Fuselabend

16 02 2010

„Unna Hall am Arsch!“ „Ruff-drr-aa, duff-drr-daa, duff-dadda-duff-da-ruff, duff-duff!“ Horst Breschke war in seinem Element. Mit vollem Einsatz beider Ellenbogen verlieh er seinem Enthusiasmus für die schmissigen Rhythmen der Feuerwehrkapelle beredte Gestalt. Der pensionierte Finanzbeamte war vom Scheitel bis zur Sohle, von bunten Papierorden bis zur Narrenmütze als imposante Verkörperung altehrwürdigen Brauchtums zu erkennen. Die Prunksitzung war in vollem Gange. Ich mittendrin.

„Sie machen das zum ersten Mal mit?“ Doktor Klengel legte mir begütigend die Hand auf den Arm. „Man gewöhnt sich daran. Es sieht alles ein bisschen wild und wirr aus, aber Sie werden bald Gefallen daran finden.“ Ich fragte meinen Hausarzt, warum er denn trotz seiner anhaltenden Kritik seit nunmehr dreißig Jahren jedes Jahr die Saalabende mitmache. „Schauen Sie“, brüllte Klengel gegen den Lärm der einsetzenden Blasmusik, „jedes Jahr im Herbst vergesse ich, meine Mitgliedschaft im Karnevalsverein zu kündigen. Wenn man schon mal Mitglied ist, warum soll man dann nicht auch diese Sachen hier über sich ergehen lassen?“ Das klang logisch. Wenngleich mir derlei Begeisterung nicht zur Verfügung stand, ich war eher gezwungen, in der stickigen, lärmdurchtosten Luft des Festsaals zu hocken. „Das ist auch fast schon ganz zu Anfang“, hatte mir Breschke versprochen, „also direkt nach den Fliegenden Funken, oder wie diese Tanztruppe da heißt.“ Jetzt aber hockte er am Tisch, bibberte vor Aufregung und trank hektisch ein Glas Weißwein nach dem anderen.

Die Damen der Prinzessinnengarde (allesamt ältliche Frauenzimmer in viel zu engen Trikots) hatten ihre liebe Mühe, Hebe-, Stemm- und Schleuderfiguren zu meistern. Wer war das da in der Mitte des Elferrates? Diese sauertöpfische Miene – „Isoldemarie Flöhstedt-Weber“, bestätigte Doktor Klengel, „ist sogar mit ihrem Rechtsanwalt tätig geworden, damit sie mit ihrer Bürgerinitiative ins Festkomitee abgeordnet wird.“ Ich versuchte, mich zu erinnern. „Karneval im Gedenken an Frau und Umwelt?“ „Verein für Karneval trotz Frau und Umwelt“, korrigierte Klengel. „Was erwarten Sie auch von einer Gymnasiallehrerin?“

Da war es endlich, das Zeichen. Herr Breschke straffte sich, stand mit geschwellter Brust auf und schritt leicht schwankend zu dem Treppchen, das auf die Bühne führte. Der Trompeter setzte sein Instrument an. Unter schrägem Geschmetter stapfte Breschke auf dem Podium in Richtung Rednerpult. „Wo ist er denn jetzt hin?“ Verdutzt schaute ich auf und sah Klara Täschner hinter mir, einen pompösen Strohhut auf dem Kopf und ein Tablett in den Händen. Ich wandte mich an Doktor Klengel. „Haben Sie Ihre Sprechstundenhilfe mitgebracht?“ „Zahle ich so schlecht“, mopste sich der Arzt, „dass Frau Täschner auf eine solche Nebenbeschäftigung angewiesen wäre?“ Sie blickte finster drein. „Und wo lasse ich jetzt das Viertel?“

Oben auf der Bühne hatte Breschke seine Rede begonnen. „Was kann es Schöneres im Leben“, skandierte er, „als einen guten Nachbarn geben?“ Ein bisschen schwankte er nach links, dann hatte er das Pult wieder im Griff – respektive umgekehrt. Breschke fuhr fort: „Doch unangenehm wird es dann, wenn der Nachbar kein guter Nachbar sein kann!“ „Das holpert!“ Isoldemarie Flöhstedt-Weber moserte dumpfig von hinten. „Nochmals im ganzen Satz, bitte!“ Breschke blickte sich irritiert um, schüttelte den Kopf und setzte seinen Vortrag fort. „Vor allem fällt unangenehm auf, wo von einer Zierkirsche ständig fällt das Laub!“ „Reimt sich nicht“, nörgelte die Deutschpädagogin. Klengel feixte. „Sagen Sie jetzt bloß nicht, Sie haben ihm bei der Büttenrede geholfen.“ Ich runzelte die Stirn. „Auf Gabelstein kann er alleine schimpfen, außerdem würde ich so etwas nie verzapfen.“

„Wo soll ich denn jetzt mit dem Wein hin“, brachte sich die Sprechstundenhilfe in Erinnerung, „und wer bezahlt mir die anderen neun Viertel?“ Klengel riss bestürzt die Augen auf. „Neun? Sie haben ihm schon neun Viertel gegeben?“ „Er war doch das reinste Nervenbündel“, verteidigte sich Frau Täschner, „das erste hat er schon komplett auf dem Tischtuch verkippt.“ „Um Gottes Willen!“ Der Allgemeinarzt schlug die Hand vor den Kopf. „Breschke bekommt Phypotrolifinox forte, dem können Sie doch keinen Alkohol verabreichen, was haben Sie sich denn bloß…“ Er wollte auf die Bühne eilen, doch ich hielt ihn ab. „Reichen Sie mir einen von diesen Holzspießen“, orderte ich bei der Kellnerin. „Weg mit dem Käse, und dann geben Sie mir Rückendeckung.“ Die Kapelle hatte ebenfalls einen gewissen Pegel erreicht. Ich ließ einen Schein in die Brusttasche des Posaunisten gleiten.

Breschke stammelte sich versweise am Redetext entlang. „Wer mit dem Staub… hick! Laubsauger, mit dem Laubdings… na! Dings eben…“ Die Merkerin atmete gerade zur Wortspende ein, ich riss den Taktstock hoch: Dadda-duff-drr-daa-radda-dumm, tsching-buff! „Die Gartenzwerge und die… Gabelstein, der kann nicht mal seinen Rasenmäher ordentlich…“ Dadda-duff-dadda-dumm, drr-daa-radda-duff, duff-duff! „Und der kippt Streusalz da hin, wo Bismarck auf sein Grundstück macht und…“ Dadda-duff, dadda-duff-drr-uff! Tsching-duff-dadda-buff! Duff! Duff!

Ich spritzte Breschke kaltes Wasser ins Gesicht, während Doktor Klengel ihm den Puls fühlte. „Ah, er ist robust. Das wird wieder. Ich überlassen Ihnen gerne meinen Patienten. Sie können das wohl besser.“ Fragend schaute ich ihn an. Er lächelte schelmisch. „Ihm den Marsch blasen.“


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2 responses

16 02 2010
lamiacucina

„man gewöhnt sich daran“. Das versuche ich schon seit 40 Jahren, ohne Erfolg.

16 02 2010
bee

Allgemeinmediziner haben da den großen Vorteil, dass sie gegen die grassierenden Krankheiten schnell immun werden 😉

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