Flachnummer

8 03 2010

Die Debatte war – in einem Kreis fast einheitlich kompetenter Diskutanten – auf weiter Strecke recht harmonisch verlaufen; einzelne provokante oder in ihrer Formulierung doch zugespitzte Beiträge hatten nicht darüber täuschen können, dass die Runde im Großen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Vorratsdatenspeicherung für weise und maßvoll erachtete und an der Grundgesetzeskonformität der deutschen Politik, so es sich nicht um untaugliche Versuche seitens der Bundesregierung handelte, keinen Zweifel ließ. Allein Wolfgang Bosbach litt es nicht. Als Flachpfeife beschimpfte er seinen im intellektuellen Streit überlegenen Gegner.

Natürlich war die Öffentlichkeit bestürzt. Wer konnte schon wissen, was den Terrorexperten der Union zu dieser kontroversen Äußerung hingerissen hatte? Würde er um Entschuldigung bitten? Sich erklären? Den nächsten Gegner als gottverdammte Drecksau titulieren und damit auf sein christliches Menschenbild rekurrieren? Fragen, die zu stellen eine (das muss man doch noch sagen dürfen) kritische Öffentlichkeit geradezu gefordert war. Bosbach versuchte nicht, sich zu entschuldigen. Damit nahmen die Dinge ihren Lauf.

Die Regierungspartei ging sehr locker damit um. Flachpfeifen seien sie alle, mehr oder weniger, wie sich Kanzleramtsminister Pofalla erklärte. Kaum jemand hätte das aus seinem Munde in Zweifel gezogen. Auch die Beteuerung von Jürgen Rüttgers, die Flachpfeifen von Bund, Ländern und Gemeinden würden künftig mehr Geschlossenheit zeigen, goss eher Öl auf die Wogen – Hessen schaukelte sich schon in Sicherheit, konnte sich angesichts des leise knarzenden Fallbeils über den NRW-Kollegen gewisse Spitzen nicht verkneifen. Der Kollege pfeife flach, so Koch, aber auf dem letzten Loch. Was ja auch keiner bestritten hatte.

„Wir Flachpfeifen“, predigte die Kanzlerin als Sprachrohr der Eurozone – mit dem Predigen kannte sie sich aus, mit der Zone erst recht – „werden eine gemeinsame Lösung finden für die Probleme in Griechenland. Und dann finden wir gemeinsam die Probleme, für die wir Flachpfeifen in den anderen Ländern auch nicht verantwortlich sein wollen werden.“ Da freute man sich.

Der Bendlerblock tobte. Dass der Minister so viel, was er nicht wissen wollte, auch tatsächlich gar nicht wusste – das sollte auch zu Normalnull erklärt werden. Die Flachpfeifen in Kundus, teilte der Freiherr mit, seien auf dem Kenntnisstand der Flachpfeifen in Berlin gewesen.

Just in diesem Moment wurde auch die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages eingesetzt. Das Internet, so die einhellige Aussage, dürfe nach Meinung führender Flachpfeifen kein rechtsfreier Raum sein. Zunächst bräuchte es eine deutschlandweit vernetzte Datei, um Risikogruppen wie Sexualmörder oder Mehrfachvergewaltiger zu erfassen, vornehmlich dann, wenn diese Taten nicht nur vor mit islamistischem Hintergrund, sondern auch online begangen würden.

Der kleinere Koalitionspartner wollte da nicht zurückstecken. Auf einer Wahlkampfveranstaltung im Äußerlichkeitsministerium beharrte Guido Westerwelle darauf, auch die Liberalen hätten als Flachpfeifen zur politischen Kultur ein Wort mitzureden. Es gäbe keine Flachpfeifen, das denke die schweigende Mehrheit, jedenfalls zwei, wenn nicht mindestens zwanzig Prozent, wenn nicht die Freidemokraten selbst nach jedem Flachpfiff zu tanzen sich angewöhnt hätten. Ein niedrigeres System forderte der Vorsitzende; über das Gerechte und den unkomplizierten Ausgleich unterhielt man sich nach seiner Abreise zu einer Vortragstour.

Das Kanzleramt nahm den fortgesetzten Schnee in Norddeutschland billigend in Kauf und erklärte die Situation zu einer unerheblichen Abweichung vom Normalzustand. Sie hatten nicht mit dem Innenausschussvorsitzenden der Christlichen gerechnet, der die klimatische Veränderung als Vorbote einer weitaus schlimmeren Bedrohungslage interpretierte. „Wir werden alle sterben“, erkannte Bosbach die Sachlage. Ein Biologielehrer und ein Dorfpastor aus Brandenburg bekannten: der Mann könnte richtig liegen. Versicherungsmathematiker blätterten in ihren Unterlagen und gaben zu, dass an der These etwas dran sein dürfte. Hartgesottene Bestatter gestanden sich ein, am Ende des Tages entspreche dies alles doch der Wahrheit.

Es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen. Natürlich ist es einfach nur Glück, dass bisher keine große Bedrohungslage eingetreten war, aber das rechtfertigte nicht ein sinnloses Beharren auf den Grundrechten der Bundesbürger. Deutschland war auf einmal eine Flachpfeife. Die Nation lag auf der Nase, aber sie hatte endlich wieder Bodenhaftung.

Bis zu jenem Freitag, als der Fachmann für Staatssicherheit bei der Veranstaltung der bayerischen Schwesterpartei über verrohte Jugendliche sprechen durfte. Die Täter, wetterte Bosbach, würden immer jünger; neben der massiven Gewaltbereitschaft fiele insbesondere die deutliche Zunahme exzessiven Alkoholkonsums auf. Bei diesem Schwerpunkt unionsgeführter Innenpolitik ließ sich die CSU nicht länger auf eine Verhandlung mit dem Einzelhandelskaufmann aus kleinbürgerlichen Verhältnissen ein. Bosbach schob schnell noch Warnschussarrest, Fahrverbot als Knastersatz und die Verschärfung der Jugendstrafen nach, als er sich sicher war, dass sie nicht verfassungskonform waren. Doch sie lehnten die Zusammenarbeit ab. Mit Flachpfeifen, so Generalsekretär Dobrindt, habe man kein Problem. Nur mit Flachzangen.


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