Gernulf Olzheimer kommentiert (XLIX): Urlaubsreisende

19 03 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Urlaubszeit. Die eine Hälfte der Ausreißer übt auf dem Hautkrebszuchtgelände den Totstellreflex, während die andere hektisch nach Gelegenheiten sucht, sich beim Freeclimbing am griechischen Bambusgerüst die Gräten zu brechen oder in der Braunalgenpopulation des kenianischen Pools ein unterhaltsames Potpourri exotischer Dermatosen zuzulegen. Folkloristische Verarbeitungsformen toter Tiere kitzeln zunächst den Eingang des Verdauungstraktes, später dessen Ausgang. Mit Hilfe digitalen Spielzeugs macht der Bekloppte das Ferienerlebnis dauerhaft haltbar, um sich auch zehn Jahr später noch an die lustigen handtellergroßen Achtbeiner auf den Liegestühlen zu erinnern und schmunzelnd der landestypischen Empörung zu gedenken, als er, der Pauschaleuropäer, sich nach zwei Litern Flüssigkeitsverzehr auf dem Innenhof der Kultstätte direkt neben dem Götzenstandbild erleichterte.

Wäre nur alles so nachgerade friedlich; denn offensichtlich steigt die Mehrzahl der Urlauber aus dem Kessel der deutlich zu heiß Gebadeten und praktiziert in den schönsten Wochen des Jahres eine intellektuelle Raumkrümmung, die ihresgleichen sucht. Es beginnt mit der Wahl des Quartiers, das laut Prospekt durch hervorragende Anbindung an die jüngst achtspurig ausgebaute Schnellstraße gewinnt, was sich per Satellitenbild auch unschwer verifizieren lässt: die frisch überdachte Baustelle am Rande des Betonmonsters verfügt über eine eigenständige Zufahrt nebst Parkplatz für eine fünfstellige Anzahl von Spähpanzern und gleißt durch die Abwesenheit von Lärmschutzwänden und ähnlichen Zeichen zivilisatorischer Denkprozesse. Dass das Adjektiv strandnah kein leeres Versprechen ist, versteht sich von selbst – immer vorausgesetzt, dass man unter Nähe die Wegstrecke versteht, die ein austrainierter 100-Meter-Läufer nach vier Stunden bewältigt hätte, störte ihn nicht die Grenze zum theokratischen Terrorstaat, die ungefähr in der Mitte verläuft. Man hätte es vorher wissen können.

Genau das aber ist das eigentliche Elixier des Urlaubers: Stress. Gerichtsnotorisch sind die Hirn- und Faustverrenkungen, mit denen der im zivilen Leben hündisch zahme Bescheuerte den Räubern und Dieben aller Herren Länder seine Harke zeigen will. Da plärrt der Nichtfrühstücker, der selbst am Nachmittag nur Brühmaschinenkaffee schlürft, vom Liftboy bis zum Manager die komplette Herberge zusammen, um sich über den Mangel an Teebeuteln zu beschweren. Da schreit der Hirnverdübelte, dass die in der Werbung sich hübsch ausnehmende Baumblüte nicht ganzjährig vor dem Fenster in der fünften Etage sich abkaspert, damit er sie gnädig zur Kenntnis nehmen könnte. Da spielen kleine Kreaturen in Perth den Parvenü, um nicht merken zu lassen, dass sie in Peine bloß Piefkes sind.

Der Beknackte aber lässt überall raushängen, dass er im Grunde viel zu fein ist für Fünf-Sterne-Bruchbuden und sich daheim gar nie zwischen Whirlpool, Wellnesskeller und Wäschereiservice entscheiden kann; dass er zum Nachtmahl nichts anderes akzeptiert als internationale Cuisine auf höherem Niveau; dass er Toilettenpapier nur mit handgeknickten Ecken kennt. Er ist das Fleisch gewordene Vorurteil, dass man als Dummbratze europider Provenienz schon unangenehm auffällt, wenn man seine Anwesenheit nicht als Versehen betrachtet. Demut, Laissez-faire, im Zweifel: guter Geschmack ist der Freizeitnervensäge so fremd wie der Stock im Arsch festgewachsen, das verkrümmte Rückgrat der Gesellschaft buckelt nur zu Hause, wo er einträchtig mit Moralnazis, Spaßvollbremsern und Lenkradbeißern aus dem Bildungsbiedertum das Abendland vor den großen Verheerungen des drohenden Fortschritts rettet. Nickelige Nölsusen gehen inzwischen so weit, das Offensichtliche als persönliche Beleidigung zu werten: dass im Urlaubsland die Eingeborenen noch frei laufen und ohne Vorwarnung sichtbar sind, dass das Meer sich bewegt, dass sich die klimatischen Bedingungen nicht mit der Fernbedienung regeln lassen. Irgendeine blöde Begründung schwiemelt sich der Unterliga-Tourist zurecht, für Richter und Reisebüros spannend wie ein leerer Pappkarton, um aus dem verspäteten Sonnenuntergang post festum die Erstattung des Reisepreises rauszuleiern. Was wäre der distinguierten Schicht nicht daran gelegen, diese Halbfettbrezeln auf der Hirnkirmes billig zu entsorgen oder sie wenigstens im öligen Sand eines Bettenbunkers zum Sonnenstich heranreifen zu lassen und mit industriell konfektioniertem Zucker-Alkohol-Surrogat die letzten Synapsen auf Error 99 zu schalten, damit man nicht durch das Sein an sich die Furcht vor dem Furor teutonicus triggert. Man kann dem Trottelgeschwader nur entgehen, wenn man taktisch ungünstige Ziele weiträumig umreist: Spannbetonabsteigen in weitgehend kulturbefreitem Umfeld, das ohne Kenntnisse der Landessprache betreten werden kann, wo man nicht als Fremder auffällt, weil alle mehr oder weniger fremd sind – touristisches Herzland, wo man den Bekloppten als Laune der Natur und wirtschaftlich nützlichen Idioten ansieht. Was er ja auch ist. Höchstens.


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