In Teufels Küche

9 03 2010

„Oh Mann, das ist doch echt ein Sauhaufen! Gibt’s eigentlich einen einzigen Typen, der weiß, was hier Phase ist?“ Ein Dutzend Augen glotzte den Mann in der blütenweißen Küchenschürze an, als hätte es gedonnert. Und der hieb einfach mit der flachen Hand auf den Tisch. „Avanti! Leute, hat man Euch nach dem Hirnabsaugen im Boden einbetoniert?“

Mein Respekt vor Siebels stieg schier ins Unermessliche. Wen hatte er nicht alles vor die Fernsehkamera gelockt – Politiker, Spitzenbanker und andere gescheiterte Existenzen – und jetzt sah ich begeistert zu, wie ein TV-Star die Mannschaft scheuchte. „Großartig“, rief ich begeistert, „das macht Ihnen so schnell kein Produzent nach. Mit dem Format schreiben Sie Mediengeschichte!“ Siebels tat wie immer ein bisschen geschmeichelt, bevor er zu erklären ansetzte. „Dass Christian Rach diese Woche Zeit hatte, ist aber auch wirklich nur Zufall. Normalerweise müsste er gerade ein paar Restaurants in Hessen in die Tonne treten, aber das erledigt das Wachstumsbeschleunigungsgesetz. So haben wir ihn kurzfristig noch gekriegt.“ „Aber Sie dürfen auch das Format nicht unterschätzen“, insistierte ich, „wir sind ja schließlich nicht in einer beliebigen Pizzabude.“ Obwohl es im Thomas-Dehler-Haus auch nicht gerade anders aussah.

„Was ist das denn hier wieder für ein Siff?“ Der Küchenkatastrophentourist packte die Ansammlung von Altpapier und schmiss sie auf den Boden. „Phrasenpapier für Steuersenkungsversprechen? Sozialistische Auswüchse im Prekariat? Habt Ihr noch alle Tassen im Schrank? Das wird hier mal ordentlich durchgeputzt, aber dalli!“ Keiner rührte sich. Da polterte Rach los. „Dieser ganze Dreck aus der Opposition kommt weg, aber schleunigst!“ Er packte den erstbesten Liberalen am Kragen. „Ich sage das nicht gerne zweimal – jetzt wird hier ausgemistet, die FDP ist in der Regierung. Eure ganzen Sprüche von vorgestern will keiner mehr hören!“ Der Mitarbeiter mopste sich. „Das lassen Sie mal nicht den Chef hören. Der ist nämlich der Außenminister und wichtig. Der wird Ihnen…“ Ein finsterer Blick traf ihn.

Rach blätterte angewidert das Parteiprogramm durch. „Mein Gott“, stöhnte er, „was ist das denn? Diesen Unfug kriege ich doch an jeder politischen Frittenbude, und zwar wesentlich besser. Wer hat sich das denn ausgedacht?“ Keiner hatte eine Antwort parat, um so unerbittlicher hakte der Unternehmensverbrater nach. „Das ist doch alles halbgares Zeugs hier, da steht Liberalismus drauf, aber was ist das denn? Tütenware mit Billigmatsch und Fertigzeugs, und dafür diese Preise? Ihr seid ja wohl alle vom wilden Mann gebissen! Wenn ich irgendwo FDP höre, dann will ich auch genau wissen, was diesen Laden hier ausmacht? Warum sollte ich diese Partei wählen? Warum nicht gleich die Union? Was ist das alles hier eigentlich?“ Erschüttertes Schweigen hing im Raum.

„Und das Tolle ist“, lächelte Siebels, „dass er sich nicht einmal zu ändern braucht. Er macht einfach das, was er immer schon gemacht hat.“ „Sie meinen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen der FDP und einer Wurstbude?“ Der TV-Macher rückte seine Brille zurecht. „Es ist eben der Charme seiner Arbeitsweise, dass er in die Ecken sieht und das Selbstverständliche thematisiert, über das man sonst nicht spricht. Man kann einem Restaurant verzeihen, dass der Fisch mal ein bisschen trocken ist, aber wenn nach dem dritten Besuch die Seife auf der Toilette immer noch fehlt, dann weiß man, dass da nicht gut gearbeitet wird. Dann kommt man nicht wieder. Und manchmal kommt man dann nie mehr wieder.“ „Was dann auch fatale Folgen haben kann“, sinnierte ich.

„Aufwachen!“ Rach klatschte in die Hände und scheuchte das komplette Personal durch den Saal. „Gas geben, Leute! Das kann’s doch wohl nicht sein – alle wissen, dass der Chef nicht ganz dicht ist, aber alle warten bis nach der nächsten Wahl ab, damit man ihm dann sagen kann: wir haben vorher schon gewusst, dass das ein beispielloses Debakel wird? Das ist keine Lösung!“ Der Kameramann postierte sich vor der Parteizentrale, der Sternekoch gab seinen Kommentar. „Momentan sieht’s gar nicht gut aus. Eigentlich habe ich auch gar keine Lust mehr, mir das weiter anzutun, weil die hier alle so furchtbar renitent sind und nicht kapiert haben, dass ihre Jobs in Gefahr sind.“ Drinnen hörte man, wie sich versprengte Jungliberale ankeiften und die Politik ihres Gesundheitsministers teils verrissen, teils in den höchsten Tönen lobten. Bald gab es fünf Splittergruppen. „Verdammt, ich schmeiße diesen ganzen Mist gleich hin!“ Und schon wieder musste Rach den Dompteur geben. „Jetzt mal los hier! Konzept entwerfen, strategische Planung, jetzt mal sagen, wo es langgeht! Ihr braucht eine klare Vorstellung dessen, was Ihr erreichen wollt! Womit soll die Veränderung losgehen? Ein Signal! Los!“ Er zeigte mit dem Finger auf eine kleine, plötzlich sehr verschüchterte Frau. „Wenn wir, äääh, wir können vielleicht erst mal Schnee schippen?“ Rach schlug stöhnend die Hände vors Gesicht.

„Das wird bestimmt eine ganz nette Sache“, meinte ich anerkennend zu Siebels. „Allerdings wohl eher eine kurzfristige – mit den Zack-Zack-Kommandos ist er in einer Episode mit der Partei fertig, und so viele gibt es da ja nun auch nicht.“ „Doch“, widersprach der Programm-Maestro, „das könnte ein Dauerbrenner werden. Ein Steadyseller auf dem Doku-Markt sogar. Sie müssen bedenken: die FDP rennt sich regelmäßig in die Grütze. Die nächsten elf Jahre nach Westerwelle dürften damit schon mal gesichert sein.“