Feuer frei!

1 04 2010

Ächzend reckte er die Arme nach hinten, den Hals bald nach rechts, bald ganz nach links verrenkt, fast brachte es ihn dabei aus dem Gleichgewicht, wie er schwanengleich das Kinn vorschob und gleichzeitig versuchte, hinter dem Rücken beide Hände, an den schmalen Bändern nestelnd, zusammenzuführen. Der Anblick erregte mein Mitgefühl, doch er ließ sich einfach nicht helfen; Herr Breschke bestand darauf, sich die Schürze ganz alleine umzubinden.

„Grillen“, sprach der Pensionär, „ist eine komplizierte Angelegenheit. Da muss man in Übung bleiben, verstehen Sie?“ Ich nickte beflissen und ließ den Blick durch den Garten schweifen. Noch hatten die Kätzchen am Haselstrauch gegen die winterliche Öde zu kämpfen, nur vereinzelt brachen die Krokusse durch den schütteren Rasen. Es sah mitgenommen aus. Den Winter hatte noch niemand ausgetrieben. Jeden Moment hätte ein leichter Schauer aus dem blassgrauen Gewölk hervorbrechen können. Breschke zog einen großen Sack mit Holzkohlen hinter sich durch den Garten. „Wir haben ja schließlich bald Ostern, da muss es langsam losgehen mit der Grillsaison.“ Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, leistete seinem Herrchen Unterstützung; er lief ihm, wo er nur konnte, zwischen die Beine.

Während Breschke den Boden des Kugelgrills großflächig mit Aluminiumfolie auskleidete, nahm ich den Anzündkamin in Augenschein. „Sie meinen also, dass das Ding noch funktioniert?“ Er verstand meine Bedenken nicht. „Sie meinen, er sei zu klein? Täuschen Sie sich nicht, da passt eine Menge rein! Außerdem brauchen wir sowieso nicht viel Kohle, wir sind ja heute nur zu dritt.“ Das freilich leuchtete mir sofort ein; denn hätten wir die Würstchen, die in einer Plastikbox auf einem ausrangierten Stuhl an der Hauswand standen, etwa mit einem Dutzend Gästen verputzt, ein Sack Kohle hätte nie gereicht. „Entscheidend ist, dass die Kohle auch wirklich gut durchgeglüht ist. Das ist das A und O des Grillens.“ Er kippte großzügig vom trocken bröselnden Zeug in den Henkelkorb, bis nichts mehr hineinpasste. „Sehr schön“, lobte ich. „Das Zeitungspapier und die Grillanzünder stecken Sie jetzt bestimmt durch die Lücken bis zum Boden durch, richtig?“ Der ehemalige Finanzbeamte biss sich auf die Lippen.

„Wir müssten doch davon noch etwas im Keller stehen haben, Horst bewahrt doch solche Sachen immer auf.“ Frau Breschke hielt mir ein Schälchen mit Likörpralinen unter die Nase, nebst der Grillzange und einem Flaschenöffner. „Horst denkt wieder nicht an das Notwendigste. Nehmen Sie ruhig, mein Mann nascht selten. Nur diese billigen Schokoladendrops von der Tünnekieper. Dabei mag die nicht mal der Hund.“ Sie kicherte ausgelassen und ein bisschen schadenfroh. Kurze Zeit später hatte sie mich in die Beilagen eingeweiht – der unverbrüchliche Nudelsalat gehörte dazu – und mir ein kleines Fläschchen überreicht. „Das muss der Flüssiganzünder sein. Nehmen Sie sparsam davon, beim letzten Mal gab es fast ein Malheur!“

Es stank wie eine Tankstelle in der Julisonne, als Breschke den Verschluss abdrehte. Bismarck rümpfte die Nase, zog angewidert die Zunge ein und trat den Rückzug an. „Dann wollen wir mal“, informierte mich der Grillmeister und goss mit einem Schwall beinah den ganzen Inhalt der Phiole über die Kohlen. „Das ist doch viel zu viel“, warnte ich, „wenn Sie jetzt – nein!“ Im allerletzten Augenblick konnte ich Breschke zur Seite reißen. Das Streichholz flog wie vorgesehen in den Kamin, aus dem mit dumpfem Fauchen eine mannshohe Stichflamme emporschoss. Es loderte lichterloh. „Sind Sie des Wahnsinns“, ereiferte ich mich. „Sie können doch nicht die Kohle im Sprit ertränken!“ Er moserte. „Wäre es Ihnen vielleicht lieber, ich stünde hier mit dem Blasebalg oder würde eine Viertelstunde lang mit der Sonntagszeitung in den Grill reinfächeln?“ Er war nicht zur Vernunft zu bringen. „Am Ende noch einen elektrischen Püster, wie sieht denn das aus! Grillen, das ist schließlich Männersache und kein solcher Schnickschnack!“

Immerhin, das Osterfeuer kokelte vor sich hin; langsam wurde es Zeit, die glühenden Kohlen, die er im Kamin gesammelt hatte, unter den Rost zu schütten. „Obacht“, befahl Breschke und streifte den Schutzhandschuh über. Dann hob er den metallenen Zylinder an. Bismarck musste es wohl geahnt haben; nur Sekunden, nachdem der Dackel jaulend unter dem Buchsbaum verschwand, löste sich der instabile Handgriff. Mit einem heiseren Schrei hüpfte Breschke nach hinten und mir fast auf die Arme, während er das Rohr mit dem funkenden Brennmaterial weit von sich schleuderte. Es landete alles auf dem Rasen. „Frisch eingesät“, jammerte der Hausherr, „und die schönen Kohlen!“ Ich krempelte die Hemdsärmel hoch. „Holen Sie einen Spaten. Und zwei Flaschen kaltes Bier.“

Mit Hilfe eines Generalanzeigers samt Sportteil, des restlichen Grillanzünders und eines Blasebalgs erglomm alsbald Glut im Grill. Breschke reichte Bier nach. „Es ist doch noch mal gut gegangen“, sagte er erleichtert. „Aber haben Sie eigentlich Bismarck gesehen?“ „Er wird sich ganz schön erschrocken haben“, mutmaßte ich. Aus den Augenwinkeln sah ich den umgestürzten Stuhl, die Plastikbox lag neben dem Schmetterlingsflieder. „Bismarck“, flötete Breschke über das Anwesen, „wo ist denn der Bismarck? Wo ist denn mein Bismarck?“ Der dümmste Dackel im weiten Umkreis trottete behäbig dem Verandaeingang zu. Breschke krauchte unter dem Buchsbaum hervor. Er war untröstlich. Nicht einmal mit Likörpralinen war der Hund zu locken.