklärungen und fand vor dem Hintergrund kommender Landtagswahlen den Schuldigen: Peter Ramsauer machte den anhaltenden Winter verantwortlich für die Umfragewerte, die der Regierung miserable Arbeit bescheinigten. Da nun der Zusammenhang auf der Hand liege, müsse man schnell reagieren.

In der CSU-Parteizentrale bildeten sich alsbald drei Gruppen. Einige hatten die Wechselbeziehung von Winterwetter und Volksbefindlichkeit nicht recht kapiert und machten weiter, als sei nichts passiert; andere nannten die jähe Erkenntnis des Bayern-Kuriers grundsätzlich richtig, übten aber scharfe Kritik, dass man der FDP die geheimen Erkenntnisse koalitionären Regierens einfach so in die Hände spielen würde; die dritte, die größte Fraktion schließlich, hatte nichts mitbekommen, fand es vollkommen richtig und verbat sich jegliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Christsozialen. Man war voll des Lobes; Edmund Stoiber hatte schon Stunden später einen Hauptsatz lebend überstanden, in dem er den analytischen Scharfsinn des Traunsteiners pries und stolz zum Ausdruck brachte, nur mit derartigem Sachverstand bringe man es zu Spitzenämtern in der Volkspartei. Auch außerhalb bayerischer Bierlokale nahm man sich des Politikers an. Schließlich wollte man sich die Chance nicht entgehen lassen, Ramsauer als den dastehen zu lassen, für den er im Bundesgebiet galt: ein Musterbeispiel dessen, was man von einem CSU-Minister intellektuell erwarten könne.

Die Debatte nahm an Fahrt auf, als man ihre inhaltlichen Bestandteile entdeckte. 16 Milliarden Tonnen Eis und Schnee seien eine große nationale Aufgabe, ließ sich Guido Westerwelle vernehmen. Man könne sie nur mit einer Kopfpauschale richtig in den Griff bekommen – wobei klar sei, dass die Leistungsträger dieser Republik gerne Verzicht zu üben bereit waren, ihre 200 Tonnen dürfe man auf die vaterlandstreuen Steuerzahler verteilen. Die SPD wies den Vorschlag glatt von sich. In einer flammenden Rede warf Parteichef Gabriel der Regierung soziale Kälte vor. Claudia Roth höhnte, bei Ramsauer habe der Nachtfrost eingeschlagen. Der deutsche Qualitätsjournalismus wähnte den Müllermeister in der politischen Tiefdruckzone gefangen. Nichts deutete auf außergewöhnliche Umstände hin.

Da platzte die Bombe wie ein Wasserrohr im Permafrost: hatte Ramsauer, als er die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie versagte, einen schweren meteorologischen Ausnahmefehler begangen? Waren die jahrelangen Kaltfronten aus dem Osten am Ende seine Schuld? Hatten sie vielleicht sogar die Linken wie eine Schneewehe aufgetürmt? So recht schien nichts mehr undenkbar. Es roch nach Entmachtung, der Winter übernahm das strenge Regiment; sogar die Behauptung, die Tigerenten machten ihre Politik für das ganze Volk, bekam nun einen gefährlichen Beiklang von Wahrheit.

Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten. Roland Koch schlug vor, Hartz-IV-Empfänger sollten sich durch Rundlutschen von Eiszapfen um die Wiedergesundung des Staates bemühen. In aller Eile erstellte Schneefiguren von Merkel, Westerwelle und Seehofer, die die Koalitionsspitzen mit jeweils heruntergelassener Hose zeigten, irritierten jedoch die Öffentlichkeit. Die Wetterfrösche in der Regierungsmannschaft schüttelten ein ums andere As aus dem Ärmel. Wirtschaftsminister Brüderle orakelte, wenn der FC Bayern München nicht das nächste Auswärtsspiel gewönne, fiele der DAX. Ursula von der Leyen brauchte mehrere Hähne, um durch Krähenlassen den todsicheren Wetterwechsel herbeizuhexen. Im Zorn riss sie den Mistkratzern meist vorher den Kopf ab, wie sie es auf den Voodoo-Abenden im FDP-Ortsverein kennen gelernt hatte.

Auch Ramsauer selbst begegnete dem kalten Grausen tatkräftig. Anlässlich des jährlichen Wasservogelsingens in Berchtesgaden hob der Hobbyklavierspieler hervor, die Bundesregierung habe sich ausländische Kompetenz ins Boot geholt, um der politischen Herausforderung zu begegnen. Die unter der Choreographie eines tungusischen Schamanen erarbeitete Wetterzauber-Performance des Wirtschaftsfachmanns hob die Laune der Betrachter flugs in frühlingshafte Hochstimmung. Es war auch zu putzig anzusehen, wie der Bayer zum Wohle des Souveräns in einem Baströckchen barfuß im Schneematsch herumhüpfte und kehlige Grunzlaute ausstieß. Mehrere westafrikanische Auslandskorrespondenten meldeten in ihre Heimatländer, in Europa hätten endgültig die Deppen die Macht übernommen.

Nur Angela Merkel konnte man es wieder nicht recht machen. Da hatte Kanzleramtsminister Pofalla bereits die Rede geschrieben, dass der fürchterliche Stimmverlust der christlich-liberalen Mitte an der ungebremsten Erderwärmung läge, und jetzt kam dieser Schneemensch ihr in Nordrhein-Westfalen dazwischen! Die Stimmung sank auf den Gefrierpunkt. Man befürchtete schon, sie wolle den Spitzenkandidaten der Schwesterpartei kaltstellen, doch die Regierungschefin bekam die Kuh vom Eis. Und Entschuldigungen für die Folgen des maroden Bahnverkehrs, das war auch ein angemessener Job für Peter Ramsauer.


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