Gernulf Olzheimer kommentiert (LII): Aufpasser

9 04 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In des Deutschen bevorzugten Lebensformen – Knast, Kaserne, Schule oder Ferienanlage – geht es ordentlich zu: wer Bananenschalen fallen lässt oder fallen gelassene Bananenschalen nicht aufhebt, wird mit Liegestützen nicht unter fünfzig Einheiten bestraft. Zucht und Sitte sind ihm fremd, deshalb muss der Beschränkte allüberall, rund um die Uhr, stolz und unaufgefordert unter Beweis stellen, dass das Rückenmark ihm für wesentliche intellektuelle Aufgaben eigentlich reicht und er der konstanten Nachschulung nur bedarf, wenn er Angelegenheiten zu erledigen hat, die schwieriger sind, als Bananen aufzuheben. Dieser Bereich erfordert zwingend den Aufpasser, einen Law-and-Order-Typen härteren Kalibers, der die beiden Konstanten im Dasein des Knallkaspers verkörpert: sinnfreies Schwadronieren und den Drang, zur Obrigkeit zu gehören.

Dass der Aufpasser sich unter seinesgleichen rasch orientiert, ist der Tatsache geschuldet, dass die meisten von ihrer Sorte mit einem IQ knapp unterhalb von Klärschlamm ausgerüstet sind und die unbelebte Materie bereits hinreichend komplex finden, um an ihr vollständig zu scheitern. Der gemeine Blödmann empfindet nicht uniformierte Hilfspolizisten insbesondere dann als arteigene Form geistiger Korrosion, wenn sie ihm genügend Gelegenheit bietet, sich kritiklos unter den größten Dumpfsinn unterzuordnen. Manische Herrschsucht und ein Muster an Devotheit streben in dieser Gestalt ein symbiotisches Verhältnis an, das in der Natur höchstens noch von Darmbakterien ähnlich hingebungsvoll erledigt wird. Gerne lässt sich der Beknackte zu einem Nano-Sultan ernennen, indem er als Hausmeister, Parkwächter oder Platzwart hoheitliche Funktionen wahrnimmt: fühlt er sich als ein Stückchen Behörde, kompensiert er aus geschwollener Brust um so leichter, dass in seinem Zwischenohrbereich geistige Windstille herrscht.

Einsatzmöglichkeiten für derartige Torftrottel besehen zuhauf, denn es mangelt ja selten an Gelegenheit, ad hoc Regelverstöße zu definieren. Ein am Straßenrand ausgesetzter Schwachmat mit Mützchen und frommem Abzeichen ist bereits nach kurzer Schulung und wenigen Ohrfeigen in der Lage, den ruhenden Verkehr zu beschimpfen, weil die Kraftfahrzeugführer im Parkverbot halten, nicht schnell genug Parklücken befahren oder verlassen, den Motor laufen lassen, die Beleuchtung einschalten, nicht einschalten, nicht eingeschaltet haben, vermutlich nicht einschalten werden oder nicht dann einschalten, wenn sie sie einschalten sollten, müssten, könnten oder auch dürften. In buchstabengetreuer Auslegung des Bundesgesetzes befiehlt der Blökwart dem Fahrer durch gestisches Notieren eines Strafmandats auf einem imaginären Schreibblock, das Seitenfenster herunterzukurbeln und nach seinem Anwalt zu telefonieren; sollte sich auch nach ausladender Inquisition kein Fehl finden lassen, plädiert der Behelfsbulle auf allgemeinen Ungehorsam. Das reicht ihm für Vergeltung auf altgeschichtlicher Kulturstufe.

Inzwischen palavert der Behämmerte auch recht progressiv daher, um seinen Themenkreis zu erweitern; da er über alles nörgeln kann, wovon er keinen blassen Schimmer hat, meckert er darüber natürlich als erstes. Unter Umständen recyclebares Papier im falschen Mehrlochmülleimer wertet er als Sünde wider die Regierung, kurzfristiges Halten auf dem Frauenparkplatz durch ersichtlich männliche Verkehrsteilnehmer als politisch unkorrekten Akt knapp vor der Volksverhetzung, das Abspielen afroamerikanischer Musikerzeugnisse oberhalb der Zimmerlautstärke als Gewaltverbrechen gegen die nationale Sicherheit. Je nach Wetterlage brandmarkt der Gralshüter auch Schuhwerk, An- und Abwesenheit von Gebrauchshunden oder den Alkoholspiegel außerhalb seiner eigenen Blutbahn.

Meistens sind es triebgestörte Muttersöhnchen im fortgeschrittenen Alter, die sich als uniformierte Napfsülze zum Gespött der Nachbarschaft machen, seltener erliegt der Raumkrümmung ein Hohlpflock im jugendlichen Alter, der sein Milchgesicht der allgegenwärtigen Hohnmacht aussetzt. Der Nullnummernnachwuchs träumt noch gelegentlich von einer Karriere als Fernsehkommissar, Superheld ohne Geschäftsbereich oder Messias, bevor die Wirklichkeit ihm klar macht, dass der Parkplatz sein Revier und das Anschnauzen leerer Papierkörbe für den Rest seiner zwecklosen Noch-nicht-tot-Phase der vorherrschende Seinsmodus ist. Dergestalt zurechtgestutzt stolpert der Bekloppte als tickende Zeitbombe mit steigendem Innendruck durch die Landschaft, bis er sich irgendwann an einer Petitesse den Rahmen verzieht. Um so bedauerlicher, wenn er, der Hüter über rechtwinklig angeordneten Schnee und zahnbürstensaubere Vogeltränken, plötzlich an professionelles Personal aus Polizei oder Justiz in Zivil gerät und angesichts einer Dienstmarke von der Erleuchtung getreten wird, dass er einer von Millionen Erdlingen ist, ohne Macht, Einfluss und Gewalt, ein dümmlicher Gnom unter der Knute des Durchschnitts. So muss sich das Überqueren der Ziellinie anfühlen, wenn man dabei erfährt, dass man in die falsche Richtung gelaufen ist – von Anfang an.