Verbotene Früchte

22 04 2010

Die Situation war nicht mehr hinnehmbar. Die Bürger zeigten kein Unrechtsbewusstsein. Nicht einmal der groß angelegte Kriminalisierungsfeldzug unter Leitung des Bundesinnenministers änderte die Lage. Dutzende, ja tausende Verbrecher ließen nicht von ihren ruchlosen Ernährungsgewohnheiten ab. Es langte; der Gesamtverband Deutscher Obst- und Gemüsebauern forderte die EU zum Kampf auf: Schluss mit illegaler Fruchtzucht in Privatgärten!

Mit Material des Bundeskriminalamts üppig ausgestattet, flankierte die Springer-Presse die Maßnahmen; ganzseitige Anzeigen in BILD zeigten Jugendliche mit Erdbeer- und Kirschmündchen, die Schilder um den Hals trugen: Lump oder Nichtsnutz, ganz so, wie man seit alters Subjekte bezeichnet, die man mit Äpfeln erwischt. Unter der Führung des Bundeswirtschaftsministers zog eine Eingreiftruppe durch die Republik, Birn- und Pflaumenbäume zu fällen. Hier zeigte der Altliberale, was er in langen Parteijahren gelernt hatte: wie man mühsam Gewachsenes ohne Sinn und Verstand kaputt macht, wenn es einer Lobby so passt. Die Gründung des Interessenverbandes für Frucht-Content verlief planmäßig.

Ganz anders die Situation in den Niederungen des Volkes: vereinzelt trieben die Schergen bereits Fruchtpiraten durch die Straßen, Delinquenten, die allem Anschein nach planmäßig Stachelbeeren, Quitten und Haselnüsse in Hinterhöfen zogen – um ein Exempel gegen die (so äußerte sich der Bund Deutscher Kriminalbeamter erschüttert) Nazi-Methoden der Bio-Strolche zu statuieren, musste man einen Bürger verdachtsunabhängig durch die Kölner Innenstadt prügeln. „Ich verdiene in die Fresse, weil ich immer Zwetschgen esse“, kündete der Titulus. Dass man ohne die Hilfe von Vorratsdatenspeicherung, Online-Durchsuchung und den zügigen Ausbau eines Feindstrafrechts für nichts garantieren könne, teilte BKA-Präsident Jörg Ziercke unter Tränen den Reportern mit.

Sogar die vor lauter Moral niedergeschlagene katholische Kirche ergriff das Wort; wo es um Sünde geht, war sie erfahrungsgemäß kaum einen Steinwurf entfernt. „Wer Äpfel isst, missbraucht auch Kinder“, ließ sich Militärbischof Mixa vernehmen. Mehr kam bei seiner Vernehmung nicht heraus, und jener theologisch nicht unumstrittene Rekurs machte auch nicht mehr viel.

Auf unerwarteten, aber erheblichen Widerstand traf die Rechtsprechung im Falle der Monika N. (45), die von einer Urlaubsreise Bananen als Reiseproviant mitgebracht, aber erst in der Heimat verzehrt hatte; gesetzestreue Staatsbürger hatten die Schalen in der Abfalltonne der geschiedenen Frau gefunden, so dass das hessische Landeskriminalamt lückenlos nachweisen konnte, dass kein in der EU gesetzeskonform verkauftes Obst vorlag. Auch eine eilig anberaumte Hausdurchsuchung förderte keine Schalenaufkleber zu Tage, die Schlauchfrüchte waren demnach eindeutig in krimineller Absicht ins Unionsgebiet verbracht worden. Hatte auch das erstinstanzliche Urteil Hoffnung geweckt, die Staatsanwaltschaft ging in Revision und forderte nunmehr eine langjährige Haftstrafe der Sünderin, die mit ihrem niederträchtigen Fruchtverzehr der Wirtschaft vorsätzlich schwere Schäden beibringen wollte – davon war der Staatsanwalt jedenfalls überzeugt – und letztlich ein Darniederliegen des deutschen Vaterlandes billigend in Kauf nahm, was nur als Terrorakt würde gedeutet werden können.

Schwere Schäden löste N.s Anwältin mit der Frage aus, wie viele deutsche Bananenzüchter ihre Mandantin bereits in den Ruin getrieben hätte. Der Staatsanwalt war hernach dienstunfähig, da er das Verfahren einstellen musste; sein Stammtisch distanzierte sich von ihm auf das Schärfste. Weitere Klagen, deren eine wegen Mandarinen in Tateinheit mit Mango besonderes Aufsehen erregt hatte, verliefen danach ergebnislos im Sande.

Indes formierte sich die Opposition, da auch die Obstpreise astronomische Höhen erreicht hatten: für ein Kilo schrumpeliger Birnen, für ein Schälchen wässriger Beeren zahlte man zehn, zwanzig Euro. In den Bahnhofsvierteln wuchs die Dörrobstszene. Ehrbare Menschen deckten ihren Vitaminbedarf mit Balkon-Sanddorn. Gurkensaat statt Schurkenstaat kündeten Graffiti an den Wänden, ein T-Shirt mit der Aufschrift Ich bin ein Strauch-Dieb trieb die Kontrollinstanzen zur Weißglut: eine Straftat war durch das Tragen des Kleidungsstücks nicht nachzuweisen.

Eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof, welche Frucht erlaubt, welche verboten sei, nahm die Bundesregierung erstaunlich gelassen. Hatte zuvor noch keiner damit gerechnet, dass Melonen faktisch Gemüse seien, da botanisch Kürbisse, so sorgte das Urteil für einen herben Rückschlag. Pflanzenwachstumserschwerungsgesetz und Realität waren nicht unter einen Hut zu bringen. Aus bestäubten Blüten entstandene Früchte, einschließlich Tomate und Aubergine, für die doch Mehrwertsteuervergünstigungen vereinbart worden waren, galten ab sofort als erlaubt, weil essbare Pflanzenteile – man hatte ein- und mehrjährige Pflanzen schlicht nicht hinreichend unterschieden. Der Frucht-Content-Verband drohte noch einmal ruppig in Richtung China, man werde dieser Nation den Hahn zudrehen, falls ihre Auberginen (einjährig, aber aus bestäubten Blüten) weiterhin als Raub-Anbau auf den Markt kämen. China machte den Landwirten kurz klar, wer sie – die Landwirte – seien und wer China ist. Dann hatte sich das Thema erledigt. Rechtzeitig zur Baumblüte.


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4 responses

22 04 2010
michaeleriksson

Eine sehr schöne kleine Geschichte, die gut auf die abstrusen Ansichten und Handlungsweisen von einigen Firmen, Interessenorganisationen, und Politikern zeigt.

22 04 2010
bee

Merci 🙂

22 04 2010
n00dl3

Bei uns in der Schweiz sind auch Killerfrüchte verboten, weil wir sonst amoklaufen wenn wir die essen würden. Ich find die haben das mit den Früchten immer besser unter Kontrolle, bin total froh.

So genial btw 😉

22 04 2010
bee

In französischen Ministerien soll’s mittlerweile eine Balkonerdbeeren-Szene geben :mrgreen:

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