Gernulf Olzheimer kommentiert (XLVII): Vertreter

5 03 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nicht immer und überall, denn das ist einerseits eine Frage historischer Einordnung, andererseits stark davon abhängig, in welcher Region man seine Klappe aufreißt, kurz: nicht immer und überall beginnt der Tag mit einer Schusswunde, und ganz davon abgesehen sollte man vorher ausdiskutieren, wer die Knarre hat und wer beschossen wird. Manchmal muss man sich einfach bescheiden und lebt friedlich wohl besser, manchmal begreift man instinktiv, dass das, was einem da gegenübersteht, als Mensch zu dumm sein und als Schwein zu große Ohren haben könnte. Eine gefährliche Spezies verlangt nach harter Bestrafung, weil sie sonst vermutlich irgendwann die Weltherrschaft übernimmt: Vertreter.

Schon das aufreizende Schnarren der Türklingel klingt bei ihnen die entscheidende Spur nerviger als bei harmlosen Sektenmissionaren, die einem ein Viertelpfund Armageddon mit Schleifchen ans Ohr quaken wollen; kaum hat man den in braungraue Polyesteranzugfolie eingeschweißten Beknackten an der Außenseite der Schwelle entdeckt, könnte es Zeit sein, sich dem traumlosen Tiefschlaf, einer Runde Apnoeseilspringen oder einer mehrstündigen Meditation über einen zünftigen Kōan aus der Knochenbrecherklasse hinzugeben, denn sinnvolle Äußerungen sind vorerst nicht zu erwarten. Das Gesichtsschnitzel mit der Kunstlederaktentasche holt mal eben die aktuelle Halbjahreskollektion an Brechtüten, Schnirkelschneckensammeltassen und Staubsaugerfilterhalterersatzhandgriffen raus, um das aus seiner Perspektive arg- und wehrlose Opfer ins Koma zu seiern. Mit Erfolg. Drei Viertel der unvorbereiteten Bürger erliegen der Laberzirrhose und unterschreiben im Halbschlaf einen Sieben-Jahres-Vertrag, der sie verpflichtet, jeden Tag eine fabrikneue Basstuba mit Zubehör abzunehmen, Tragetasche, Polkanoten und Schrotflinte gegen lärmempfindliche Etagennachbarn. Die Branche der mittelgebirgischen Basstubadengelkleinklitschen ist gerettet, der jeweilige Seelsorger jault Jeremiaden und verflucht den Tag, an dem der Vertreter sich in den Landstrich geschlichen hat. Der Krieg beginnt.

Denn es ist egal, ob Blas-, Saug- oder Schranz-und-Häckselvorrichtung, der Propagandist vor der Haustür kommt in Kurzwaren, aber nie in Frieden. Er hat sich vorgenommen, seine Kasperade mit größtem Krach zu veranstalten, damit der Blutzeuge des Staubsaugerbeutels elend vor dem Auftragsformular einknickt und seine Sippe für einen hingeschwiemelten Schriftzug verscheuert. Gibt der an sich geistig gesunde Nichtschwimmer vor dem Kauf eines Taucheranzugs auf, dann lohnt sich das Dasein einer Koordinationsbrezel mit Musterköfferchen, denn die Resterampe im Hintergrund rückt die Provision raus. Sein Dasein beschränkt sich, Darmbakterien, Stoppschildern und Großkalibermunition vergleichbar, auf einen einzigen Zweck, und man muss ihn in keinem der Fälle unbedingt produktiv nennen.

Sollte nicht der personifizierte Staubsauger vor der Tür lungern, sondern ein Laberlurch im DDR-Gedächtnis-Jeansanzug, der sozial auffällige Fragen stellt: ob man etwa gegen entlassene Strafgefangene eingestellt sei, so empfiehlt sich unverzügliches Umschwenken auf eine andere körperliche Haltung. Einerseits kann man gegen den Drücker, der einem Klatschblatt und Primatenpostillen unterzujubeln versucht, mit einer leichten juristischen Finte vorgehen, indem zugibt, als hochgradig Bekloppter unterschriebe man sowieso jeden Scheißdreck, der Amtsrichter möllerte Vertragswerk hernach stets genussvoll in den Reißwolf; andererseits empfiehlt es sich, zuzugeben, seit der langen Haftstrafe, als man einen Teppichbodenverkäufer im Treppenhaus derart brutal zerschlagen hatte, dass die Behörden die Identität des Opfers nur noch aufgrund der miserablen Qualität seiner Schnürsenkel haben eruieren können, sei einem so gut wie nichts mehr fremd, und der Bewährungshelfer habe gerade noch Mut gemacht: wenn nun kein Vertreter mehr auftauche, der einen in Blutrausch versetze, sei eine günstige Sozialprognose anzunehmen.

Der Schlag trifft einen immer dann, wenn man sich samstags nach einem längeren Mahl in die Ruhephase zurückziehen will, um des Privaten sich zu befleißigen. Die Galle quatscht schaumförmig zu den Ohren heraus, wenn man bereits derart im Privaten sich befindet, dass die Arschkrampen einem am Telefon auflauern und dieselbe Scheiße in akustischer Form hochkochen. Den Hörer ans Ohr gepresst lauscht man zitternd dem tollen neuen Gartenzwerg-Sonderangebot, das das Callcenter im Fettdruck vorquäkt. Das soll Begehrlichkeiten erzeugen, und es weckt wirklich Wünsche, vor allem denjenigen, dem beteiligen Trötenkönig auf fernmündlichem Weg Blümchenmuster in den Neocortex zu fräsen oder anderweitig zu mittelalterlichen Strafen zurückzukehren.

Es bleibt zu hoffen, dass weniger Zahnbürsten und Hundezeitschriften, Kaffeemaschinenentkalker und Stützstrümpfe das Sortiment der Vertreterbande ausmachen. Eine Basstuba eignet sich nämlich viel eher dazu, den Behämmerten zu zeigen, dass sie sich besser eine Lebensversicherung hätten aufschwatzen lassen sollen. Wozu, fragt man, gibt es schließlich Vertreter.


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