Eis, kalt erwischt

12 04 2010

Die Sonne meinte es gut mit uns. Zwei Stunden lang hatten wir im Dunklen zugebracht – ob die Bundesregierung nun die Steuersenkung durch selbstklebende Marken auf allen E-Mails würde finanzieren können, war noch dahingestellt – und genossen die milde Frühlingsluft. Anne blinzelte in den Himmel. „Bei dem Wetter könnte man doch glatt in die Kastanienallee und Vögel füttern.“ Ich sah sie über den Rand meiner Brille hinweg an und schwieg; ihr zu widersprechen war zwecklos, also wartete ich einfach, bis sie es selbst tun würde. „Natürlich sind auf der Erlenbruchwiese jetzt mehr Vögel als in der Innenstadt“, sagte sie und verdrehte erzürnt die Augen, „aber das Panorama unter den Kastanien…“ „Du meinst die Glasfront des Versicherungspalastes“, fragte ich spöttisch, „oder das Parkhaus neben der Brückenauffahrt?“ Sie zog die Stirn in gefährliche Falten. „Man kann auch so einen Bummel unter Bäumen unternehmen, oder?“ Ich legte den Kopf in den Nacken. Pappeln säumten den Straßenrand. Nichts zu machen.

Das rote Schild war schon von Weitem zu sehen; kaum hatten wir Alfredos Eisdiele betreten, als der Padrone uns überschwänglich begrüßte. „Bella Signorina“, dienerte der kleine, dicke Mann, „eine Spaghetti-Eise, für Signore un Caffè espresso, prego!“ „Ich begreife“, sagte ich leichthin. „Darum also überziehst Du regelmäßig Deine Mittagspause, weil Du eine halbe Stunde um den Block fahren musst, um einen freien Parkplatz zu finden, damit Du eine Kugel Eis zum Mitnehmen bekommst.“ Sie blickte mich außerordentlich finster an; ich musste wohl voll ins Schwarze getroffen haben. „Erstens sind es höchstens zwanzig Minuten, und zweitens sagt er auch zu Frau Platzke ‚Bella Signorina‘. Kein Grund, sich zu ereifern. Überhaupt kein Grund!“

Inzwischen hatte Alfonso ihr eine Eiswaffel gereicht, das sie über den Tresen hinweg annahm. Anne schleckte. Ihr Gesicht verzog sich zu einer angewiderten Grimasse. „Das schmeckt ja nach Spaghetti!“ „Ach“, erwiderte ich ungerührt, „und ausgerechnet bei Spaghettieis wundert Dich das?“ Ich wandte mich an den Wirt. „Das ist ja ein ganz hübscher Marketing-Gag, aber meinen Sie nicht, dass Sie es übertreiben?“ Der Hausherr rang die Hände. „Isse zu wenig Parmigiano in die Gelato, eh? Weiß ich, aber Kunde sich beswerte ständig! Povero me!“ Er lamentierte mit dem Temperament des berufsmäßigen Südländers weiter, als hätte er einen Ausbruch des Vesuv und mindestens zwölf Regierungskrisen zu beklagen. „Und warum gerade Pasta? Sie könnten wie alle anderen Eisdielen auch einfach irgendein Tutti-Frutti-Fruchteis anbieten, vielleicht eher ausgefallene Fruchtkombinationen. Maulbeere-Mango. Oder Meloneneis mit ganzen Früchten.“ Er schüttelte mutlos den Kopf. „Deutse Kunde isse sehr anspruchvoll. Wenn kommt in Gelateria“ – hier blinzelte er undeutlich zu Anne hinüber, der gerade eben aufgefallen war, dass die Espressotasse perfekt auf das Untertellerchen passte, was einer näheren Untersuchung bedurfte – „hat die Kunde nicht mehr eine halbe Minute Zeite, musse soforte Bedienung.“

Anne war beleidigt. „Lass uns verschwinden“, zischte sie. „Diesen Alfonso vertrage ich nur noch al forno.“ „Ich bitte Dich“, lächelte ich, „gerade wird es doch spannend. Wer weiß, ob das nicht eine geniale gastronomische Idee sein könnte.“ „Ich habe da einemal etwas vorbereitet“, griff er den Faden auf und hievte einige Eisbehälter auf den Tresen. Ich staunte. „Pesto passt ganz hervorragend, und das mit den roten Stückchen ist Pizza?“ „Si, si. Die Grün hier isse die Basilikum. Andere ist noch nicht perfetto.“ „Noch mehr?“ Alfonso war ein wenig verlegen. „Die Kunde verlangte auch immer nach die Döner.“ Ich war verdutzt. „Das wir nie macke, Signore, in Deutseland wir nur macke die Speiseeise mit die Crauti.“ Das allerdings leuchtete mir ein. „Doch, ja. Ein guter Plan. Das fühlt sich wohl auf der Karte neben der Pizza heimisch.“

„Prego!“ Die nächsten Eiscontainer standen auf dem Tisch. „Minestrone? Das ist ja wenigstens mal etwas anderes.“ „Aber nix isse wirkliche Minestre.“ Ich roch skeptisch an der kalten Masse. „Tomaten?“ Alfredo druckste herum. „Keine Wirsinge. Wir konnte nicht friere, eh? Zu harte in die Gelato.“ „Mit dem Latte-macchiato-Eis locken Sie aber keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Das bekommen Sie heute an jeder besseren Bude.“ „Ah, Signore, erst Sie sehe!“ Flink drehte Alfredo den Portionierer in das kühle Behältnis, schabte eine bräunlich gemusterte Kugel heraus und ließ sie in ein Waffelhörnchen gleiten. Ganz langsam begann das Eis darauf zu schäumen. „Das ist allerdings beeindruckend“, gestand ich. „Aber für die Kunde es dauert zu lange“, erklärte er. „Die Kunde nicht wolle warte, ma ecco la sorpresa. Che peccato!“

Vor meinem inneren Auge erstand die Eisdiele der Zukunft: Vorspeise und Suppe, Pasta, Fisch, Fleisch aus Speiseeis, nur zum Dessert wurde ein gekühlter Kaffee serviert. Im kalten Kalbsbraten froren die Selleriestückchen, über der Cassata alla milanese lagen Petersilie und Sardellenfilets. Erst die Vorstellung eines auf zerkochtem Sauerkraut geschichteten Schwedenbechers brachte mich zur Vernunft. „Wenn Sie wolle probiere, Vanille und Cioccolato.“ Alfonso reichte zwei Eistüten an. „Das schmeckt ja kein bisschen nach Schokolade“, beschwerte sich Anne. „Das Helle muss weiße Schokolade sein. Und das Dunkle?“ „Wir haben genommen alle die swarze Punte aus die Vanille“, erklärte Alfonso. „Kann sein, große Überraschung. Aber in Deutseland die Kunde sick eher wird beklage.“