Nicht wirklich

15 04 2010

„Und wie wähle ich die Optionen aus?“ Es irritierte doch sehr, dass das Menü direkt in die Datenbrille projiziert wurde; beständig hatte ich den Drang, mir selbst ins Auge zu pieken. „Das gibt sich schnell“, beruhigte mich Mašek. „Sie haben sich rasch an die Pupillensteuerung gewöhnt. Dann funktioniert es wie von selbst.“ Er reichte mir das klobige Gestell. Das also war sie, die erweiterte Wirklichkeit.

Die Kaiserallee war wie immer zur Mittagszeit recht belebt. Kleine Schilder teilten mir mit, dass es sich bei dem Geschäft mit dem Schriftzug Günzheimers Damenmoden im Fenster um eine Handlung für Damenmoden handelte, und kaum hatte ich den Kopf zu einer Ansammlung von Marktständen auf dem Alten Stadtmarkt gedreht, informierte der winzige Monitor an der Innenseite der Brille mich darüber, dass ich mich auf einem Marktplatz befände. Ich blinzelte nach rechts oben, um das Kreuzchen zu erwischen. Tatsächlich verschwanden die störenden Plaketten aus dem Stadtbild. Mašek hatte mir mitgeteilt, dass mein computerisierter Cortex zunächst alle Features aktiviert hatte, die man im täglichen Leben würde gebrauchen können. Er hatte mir nur nicht gesagt, wie man diesen Apparat abstellen könne – oder wenigstens den größten Unfug ausblenden.

Rechter Hand lag, was mich kaum erstaunte, die Pfarrkirche St. Peter. Ich nahm das Gebäude nur mit dem linken Auge wahr, rechts klappte eine Tafel auf. „Die neugotische Kreuzigungsgruppe wurde im Jahr 1958 von dem westfälischen Holzbildhauer Alois Brömseklötter restauriert“, teilte mir das System mit. „Die historische Orgel umfasst 37 Register.“ Um ein Haar hätte ich einen Passanten angerempelt, der aus der Seitenstraße kam. Wobei es natürlich zu fragen galt, ob ich ihn nun echt über den Haufen gerannt hätte oder aber rein virtuell.

Plötzlich fiepte es leise im linken Brillenbügel. „Sehen Sie die Plakatwand da drüben“, quäkte Mašek in mein Ohr, „mit der Wahlwerbung?“ Ich wandte den Kopf. Zwei Politikerköpfe lächelten schmierig vor sich hin. „Jetzt passen Sie auf!“ Im nächsten Augenblick rekelte sich eine Dame im Abendkleid auf dem rechten Aushang, während das linke Bild einen grinsenden Hund zeigte. Mašek lachte. „Guter Hack, oder? Wir tauschen einfach die Werbung aus, damit man sich diese Visagen nicht mehr anzutun braucht. Oder schauen Sie mal hier!“ Sofort darauf waren Sekt- und Hundefutterreklame verschwunden; an ihrer Stelle zeigte die Wand Jacopo de’ Barbaris Stillleben mit Rebhuhn und Eisenhandschuhen. Immerhin hatte er mir ein Trompe-l’œil in diese erweiterte Unwirklichkeit geklebt, das machte es auch nicht überzeugender, aber wenigstens ein bisschen stilvoll.

Eine junge Frau stand vor dem Zeitungskiosk. „Jacqueline Peyrefitte, 26, Fotografin“, belehrte mich die Brille. „Puis-je vous aider, Madame?“ Sie blickte mich völlig verständnislos an. „Est-ce que vous cherchez…“ Jetzt runzelte sie die Stirn. „Entschuldigen Sie mal, kennen wir uns? Warum reden Sie nicht Deutsch mit mir?“ Ich starrte hektisch in die Brille hinein – keine Antwort. „Bedaure“, wand ich mich, „ich hatte den Eindruck, als seien wir uns vielleicht irgendwo in Frankreich schon einmal begegnet.“ Bevor sie noch antworten konnte, meldete sich die Brille wieder. Jacqueline stammte aus Koblenz, was sie nicht hinderte, dem Justin-Bieber-Fanclub anzugehören. Oder sich ganz fürchterlich aufzuregen. „Belästigt Sie dieser Mann etwa?“ Polizeiobermeister Alexander Saltzmann (76 Kilo, Bandscheibenschaden, Raucher) betonte sein durchaus reales Auftreten. „Nicht wirklich“, antwortete ich und plinkerte ein Untermenü mit seinen letzten Geolokalisierungen an. „Aber wo wir gerade schon mal so nett plaudern, können Sie mir verraten, ob sich der Besuch in Madame Tamaras Domina-Studio lohnt? Und warum Sie gestern und letzten Mittwoch hinterher an der Tankstelle noch einen Blumenstrauß gekauft haben?“ Der Polizist lief rot an. Offenbar hatte Mašek zu tief gehackt.

Ein bisschen gespenstisch war es schon, was dieses Internet der schmutzigen Dinge so von sich gab. Die Sachen hatten keine eigene Intelligenz – oder konnten sie verhältnismäßig gut verbergen – und quasselten ohne Punkt und Komma auf mich ein. Die Brille versorgte mich nun schon zum dritten Mal mit demselben Wetterbericht, rasselte die Sonderangebote des Kaufhauses herunter, sobald ich an einem der vier Eingänge vorbeikam, und ließ mich wissen, dass die Blondine im Straßencafé, die angestrengt an mir vorbeischielte, Single und insolvent war. „Mašek“, flehte ich, „schalten Sie das ab. Das hält doch kein Mensch aus!“ Keine Antwort. Allem Anschein nach hatte man vergessen, auch die Kommunikation in dieser Wirklichkeit zu erweitern.

Da lag St. Peter, diesmal zur Linken. Und schon schnurrte das Informationsprogramm herunter, jetzt in der audiovisuellen Variante. „Das mittelalterliche Chorgestühl zeigt die typisch rheinischen Volutenwangen sowie eine reiche Verzierung mit Pelikanen und der Geschichte des…“ Mir musste etwas ins Auge geflogen sein, denn mein Plieren löste etwas aus. „Les miséricordes se présentent sous la forme de…“ Ich kniff die Augen wieder zusammen. „… funkcja tego dzieła nie ograniczała do użytku przez…“ Nichts. „Hún er þar með langþyngsta kirkjuklukka heims.“ Da nahm ich die Brille ab. „Tut mir Leid, Mašek“, murmelte ich. „Mir war da etwas ins Auge gekommen.“ Und schmiss das Ding in den Papierkorb.