Hartz V

8 04 2010

„Und das soll echt funktionieren?“ „Das hat keiner behauptet.“ „Warum machen wir es dann?“ „Weil die Bundesregierung die Idee auch nicht beknackter findet als den ganzen Müll, den sie bisher vom Stapel gelassen hat.“ „Na, dann können wir ja in eine glorreiche Zukunft schauen. Die Verhältnisse in diesem Land sind gesichert.“ „Machen Sie sich nur lustig, Sie werden schon sehen, wie das klappt.“

„Gut, dann noch mal von vorn: Sie wollen die Arbeitslosigkeit durch verbesserte Qualifikationen bekämpfen?“ „Nein, wir wollen die Qualifikationen durch verbesserte Arbeitslosigkeit…“ „Da sehen Sie, was Sie für einen Unsinn erzählen.“ „Ruhe! Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht, ich weiß schon sehr gut, was ich Ihnen erzähle. Wir verbessern Arbeitslosigkeit und können dadurch die Qualifikationen verändern.“ „Was bedeutet das praktisch?“ „Haben Sie dafür ein Beispiel?“ „Sicher, stellen Sie sich einmal eine Friseurin vor. Was kann eine Friseurin besonders gut?“ „Haare schneiden?“ „Sehen Sie, Sie haben den Sinn der Qualifikationsveränderung nicht begriffen. Es geht hier nicht um das Berufsbild, sondern um die Qualifikationen für den Beruf. Also nochmals: was kann eine Friseurin ganz besonders gut?“ „Sie werden es mir bestimmt gleich verraten.“ „Sie hat ein genaues Farbempfinden.“ „Schön, woraus schließen Sie das?“ „Weil Färben und Tönen zu ihrem Berufsbild gehört.“ „Hm. Und das ist jetzt so ungeheuer qualifizierend, dass es sie von anderen Berufen unterscheidet? Was ist mit der Schneiderin, arbeitet die nur mit weißen Stoffen?“ „Lenken Sie nicht ab, das sind doch alles Feinheiten.“ „Worauf wollen Sie denn jetzt hinaus?“ „Schauen Sie, diese Friseurin ist doch auf Grund der Farbwahrnehmung hervorragend geeignet, als Lackiererin zu arbeiten.“ „Wie bitte?“ „Oder ein arbeitsloser Bäcker.“ „Weil der am Schwärzungsgrad feststellen kann, wie lang das Brot im Ofen verkokelt ist?“ „Sie sollen das nicht immer ins Lächerliche ziehen! Der Bäcker hat feinmotorische… also zumindest hat er keine schlechteren feinmotorischen Qualitäten als der Durchschnitt der Bevölkerung. Wahrscheinlich aber eher überdurchschnittliche.“ „Und das prädestiniert ihn nun zur Friseurin?“ „Vielleicht aber auch zum Lackierer.“ „Entschuldigen Sie, das ist doch – Sie wollen eine arbeitslose Friseurin zur Lackiererin machen, und dann wird ein arbeitsloser Bäcker Friseur? Was ist das denn für ein Blödsinn?“ „Wieso Blödsinn? Vielleicht ist die Friseurin die geborene…“ „Jetzt hören Sie aber mal auf! Wenn es einen Arbeitsplatz für sie gäbe, warum hat ihn die Friseurin nicht? Woher nehmen Sie Arbeitsplätze für Lackierer? Wissen Sie eigentlich, wie viele Lackierer arbeitslos sind?“

„Ich sehe schon, man kann mit Ihnen nicht vernünftig diskutieren. Natürlich wissen wir, dass es keine Arbeitsplätze gibt. Deshalb müssen wir auch die Arbeitslosigkeit verbessern, indem wir die Arbeit von den Arbeitsplätzen lösen.“ „Das ist Ihnen ja auch schon exzellent gelungen.“ „Werden Sie nicht komisch! Die Menschen müssen Berufsfreie werden.“ „Freie Berufswahl kann man sich doch nach den Arbeitsmarktgesetzen gar nicht mehr…“ „Sie wollen es wohl nicht verstehen? Berufsfrei!“ „Freie Berufe? Architekten, Ärzte, Anwälte?“ „Kapieren Sie doch! Berufsfreie! Frei, und zwar beruflich!“ „Freiberufler?“ „Meine Güte, sind Sie schwer von Begriff – Freie! Wie freie Journalisten oder freie Künstler, und diese Freiheit – eben beruflich! Freiheit als Beruf!“ „Sie meinen, es gibt dann nur noch Selbstständige?“ „Jeder hat dann die Chance, genau dem Beruf nachzugehen, der seinen Qualifikationen entspricht.“ „Das ist doch hirnrissig. Wie soll man denn als freier Bäcker arbeiten?“ „Entweder Sie finden eine Möglichkeit, Ihre Dienste einer Bäckerei anzubieten, oder Sie machen sich als Minipreneur…“ „Minipreneur? Was heißt denn das jetzt schon wieder?“ „Als Kleinunternehmer.“ „Und warum sagen Sie das dann nicht?“ „Weil sich das moderner anhört.“ „Aha. Und Ihr moderner Kleinunternehmer macht im Schlafzimmer seine eigene Backstube auf?“ „Sie werden doch wohl einen Ofen in Ihrer Küche haben!“ „Und woher bekommt der seine Aufträge, Ihr freiberuflicher Kleinbäcker?“ „Fragen Sie halt in der Nachbarschaft nach.“ „Vielleicht backen die Leute auch erstmal nur für den Hausgebrauch und bekommen einen Euro pro Stunde dafür?“ „Nein, ausgeschlossen.“ „Warum nicht?“ „Dann könnte man ihnen die Leistung ja gleich ohne Arbeit in die Hand drücken. Das geht Sie nur in bestimmten Branchen. Oder wenn Sie der FDP angehören.“

„Und wo sehen Sie Zukunftsmärkte?“ „Da, wo das Wachstum seit den Arbeitsmarktgesetzen der Agenda 2010 am stärksten und nachhaltigsten eingetreten ist. In der Arbeitsvermittlung.“ „Sie wollen die Arbeitslosen alle zu Arbeitsvermittlern ausbilden? Das ist doch absurd!“ „Keinesfalls. Sie müssen es generationsübergreifend sehen; die jetzigen Arbeitslosen können künftige Generationen von Arbeitslosen mit ihrer Erfahrung in der Arbeitslosigkeit sehr kompetent und zielstrebig aus der Arbeitslosigkeit heraus…“ „Sie faseln ja! Das hört sich ja an wie beim Verkaufsseminar für ein Schneeballsystem!“ „Wir müssen eben erst einmal einige Investitionen in den Arbeitsmarkt tätigen, bevor wir sehen, wie sich die Entwicklung…“ „Hartz, es langt jetzt! Ihre vier letzten Aufschläge waren schon unausgegorener Mist, jetzt nehmen Sie Ihr Konzept gefälligst wieder mit und hauen Sie ab. Hauen Sie ab! Und lassen Sie sich hier nicht mehr blicken, sonst beschwere ich mich bei Ihrem Bewährungshelfer!“