Volkssolidarität

22 03 2010

Der Zug näherte sich dem Auswärtigen Amt. Es mussten eine halbe Million Bürger sein, die sich durch die Hauptstadt wälzten. Obwohl niemand wusste, woher die Menschen kamen, was sie fordern würden oder was sie zu tun entschlossen waren, befand sich der Außenminister in Panik. Zitternd hockte er unter der Tischplatte und schickte seinen Generalsekretär ans Fenster; wozu war er auch Parteivorsitzender.

Allenthalben warfen die Einsatzkräfte wirre Gerüchte in den Raum; hier munkelte man, das Volk fordere Westerwelles Kopf, dort zischelte man bereits argwöhnisch, die aufgebrachte Meute wolle den Zweitkanzler zu Hartz IV auf Lebenszeit verurteilen. In die Menge schießen? Keiner traute sich, den Einsatzbefehl zu geben, als das Volk sich in endloser Schar den Schlossplatz hinabwand und den Staatsrat links liegen ließ. Es strömten immer mehr heran; fluktuierende Scharen erweckten den Eindruck, die Menschen wollten bloß einen Blick auf die Glasfassade des Amtsgebäudes erhaschen und sich dann fortspülen lassen. Erste Pappschilder wurden in die Höhe gehalten, Arme reckten sich, Transparente wuchsen den Bürgern über die Köpfe, und schließlich stieg er, der Anführer der Bewegung auf die mitgeführte Trittleiter und zeigte sich seinen Genossen, anderthalb Meter über dem Grund, der erwerbslose Maschinenschlosser Eduard Korittke, eigens aus Greifswald angereist.

Da flatterten die Spruchbänder im Wind. Planmäßiger Abbau des Sozialismus und Für ein selbstgerechtes Steuersystem. Sie verlangten den Vize zu sehen, der noch immer bangend unter dem Tisch kauerte. Mit Mühe beruhigte Korittke die Werktätigen, die nun lauschten, wie er zu den Beamten am Fenster sprach. „Die deutsche Bevölkerung bittet darum, sofortige Steuersenkung fordern zu dürfen!“ Ein Raunen – schon setzte er wieder an: „Wir würden uns auf einen Kompromiss einlassen und einer Absenkung in drei Stufen zustimmen, wenn…“ „Kommt gar nicht in die Tüte“, schrie eine Stimme aus dem Hintergrund. Auch der Prinz Solms hatte sich zur Besprechung diverser Flugreisen ins Außenministerium begeben. „Wir fordern weiterhin eine Vereinfachung der Einkommenssteuer auf ein dreistufiges Modell, das…“ „Macht Euch doch nicht lächerlich, Ihr Vollidioten“, tönte es zurück. „Was glaubt Ihr, was hier gespielt wird?“ Korittke rang die Hände; fast wäre er vor Enttäuschung von der Trittleiter gekippt. „Aber Sie hatten es uns doch versprochen, ausdrücklich!“ Jetzt hielt es den Kassenwärter nicht mehr zurück, er trat ans Fenster. „Seid Ihr noch ganz bei Trost? Wie soll man das finanzieren?“

Während die Menge langsam zu toben begann – Sprechchöre wie „Guido, Guido, rette unser Vaterland“ oder „Wir tragen Eure Leistung mit“ stiegen zum Hauptstadthimmel empor – überlegte die Parteispitze, die eben noch über die flexible Zweckentfremdung von Diplomatenpässen beratschlagt hatte, was man den Leuten sagen könne, um sie vorübergehend in Schach zu halten. Lindner stellte sich der harrenden Horde, indem er ausrief: „Glaubt Ihnen kein Wort, daran ist nur die Regierung Schuld!“ Es war später nicht mehr herauszufinden, wer ihn gestoßen hatte; der liberale Lautsprecher fiel von der Brüstung.

Dienstbare Geister informierten den Chef von dem Kollateralschaden, doch der ließ sich nicht aus der Weltuntergangsstimmung bringen. In aller Eile briefte man Brüderle, der im Gespräch mit den Unterhändlern den entscheidenden Fehler beging, indem er zugab, dass der Koalitionsvertrag nur deshalb aus unverfänglichem Gewäsch bestand, um sich an nichts halten zu müssen. Es rumorte.

Korittke schwang sich erneut aufs Podestchen und schaltete die Flüstertüte an. „Wir möchten recht gerne ganz entschieden verlangen dürfen, dass es zu keiner kommunistischen Machtübernahme in den Krankenkassen kommt. Weiter will die werktätige Bevölkerung, dass die Lohnnebenkosten“ – ein leichtes Murren ging durch die Menge, da Korittke nicht explizit die Löhne genannt hatte, sondern in seiner notorischen Arbeitnehmerfreundlichkeit immer noch auf dem Arbeitgeberanteil herumritt – „deutlich gesenkt werden, um der Globalisierung auch im Friseurhandwerk, bei Gebäudereinigern und Tagesmüttern zu begegnen.“ Die Stimmung erreichte ihren verzweifelten Höhepunkt, als eine Gruppe junger Gewerkschaftsfunktionäre aus Leibeskräften „Was hat uns zu Sklaven des Systems gemacht? – Der Mindestlohn, der Mindestlohn!“ skandierten, antiphonal hin und her über die Straße.

Hinter der Front des Auswärtigen Amtes diskutierte die Planfindungskommission, ob man dem Pöbel eine höhere Kopfpauschale ohne steuerlich finanzierten Sozialausgleich, die vollständige Streichung des Kindergeldes oder Zwangsarbeit für kinderreiche Familien anbieten sollte, als der Außenminister unter seinem Tisch hervorkroch. Schreckensbleich sahen sie, wie er ans Fenster schritt, sich straffte, den Kopf in den Nacken drückte und in die atemlose Stille hinaus auf den Schwarm sah. Er holte tief Luft und krähte es in die erstaunten Gesichter, Silbe für Silbe heraushämmernd: „Das war vor der Wahl!“

Das Wetter an jenem 8. Mai neigte zu leichten Böen; man beeilte sich, schnell daheim zu sein.


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