In der Schafkolonie

7 04 2010

Zwei Ulmen standen im weiten Innenhof, die eine, hoch wie ausladend gewachsen, dominierte das Geviert, die andere, ein kleinerer, verschämt in der Ecke verwurzelter Baum, stand in ihrem Schatten. Sie kränkelte sichtbar. Müde ragte sie aus dem gepflasterten Grund, den ein heller Streifen aus Kalkstein inmitten der Basaltquader durchmaß. Der Mann im gestreiften Pyjama blinzelte mürrisch in den Himmel. Heute geschah gar nichts mehr.

Der andere drückte sich an der Wand entlang. Er hatte mich erst keines Blickes gewürdigt, dann aber sah er doch ein, dass er nicht immerzu auf dem hellen Strich den Hof durchqueren und mich dabei ständig ignorieren könne. „Kaufen“, blaffte er und stopfte den linken Zeigefinger in sein Ohr, „kaufen Sie! Verkaufen! Kaufen!“ Man hatte ihm offenbar das Telefon gleich abgenommen, als er in die Anstalt eingeliefert worden war. Er sah mich mit Misstrauen. „Fegen Sie hier den Hof“, befahl der Schlafanzugmensch. „Hier muss gefegt werden.“ Ein leises Schmunzeln überkam mich, als ich seine hektischen Versuche betrachtete, mich zu dem Besen in der Ecke zu drängen, ohne mich berühren zu müssen; wann immer ich mich zu ihm umwandte und einen Schritt auf ihn zu tat, schreckte er sofort zurück. „Der Hof muss gefegt werden. Das macht keiner sonst. Sie müssen…“ „Lassen Sie gut sein“, beruhigte Professor Altwasser ihn. „Er ist nur zu Besuch hier. Sie müssen ihn gar nicht beachten.“

Tatsächlich war das Sanatorium – offiziell ein Sanatorium, auch wenn man es mit etwas klarerem Blick durchaus für ein Tollhaus hätte halten können – von Menschen bewohnt, die selbst nie wirklich gearbeitet hatten. Zwar waren viele tätig, manche sogar beschäftigt, etliche von ihnen ehrgeizig und nicht eben wenige hatten auch gut zu tun, aber keiner von ihnen arbeitete. „Es sind typischerweise Bankiers, Manager, auch hier und da politische Beamte, die eingeliefert werden.“ Das machte mich neugierig. „Wer liefert sie ein?“ „Die Verwandten“, erklärte Altwasser. „Wenn sie einmal unerwartet lange zu Hause sind, fällt ihre merkwürdige Art auf. Sie machen sich Sorgen. Halten das Benehmen für anomal – was es, streng genommen, auch ist – und rufen den Hausarzt. Und dann landen sie hier.“

Ein alter Mann hatte sich unterdessen zu uns gesellt. Er machte eine schüchterne, unbeholfene Verbeugung. „Dreihunderttausend“, murmelte er. „Sehen Sie“, sagte Altwasser, „sein Kopf ist ganz von Zahlen bestimmt, er kann gar nicht mehr in anderen Kategorien denken.“ „Sein Jahresgehalt“, mutmaßte ich. Altwasser nickte. „So ähnlich.“ Der Schüchterne blickte verstohlen zur Uhr. „Gehen Sie ruhig zum Tee“, ermunterte der Therapeut ihn. Keine Antwort. Er versuchte es erneut. „Fünfzehn-Komma-Fünfzig!“ Da huschte ein Lächeln über das Gesicht des Mannes; er lief mit schnellen Schritten zu der von Efeu umrahmten Pforte und verschwand hinter der grün gestrichenen Tür.

Wir setzten uns auf die Bank unter der großen Ulme. „Dies hier“, erklärte Altwasser, „ist letztlich keine Klinik, keine Irrenanstalt mehr. Es ist eine Schafkolonie. Man wird traurig hier.“ Ich sah ihn im Profil, groß und hager, das Alter hatte seine Nase spitzig hervortreten lassen, die Schatten lagen tief in seinen Augen. „So sinnlos?“ Er seufzte. „Allerdings. Sie sind nicht Herr ihrer selbst, denn sie haben es in Wirklichkeit nie gelernt – immer diese Unterordnung unter ein höheres Ziel, wie sie es nennen, der Drang, die falschen Entscheidungen auch noch vor sich selbst zu rechtfertigen.“ „Sie sehen nur die Ware“, antwortete ich versonnen, doch er widersprach mir heftig. „Das ist es nicht, nein! Das Sein ist die Ware – das Sein selbst, und darin liegt die große Gefahr. Was sich nicht als Ware definieren lässt, was keinen Preis hat, einen Preis, den man auch bestimmen und errechnen kann und drücken und aufrechnen und teilen, was keinen Preis hat, das gibt es gar nicht für sie.“ „Ein Kind, das im Sand spielt? Ein Schmetterling?“ Altwasser machte eine Handbewegung, als wischte er etwas von sich weg. „Das existiert nicht.“ Wir schwiegen.

„Wussten Sie eigentlich“, begann er nach einer Weile, „dass wir noch ein ganz anderes Syndrom behandeln?“ Ich schaute ihn erwartungsvoll an. „Den Neid.“ „Neid? Worauf sollten diese Leute denn noch neidisch sein? Sie haben doch alles.“ Altwasser lachte auf. „Ja, das denken Sie! Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, was das Leben dieser Kapitalisten überhaupt lebenswert machen sollte?“ „Geld?“ Er schüttelte entschieden den Kopf. „Das kann es nicht sein, denn es ist eben nur in ihrer Vorstellung existent. Jeder kleine Kaufmann kann freier wirtschaften als sie, jeder Unternehmer hat mehr Möglichkeiten, weil sich sein Denken nicht in Kapitalanhäufung und Mehrwertsteigerung erschöpft. Er ist kein Sklave der Geldvermehrung, sondern Herr über sein Leben.“ „Es macht eben nicht glücklich“, sann ich. Altwasser sah mich ernst an. „Das ist es nicht. Es ist der reine Neid – existenziell, wie eine Ware. Sie sind neidisch auf ihr Gegenbild. Kinder, Arme, Arbeitslose.“ „Auf Arbeitslose? Warum?“ „Weil sie getrieben sind und nur sehen, wie sie getrieben werden. Sie sehen auch nur, wie Arme ohne eine Aufgabe in den Tag hineinleben und nicht vor diesem Popanz durch die Stunden geschoben werden. Diese Entfremdung ist schlimmer als jede Weltflucht, schlimmer als das, was ein Fließbandkuli auszuhalten hat. Sie sind nicht mehr von dieser Welt. Eine Herde Schafe, aber nicht mehr zurechnungsfähig.“ Er blickte auf den hellen Streifen im Pflaster. „Und sie haben sogar Recht. Denn was hätten sie schon zu vererben außer ein paar ungeträumten Träumen.“