Grünstich

19 04 2010

„Rein pflanzlich?“ „Na logisch!“ Die Thömmes wippte mit den Füßen und grinste. „Oder haben Sie schon einmal Zigaretten aus Tiermehl geraucht? Unsere Tabakwaren sind auch für Veganer geeignet, absolut frei von tierischen Produkten.“ „Das ist, entschuldigen Sie den Ausdruck, Humbug.“ Ich wandte mich zum Gehen. „Genauso gut könnten Sie erzählen, Heroin sei kalorienarm.“ „Sie bringen mich da auf eine Idee.“ Sie schmierte eilig ein paar Notizen auf ihren Schreibblock. „Das müsste ich meinem Kunden vorschlagen, für gute PR ist der ja immer sehr aufgeschlossen.“

Möglicherweise hatte ich die PR-Beraterin auch unterschätzt; an zahlungskräftigen Kunden schien es ihr nicht zu mangeln. „Diese Kampagne ist gut überlegt“, erklärte sie, „wir setzen uns damit von den Mitbewerbern ab.“ Die Tütensuppenpackung war noch nicht fertig gestaltet, die weißen Flächen ließen noch Platz für einige Aufkleber. „Sie sollten bei einer künstlichen Rinderbrühe vielleicht auch betonen, dass sie frei von tierischen Bestandteile ist. Die Verbraucher sind ja nicht alle lebensmüde.“ Dorothea Thömmes blitzte mich an. „Blödsinn! Natürlich entwickeln wir für jedes Produkt eine eigene Strategie, um am Markt präsent zu sein. Wir müssen neue Kundenschichten erschließen, der Tütensuppe neue Segmente eröffnen.“ Ich lehnte mich behaglich zurück und rührte in der Sache, die man mir als Cappuccino serviert hatte. „Dann sollte Sie diese Sache mit der fleischlosen Fleischsuppe doch interessieren – so leicht kommen Sie nie wieder an eine Kundenschicht, die Sie ansonsten abgrundtief hasst für Ihren Schmadder.“

Ein Telefonat hatte uns unterbrochen. Die Thömmes war wieder ganz Ohr. „Verstehen Sie, die Produkte müssen heute mit einer neuen Identität aufgeladen werden, damit der Konsument sie in seine Lebenswirklichkeit auch bewusst integriert.“ Ich lachte auf. „Sie wollen mir weismachen, die Hausfrau aus Plauen köchelte sich ihr Surrogat aus toter Kuh, um sich die durchschnittliche Existenz aufzumotzen? Haben Sie noch alle Suppentassen im Schrank?“ „Natürlich muss man sich Gedanken machen“, hielt sie mir entgegen, „wie man das Produkt am besten in die Zielgruppe einbringt.“ Ich verdrehte die Augen, aber sie redete einfach weiter. „Wir könnten also diese – zugegebenermaßen etwas dünne – Rindsbouillon einerseits mit dem Sticker ‚100% Deutsches Rind‘ zu einer Art sortenreinem Qualitätsnahrungsmittel erklären, zur Suppe für die patriotische Hausfrau.“ „Die könnt man ja als Durchhaltekost nach Afghanistan karren.“ Ihre Augenbrauen furchten sich. „Etwas mehr Respekt bitte. Mit der Suppenentwicklung sind hochrangige Experten beschäftigt.“ Mich ließ das alles kalt. „Dann trimmen Sie Ihre Plörre doch auf Fitness- und Diäternährung, bei dem geringen Gehalt an Nährstoffen müssen Sie dabei nicht einmal lügen.“ Ein Strahlen huschte über Thömmes’ Gesicht. „Das ist es! Sie haben gerade eben die ganze Kampagne gerettet – wunderbar!“

Es hatte ganz den Anschein, als sei ich in einer Gehirnwaschmaschine gelandet. „Man sagte mir, Sie seien eine der Besten auf dem Gebiet der ökologischen Kriegsführung.“ Und tatsächlich, sie fühlte sich genug geschmeichelt, um auf diesen plumpen Trick hereinzufallen. „So ist es“, bestätigte Thömmes meine Annahme, „wir haben uns auf dieses Segment spezialisiert. Umweltbewusstsein ist der Schlüssel für ein positives Image, deshalb nehmen wir vermehrt grüne Bestandteile in unsere Werbung auf.“ Ich korrigierte sie umgehend. „Sie meinen, Sie belügen dem Verbraucher, indem Sie ihm erzählen, Ihre Kunden besäßen so etwas wie Umweltbewusstsein.“ „Entschuldigen Sie mal“, schnappte sie, „unsere Suppenkampagne ist …“ „… in diesem Zusammenhang völlig irrelevant, ich weiß. Was ist mit diesem Werbespot, wo Sie dem Autofahrer versprechen, sein Wagen könne mehr als die Hälfte an Kohlendioxid sparen? Im Vergleich zu einem Tretroller? Bei konstanter Geschwindigkeit von 30 Kilometer in der Stunde?“ Sie wurde patzig; ich musste den neuralgischen Punkt getroffen haben. „Sie bleiben außerdem den Beweis für Ihre Taschenspielereien schuldig: was macht denn Ihre Auto so klimaprima? Warum nennen Sie nicht irgendeinen technischen Grund, weshalb der Motor so wenig Abgase ausspuckt? Ist Ihre Karre am Ende umweltfreundlicher, als sie gar nicht erst zu benutzen?“

Thömmes wippte nicht mehr mit den Füßen, sie zerknickte einen Bleistift. „Schauen Sie, wir sind Spezialisten. Man ruft uns, wenn sich ein Produkt in der Klemme befindet. Um eine Marktstellung, die nicht mehr zu rechtfertigen ist, doch noch zu verteidigen.“ „Sie schmeißen Lügen ins öffentliche Bewusstsein, um sich gegen die Wahrheit zu imprägnieren“, entgegnete ich. „Das ist nichts als Krisenkommunikation – Sie werden gerufen, wenn man mit dem Rücken an der Wand steht. Wer zu Ihnen kommt, um sich grünwaschen zu lassen, muss schon ziemlich verzweifelt sein.“ Sie nickte. „So ist es. Wir sind der Rettungsanker für die Verzweiflungstäter. Wir machen das Unmögliche passend. Sie können sich ja vorstellen, was man von uns verlangt.“ Auf dem Tisch langen die Entwürfe für den neuen Auftrag. Jürgen Rüttgers mit Sonnenblumen, die weißen Flächen ließen noch genug Platz für einen markigen Spruch. „Und? werden Sie es machen?“ Sie winkte resigniert ab. „Auf keinen Fall. Nicht wegen der Moral, durchaus nicht. Aber wissen Sie, auch PR hat ihre Grenzen.“