Sein Kampf

17 03 2010

„Das wird man uns nie abnehmen.“ „Haben Sie eine bessere Idee?“ „Ich habe überhaupt nicht vor, das mit Ihnen zu diskutieren – der ganze Gedanke ist doch hirnrissig!“ „Dann überlegen Sie doch mal genau: wenn alles andere Feind ist, wer ist dann in der Minderheit? Na?“ „Ja, Sie haben ja Recht.“ „Natürlich habe ich Recht. Wenn sich Geschichte wiederholt, dann als Farce, und was der Große Vorsitzende alles nicht gelernt hat, wird ihm auch nicht aus der Klemme helfen. Es ist aus.“

„Was lässt Sie so sicher sein, dass es wieder dieselben Umstände sein werden wie damals?“ „Weil sich dieser Typus nicht ändert. Er wird etwas inszenieren, das wie ein Mordkomplott aussieht, auch wenn jeder weiß, dass sich kein anständiger Killer an ihm die Finger schmutzig gemacht hätte.“ „Warum denn?“ „Um im Mittelpunkt zu stehen.“ „Aber das tut er doch jetzt auch, Sie sehen es doch selbst.“ „Nur nicht so, wie er es sich denkt – als Mythos, als ewige Geistgestalt über den Liberalen, die…“ „Neben Möllemann?“ „Statt Möllemann.“ „Na, das wird schwierig. Der hat doch noch nie einen neben sich geduldet.“ „In der Hinsicht sehen sie sich eben auch ziemlich ähnlich.“

„Aber jetzt denken Sie mal ganz logisch nach. Er springt aus dem Fenster oder schluckt Tabletten in der Badewanne…“ „Das glauben Sie doch wohl selbst nicht.“ „Nicht originell genug?“ „Das Foto wäre nicht reißerisch genug.“ „Na gut, dann eben ein Autounfall bei 200 Sachen. Dann ein paar Tage Spekulationen, und auf einmal tauchen wie aus dem Nichts die Tagebücher auf. Meinen Sie nicht, dass das ein wenig unrealistisch wäre?“ „Was ist an Guido Westerwelle denn bitte realistisch?“ „Auch wieder richtig. Aber es müsste doch jemand etwas gemerkt haben.“ „Wer, was, wie gemerkt?“ „Sein Lebensgefährte, der Bruder, irgendein Mitarbeiter.“ „Wieso sollten die etwas merken?“ „Na, man lässt es mal offen liegen, erwähnt mal am Biertisch einen Gedanken, was weiß ich.“ „Ein solches Dokument doch nicht! Das wird gut verschlossen verwahrt, im Safe, im Schließfach, im Geheimversteck.“

„Ganz ehrlich, mir ist das alles zu gruselig. Und überhaupt, was wollen Sie denn in die Westerwelle-Tagebücher reinschreiben?“ „Alles.“ „Alles? Wie, alles?“ „Was man ihm eben so zutraut. Skandale, Spenden, finstere Machenschaften, Erpressung, den Mord an Möllemann…“ „Jetzt übertreiben Sie aber! Das nimmt einem doch kein Mensch ab.“ „Können Sie das Gegenteil beweisen?“

„Es würde doch aber eigentlich ein politisches Testament ausreichen, oder?“ „Wie kommen Sie jetzt darauf? War Westerwelle Reichskanzler?“ „Offiziell nicht.“ „Ein politisches Testament, das hinterlässt man, wenn man die vage Hoffnung hat, dass es irgendwie so weitergehen könnte, wie man sich das vorgestellt hat.“ „Oder wenn man nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.“ „Das eine muss ja das andere nicht ausschließen.“ „Das eine kann ja auch der Grund für das andere sein.“ „Mein Reden. Aber warum sollte er sonst die Notbremse ziehen, wenn er wüsste, dass es so weiterginge.“ „Da ist etwas dran.“ „Und deshalb kein Testament.“

„Und was schreiben wir da rein? Also jetzt mal ganz konkret. Da muss doch etwas drinstehen.“ „Die ganze Geschichte. Wie er wurde, was er war.“ „Aber das weiß doch jeder, das steht doch auch in seiner Autobiografie.“ „In der Trallala-Version.“ „Gibt es eine andere?“ „Die spaßfreie.“ „Ohne die Schuhe mit der 18?“ „Mit den Schuhen mit der 18 und mit der Erklärung, was sie bedeutet.“ „Bitte, Sie werden das doch nicht glauben, dass – glauben Sie das etwa?“ „Hauptsache, es wird geglaubt.“

„Und Sie wollen die ganze Geschichte neu aufrollen? Mit Westerwelle als dem Superschurken im FDP-Universum?“ „Erraten. Er wird der Joker. Die ewige Grinsebacke. Das Riesenarschloch, das die Hauptrolle spielen will, ganz egal, in welchem Film.“ „Aber das ist doch nicht ansatzweise realistisch, und das wissen die Leute doch auch.“ „Meinen Sie? Was genau wissen Sie über den Mann eigentlich? Und wenn Sie nichts wissen, woran liegt das?“ „Weil er nur aus Oberfläche besteht?“ „Eben. Und er ist nicht einmal eine besonders originelle Figur. Alle hier haben sich seit Jahren hemmungslos bedient, alle haben sich gegenseitig Pöstchen zugeschoben und haben in die Kasse gegriffen und haben gelogen, betrogen, erpresst, bedroht, unterschlagen, veruntreut, hinterzogen, genötigt, geheuchelt, und weil jeder wusste, dass der andere wusste, dass noch ganz andere davon wussten, fiel es nicht auf und flog es nie auf.“ „Sie meinen, es war… es ist eigentlich auch egal, dass er er ist?“ „Er ist nur das Produkt unserer Gesellschaft: jeder für sich, scheiß auf die anderen.“

„Und wenn jemand die Echtheit anzweifeln sollte?“ „Dann sind wir alle als Zeugen da. Jeder von uns wird sich und alle anderen ganz schnell reinwaschen. Wir sind alle Opfer gewesen. Er wird ganz schnell der Sündenbock sein für alles, was man je an Dreck und Verbrechen finden wird.“ „Sie meinen, man wird es glauben?“ „Es wird nur diese Geschichte geben. Sie werden sich daran gewöhnen und es für die Wahrheit halten.“ „Und wir?“ „Die Nachwelt? Wir werden weiter in die Kasse greifen, nach oben umverteilen und von großartigen Versprechungen leben, die wir leider wegen unserer Koalitionspartner nie werden in die Tat umsetzen können.“ „Hm. Gut, ich sehe es ein. Wir müssen wohl.“ „Dann bringen wir es hinter uns. Und vergessen Sie nicht: er wurde nicht als Vorsitzender der FDP abgewählt, wir teilen ihm nur mit, dass er freiwillig zurücktritt. Wenn ihm sein Leben lieb ist.“


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4 responses

17 03 2010
Morla

Einspruch Euer Ehren!
„„Er ist nur das Produkt unserer Gesellschaft: jeder für sich, scheiß auf die anderen.“

Es ist nicht „die Gesellschaft“! Viel eher wollen die sogenannten (Kapital)-Eliten dieser Gesellschaft „ihren“ way of live als alltagstauglich verkaufen.

Die wollen „weiter in die Kasse greifen, nach oben umverteilen und von großartigen Versprechungen leben“.

Mir scheint, hört man der Frau Regierungsmerkel zu (siehe Rede heute im Bundestag) dann sind es beide – die Christlichen (!) und die sogenannt Liberalen, die Ihre Aussage:

„Alle hier haben sich seit Jahren hemmungslos bedient, alle haben sich gegenseitig Pöstchen zugeschoben und haben in die Kasse gegriffen und haben gelogen, betrogen, erpresst, bedroht, unterschlagen, veruntreut, hinterzogen, genötigt, geheuchelt, und weil jeder wusste, dass der andere wusste, dass noch ganz andere davon wussten, fiel es nicht auf und flog es nie auf“, natürlich liebend gern weiterleben möchten.

Dieser „Gnom“ spricht in seiner egozentrischen Einfalt nur das mit „Schneid“ aus, womit die anderen schon lange nicht mehr „hinter dem Berg halten“.

Viele (und es werden immer mehr) praktizieren es und brüsten sich damit in der Öffentlichkeit – und das mit einer bodenlosen Arroganz der ( nicht nur scheinbaren) Macht.

Und dann besitzen diese Leute auch noch die Unverschämtheit den, von ihnen Betrogenen einzureden, sie wären genauso korrupt und a-moralisch wie sie. Und das Schlimme daran, viele der „Unbescholdenen“ knicken ein vor dieser Arroganz der Macht – und sie basteln sich ihre eigenen Schuldgefühle.

Komisch, irgendwie kommen wir Menschlein nicht raus, aus dieser „Abwärtsspirale“ der menschlichen Unzulänglichkeit.

17 03 2010
bee

Gut, da habe ich es mir wohl zu einfach gemacht mit der Formulierung (obwohl wir vermutlich dasselbe meinen) – Tatsache ist, dass die Ellenbogen-Mentalität, dieser Auswuchs der so genannten Leistungsgesellschaft, gerade diese Typus produziert, der sich gegen die Unteren abschottet; die gesamte Sozialstaatsdebatte beruht zum großen Teil ja nur auf der Hoffnung, die arbeitende Unterschichte gegen die nicht arbeitende zu begrenzen und zu agitieren. Das Spiel vom „Besserverdienenden“, so widerlich es ist, das zu schreiben, wenn es sich um Menschen handelt, es soll als symbolische Form nachgespielt werden. Westerwelle hat also tatsächlich wenig Mephistophelisches an sich, er ist eine mäßig begabte Charge, die gar nicht zu originell sein darf, denn er funktioniert für die Auftraggeber und Interessierten wie eine kleist’sche Automate: Vorgefertigtes nachplappern, das seinen Witz nur daraus erhält, wenn man vorher weiß, dass er ein Kunstprodukt ist. Eine Marionette. Und da ist es nicht vorgesehen, dass sie selbst sich gegen die Strippen bewegt.

Die neoliberale, marktradikale Haltung findet sich bis tief hinein in die SPD und inzwischen auch bei den Grünen, die alte sozialdemokratische Gummistempel aufbrauchen: „Wir haben das Schlimmste verhindert!“ Das Schlimme unterhalb des Schlimmsten haben sie dann auch nicht aus Machtgier mitgemacht, sondern aus staatstragender Vernunft… Diese Spirale lässt sich nicht mehr lange drehen, sie ist bereits überdreht, und so passt es auch perfekt…

17 03 2010
Morla

Bin gerade dem Twitter-Hinweiß http://bit.ly/dbyPXY gefolgt und habe den Artikel von Stumberger gelesen.

Kleiner Auszug gefällig: . . . „der Dünkel, die Arroganz und die verschiedenen Formen der Geringschätzung gegenüber den ‚Subalternen‘, die lange Zeit durch die bloße Existenz einer (institutionalisierten) politischen Arbeiterkultur gezügelt wurden, treten nun offen zu Tage und verbreiten sich in Fällen hemmungslos“. . .“

Es ist hemmungslos, was Vertreter einer neuen Rassen- und Klassenhygiene sich trauen, in Deutschland öffentlich von sich zu geben. Hartz IV-Empfänger und ihre Familien spielen inzwischen die Rolle einer Bevölkerungsgruppe, auf die man mittlerweile anscheinend ungestraft verbal einschlagen und ihr die Lebensgrundlage absprechen kann. „Sozialhilfe auf fünf Jahre begrenzen“, um so die Unterschicht zu dezimieren, das ist der grandiose Vorschlag des Sozialpädagogik-Professors.

Genau das habe ich oben in meinem Kommentar gemeint: Die „Oberschicht“ ist schon lange aus der Deckung gekommen.

17 03 2010
bee

… dass die rechten Demagogen aus den Löchern gekrochen kommen: Heinsohn, Sinn, Henkel. Aber diese braunen Kasper sprechen nicht für die finanzielle Oberschicht, denn sie gehören ebenso wenig dazu wie ein Westerwelle – auch sie sind deren Domestiken. Die wirkliche Oberschicht lebt größtenteils in einem Vakuum, in einer Parallelwelt.

Übrigens muss man Heinsohn nicht ernst nehmen, er ist ein geistig verwirrter Jammerlappen, der in seinen Publikationen über das erfundene Mittelalter gerne mal krude Thesen entwickelt, bei denen ein studierter Historiker sich vor Lachen in den Strumpf macht.

Kostprobe? Kostprobe: die Hexenverbrennung sei eine mittelalterliche Erfindung von Staat und Kirche, um die Hebammen zu beseitigen, die durch Mittel zur Geburtenkontrolle die Bevölkerungszahl künstlich gering hielten, so dass die Abgabensysteme in Europa einbrachen. (Dass das Mittelalter ja angeblich nur erfunden war, passt da nicht ganz rein, es sei denn, man nimmt zur Kenntnis, dass der Hexenwahn erst in der Neuzeit ausbrach. Statistische Unterlagen zur EU-Bevölkerung soll’s ja vor dem Dreißigjährigen Krieg auch nicht gegeben haben, sonst hätte man glatt nationale Steuern erfinden können.)

Nein, man kriegt uns nicht klein. Wir bleiben lästig, denn wir denken vorher nach 😉

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