Alles nur geliehen

14 04 2010

„Nehmen Sie Platz. Ihre Unterlagen haben Sie wohl dabei. Ihre Unterlagen haben Sie nicht dabei? Was glauben Sie denn, wo Sie hier sind? Meine Güte, das ist hier eine Behörde und kein Kinderspielplatz! Wenn hier jeder irgendwelche Anträge stellt, dann muss das eben auch Ordnung haben! Struktur! So, und jetzt gehen Sie noch mal raus mit dem ganzen Kram, und dann kommen Sie hier ganz piano wieder rein und setzen sich geräuscharm auf den vor Ihnen stehenden Stuhl, kapiert?

Ist eben so, ich kann’s ja nicht ändern. Was heißt denn hier Behördenschikane – Sie wollten das mit dem Kündigungsschutz, und Sie wollten das mit den Eingliederungsvereinbarungen. Ich kann Ihnen zwar nicht mehr die Leistungen kürzen, wenn Sie nicht in der Lage sind, Ihren vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen, aber ich kann Ihnen ganz hübsch das Leben zur Hölle machen. Na, sehen Sie, da kommen wir uns doch schon mal näher. Sie unterschreiben hier unten rechts, und dann schauen wir uns mal gemeinsam an, was Sie für uns zu tun haben, wenn es uns passt.

Selbstverständlich ist das befristet. Sie denken doch wohl nicht, dass Sie hier als Arbeitsloser reinmarschieren und sich zwischen einem halben Dutzend Vollzeitstellen etwas Schönes aussuchen dürfen, was Ihnen Spaß macht. Die Zeiten sind vorbei, das kann ich Ihnen flüstern! Ja, dann werden Sie eben jeweils nach Einsatzmöglichkeit beschäftigt, wir stellen das regelmäßig fest, wo wir die entsprechenden Kräfte auf dem Arbeitsmarkt benötigen. Sklavenhandel? ich bitte Sie, das ist doch nicht Ihr Ernst! Vor allem bei den rechtlichen Rahmenbedingungen – Sklaven hatten schon immer ein Recht auf Arbeit. Damit wollen wir gar nicht erst anfangen, oder sind wir hier im Sozialismus? Wie ich es Ihnen sage, die Stellen sind alle befristet. Für Sie hätte das den Vorteil, dass man Ihnen keine lange Einarbeitungszeit zumutet, Sie sind schon am ersten Beschäftigungstag voll einsatzfähig. Für uns hat das den Vorteil, dass wir Sie jederzeit wieder an die frische Luft setzen können. Und in so richtig partnerschaftlichem Geist arbeiten Sie doch gerne, oder? Es gibt eben Berufe, bei denen man deutliche Abstriche machen muss. Da ist mit Qualifizierung und diesem ganzen Bildungsgedöns auch nichts zu wollen, das sind eben einfache Handlagertätigkeiten ohne großartiges Anforderungsprofil, da kann man jeden Blödmann einsetzen. Wer nicht spurt, kriegt eins auf die Fresse. Oder Leistungskürzung. Und wer es beim dritten Mal nicht rafft, hat halt Pech gehabt. Wir können nicht jeden Schmarotzer durchfüttern, hier ist nicht Schlaraffenland.

Gut, man merkt es schon. Ja, wir sehen das natürlich bei den Produktivitätszahlen, dass die Sache nicht rund läuft. Dann muss man eben auch mal recht hart reagieren. Wir können ja nichts dafür, dass die überlassenen Arbeitnehmer ständig Mist bauen, weil man ihnen ihre Aufgaben nicht korrekt erklärt hat. Geht uns ja eigentlich auch nichts an, wir sind nur dafür da, die Gelder zu kassieren. Alles andere ist nicht unser Bier, letztlich.

Dass Sie sich mit Ihrer Arbeit gar nicht identifizieren, müssen Sie mir nicht erzählen. Wenn ich mir Ihre Arbeitszeugnisse ansehe, wäre ich darauf auch von alleine gekommen. Sie wollen mir erzählen, Sie seien überfordert gewesen? Also bitte – Sie haben doch in all den Jahren nie ernsthaft gearbeitet. Sie haben es ja nicht einmal richtig versucht! Und jetzt wollen Sie mir weismachen, dass Sie Arbeitsroutine erworben hätten? Kinder, was ist das denn für ein Stuss! Wenn ich mir das hier ansehe, Sie kriegen doch heute noch einen Nervenzusammenbruch, wenn Sie mal alleine im Büro sind und das Licht ausmachen sollen! Routine – was für ein Blödsinn, Mann!

Beschwere ich mich bei Ihnen oder meckern Sie hier an den Eingliederungsmaßnahmen herum? Sie erwarten, dass der Staat Sie alimentiert, dann seien Sie verdammt noch mal auch etwas kooperativ und interessieren Sie sich für die Arbeitsmöglichkeiten, die sich Ihnen in den kommenden Monaten bieten. Woher soll ich denn wissen, was in einem halben Jahr los ist? Bin ich Hellseher? Na also. Dann verschonen Sie mich mit Ihrem Gejammer. Haben Sie etwa plötzlich eine Kapitalismusallergie? Dann werden Sie sich wohl daran gewöhnen müssen, dass Sie nicht mehr aus lauter Freundlichkeit irgendwo durch die Arbeitswelt laufen dürfen, sondern nur noch zur Gewinnerzielungsabsicht. Also jetzt nicht Ihrer – jetzt hören Sie doch mit Ihrer antiquierten Vollkaskomentalität auf, das ist ja nicht mehr feierlich! Gehen Sie doch nach Nordkorea, wenn Sie unbedingt Kommunist werden wollen!

Dann werden Sie in sechs Monaten einen neuen Betätigungskreis kennen lernen. Eben gerade noch Schneeschaufler in Berlin und jetzt schon Aufseher in einem Ferienlager zwischen Usedom und dem Riesengebirge. So praktisch ist das Leben! Hatten Sie erwartet, dass wir Ihnen eine persönliche Hängematte aufspannen, nur weil Sie es sind, Herr Minister? Ihr Vertrag ist befristet. Wenn Sie nicht mehr gebraucht werden, fliegen Sie raus. Dann ist der Nächste dran. Sie haben hier einen zeitlich befristeten Arbeitsvertrag, der bei mangelnder Leistungsbereitschaft jederzeit aufgehoben werden kann. Auch sehr kurzfristig, damit Sie sich hier keine Schwachheiten einbilden. Das mag für Sie problematisch sein, aber geben Sie nicht mir die Schuld; hätten Sie etwas Anständiges gelernt, dann müssten wir uns jetzt nicht mit Ihnen herumärgern.

Ach, noch einen Tipp, Westerwelle: nächstes Mal nicht mit Leihstimmen.“


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