Schwarze Katze, weißer Kater

21 04 2010

„Es mag ja sein, dass da gar nichts dran ist, aber man muss sein Schicksal doch nicht unbedingt noch herausfordern!“ Herr Breschke blieb dabei, diese streunende schwarze Katze, die nicht nur Bismarck, den dümmsten Dackel im weiten Umkreis, zu Tode erschreckt hatte – was an sich bereits eine Freveltat sondergleichen war – musste so bald wie möglich vertrieben werden. Nicht auszudenken, was das Tier alles noch würde anstellen können. „Die ist glatt im Stande und jagt mir einen Schrecken ein, dass ich einen Herzanfall bekomme!“ Mich als lebenden Beweis ließ Breschke nicht gelten, obwohl mir seit Jahren mehrmals täglich eine schwarze Katze von links nach rechts und wieder zurück über den Weg lief, meistens schon am frühen Morgen, und ich hatte es bisher immer noch überlebt. Nichts zu machen, er blieb abergläubisch.

„Seien Sie vorsichtig“, riet ich Breschke, als er von der Leiter stieg; einen halben Eimer Moos hatte er bereits aus der Dachrinne gesammelt, wie immer hielt es Bismarck nicht, er lief seinem Herrchen zwischen den Beinen herum und versuchte, ihn mittels der Leine zu Fall zu bringen. „Halten Sie den Hund von der Leiter fern und kommen Sie nicht auf den Gedanken, darunter durch zu gehen.“ Er guckte mich grimmig an. „Machen Sie sich nur lustig“, schimpfte der pensionierte Finanzbeamte. „In Ihrem Alter war ich auch noch so leichtgläubig, aber jetzt habe ich Erkenntnisse gewonnen, denen ich – Bismarck, gehst Du da wohl weg!“ Zu spät, auf der Jagd nach gefährliche Taten planenden Gartenzwergen hatte der Hund bereits die von Breschkes Tochter im Dutzend angeschafften Spiegelglaskugeln umgerissen, die nun mit hellem Knall auf den Terrassenplatten zerplatzten und in die Gegend spritzten, dass der Dackel erschrocken jaulend unter den Buchsbaum floh. Horst Breschke schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „So ein Unglück aber auch“, jammerte er, „nicht nur, dass es Glas war, es war auch verspiegelt. Sieben Jahre Unglück! Womit habe ich das nur verdient!“ Insgeheim musste ich ihm Recht geben, wenn ich auch nicht genau wusste, womit er diesen Dackel nun verdient hatte; möglicherweise rächte sich das Karma einer verflossenen Inkarnation bei ihm.

Breschke fegte die Splitter zusammen und war schon drauf und dran, das Kehrblech in den Mülleimer auszuleeren, da hielt ich ihn zurück. „Vorsichtig! Am besten klopfen Sie vorher einmal auf Holz, dann dürfte die Gefahr gebannt sein.“ Ich sah ihn mitfühlend an. Als er keine Gegenwehr erkennen ließ, legte ich nach: „Wir wollen doch nicht, dass noch ein größeres Unglück passiert.“ Das nächste Objekt, das sich zum Klopfen anbot, war der Rahmen des Waschküchenfensters in knapp zwei Metern Höhe. Der alte Herr musste sich schon ein bisschen ausrenken, um ans Fensterbrett zu kommen. In dem Augenblick ließ er die Glassplitter auch wieder vom Kehrblech herunterrieseln. Ich war entsetzt. „Sehen Sie, das meinte ich. Hätten Sie vorher schnell auf Holz geklopft…“ „Jaja“, nickte er versonnen, „so schnell kann’s manchmal gehen.“ Offensichtlich hatte die schwarze Katze nicht nur seinen Kreislauf geschädigt. „Zur Vorsicht“, schlug ich vor, „sollten wir genaue Sicherheitsmaßregeln befolgen. Es könnte sonst durchaus die eine oder andere unliebsame Überraschung geben.“ „Ich werde nur eben die Vogeltränke ausbürsten“, rief Breschke und hatte bereits den Besen geschnappt – im allerletzten Moment hatte ich mich ihm in den Weg gestellt. „Sie hätten jetzt glatt mit dem linken Fuß zuerst den Rasen betreten!“ Er war verwirrt. „Darauf hatte ich gar nicht geachtet.“ „Oh weh!“ Ich brach in Klagen aus. „Was da nur alles hätte eintreten können! Und das bei Neumond!“

Langsam wurde es ihm selbst unheimlich. „Und Sie meinen tatsächlich, wenn ich mit den Füßen auf die Fugen trete, das bringt Unglück?“ „Wir wollen es nicht beschreien“, wisperte ich verschwörerisch, „es hat da diesen einen Fall gegeben, wissen Sie noch – mausetot!“ Breschke fuhr wie vom Schlag gerührt zusammen. „Um Gottes Willen“, stammelte er, „das habe ich ja gar nicht gewusst!“ Und er stakste auf Zehenspitzen über die Terrasse, um ja keinen Spalt zwischen den Betonplatten zu betreten.

„Da!“ Ganz aufgeregt fuchtelte Breschke mit dem Finger in Richtung Nachbargrundstück. „Das ist sie wieder, sehen Sie?“ Ein weißer Kater von erstaunlich rundem Körperumfang stolzierte auf der Pergola. „Das muss sie sein“, stieß er erregt hervor, „sie hat sich verkleidet – das heimtückische Biest!“ Augenscheinlich war er der felsenfesten Meinung, dass das Katzentier irgendetwas Dämonisches mit ihm vorhatte. Dabei wäre der Einzige, der sich lautstark hätte beschweren können, Bismarck gewesen, allein der hockte noch immer verängstigt unter dem Buchsbaum und traute sich nur langsam hervor. „Das muss schon eine besondere Katze sein, die innerhalb so kurzer Zeit in ein neues Fell schlüpft.“ „Mir machen diese Biester nichts vor“, rief Breschke, und wie zur Drohung schüttelte er die Faust gegen das Tier, das mit wahrhaft stoischer Gelassenheit auf dem Holzbalken saß. Breschke indes fixierte es mit den Augen und pirschte sich, stets der Plattenzwischenräume eingedenk, langsam näher – „Vorsicht!“ Doch da war es auch schon passiert, er hatte die Leiter angestoßen, der Eimer segelte nach unten und traf Breschke zielsicher am Kopf. Das Moos dämpfte den Aufprall nur minimal. Der Kater fand die Sache höchst amüsant; er putzte sich beiläufig die Pfoten, während ich Breschke zwischen den Moosresten aufsammelte. „Und ich sage noch: nicht unter der Leiter durch! Man weiß doch, wie leicht bringt das Unglück.“