Gernulf Olzheimer kommentiert (LV): Fernsehserien

30 04 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ist das Tagwerk vollbracht, sinkt die Sonne, so sehnt sich der sozial eingebundene Mensch nach Muße, weil er ahnt, dass nach dem Hahnenschrei dieselbe Grütze kommt wie jeden Tag – dann doch lieber ein paar Stunden lang vergorene Früchte ins Hirn bembeln, bei Schummerlicht die letzten Zuckungen des Tages genießen und sich fallen lassen. Früher kam noch der Barde und erzählte in einem der beliebten abgeschlossenen Romane, wie Opa seinerzeit die roten Beeren gefunden hatte, mit denen sich das halbe Dorf hernach über die Wupper begab – bis zum Verlust der Muttersprache gehört, doch immer wieder spannend durch eine Nuance im Duktus des Erzählers, der den Drang der Mannen nutzte, sich fremdbestimmt durch die Freizeit zu schaukeln. Genau hier setzt das zivilisierte Grauen ein, das allabendlich aus der Glotzkiste in mehr oder weniger unschuldige Resthirne suppt. Der Bekloppte will es so, weil er es nicht mehr anders kennt. Und umgekehrt.

Längst ist die Fernsehserie, eine den übelsten Infektionskrankheiten gleichziehende Massenplage, zur Geißel der Bevölkerung avanciert. Der Horizont der Bildröhrlinge verengt sich unter dem Einfluss dieses geistigen Tischfeuerwerks zusehends, die Flimmerapparatur bietet, wenn überhaupt, frei Haus Valium fürs Volk. Wohin man umschaltet, die Serie ist schon da; jeder Widerstand ist zwecklos, das Glotzvieh wird gründlich assimiliert. Die Sache ist so interessant wie ein Quadratmeter Asphalt bei mittlerer Sonneneinstrahlung: die Claims sind abgesteckt, wer sich einmal in den Quadranten verirrt hat, findet ohne fremde Hilfe nicht mehr hinaus. Klinikärzte, Pfarrer und Anwälte, bisweilen noch überkandidelte Werber oder Privatdetektive bestimmen das Realitätssurrogat, mit dem sich Millionen von Mattscheibenjunkies regelmäßig die Dröhnung geben – aus Schmierkäse geschnitzte Witzvorlagen, die mit der Wirklichkeit ungefähr so viel zu tun haben wie eine Feuerschutzsirene mit Musik. Sie walzen Genreklischees breit, die passende Auskleidung für den Flach-Bildschirm, ein Abklatschteppich, unter den sich so gut wie jeder Schmarren kehren ließe.

Als wäre der audiovisuelle Arztroman mit dem edel-hilfreich-guten Doktor noch nicht blöd genug für die Beknackten, schwiemeln Drehbuchschnitzer auch noch überflüssiges Fabulierwerk zusammen, spannend wie ein leerer Pappkarton, dafür auf die ewig gleiche Herde von Darstellern gepappt, die staffelweise als eine wie keine den Harry in die Schnarchbaldklinik beimern. Gute Seifen, schlechte Seifen, im Sturm der roten Rosen hat längst die Fortsetzung der Fortsetzung fortgesetzten Horrors das Regiment übernommen. Die Daily Soap, ein der Verarbeitungskapazität angepasster, schnell zu kauender Alltagsbrei, mit dem der im 24-Stunden-Rhythmus sich wieder konfigurierende Verstand auf das Niveau eines lethargischen Schimpansen zurechtgestutzt wird, sie weicht der Telenovela, der vorläufig bittersten Niederlage menschlicher Kultur vor den Profitmaximierungsstrategien einer seelenlosen Kotzkastenbeschickungsindustrie, denn hier wird der zivilisierte Citoyen auf dem Sofa der perfidesten Zumutung ausgesetzt, wenn er via Kommentar sich in den Schädel des lyrischen Ichs, will sagen: der Kackbratze von Protagonist beamen soll, um die Ersatzwelt kreativer Storyschmiede aus eigenem Kopfschmerz zu erfahren. So verdooft, wer nicht das TV-Set von der Brüstung bolzt.

Zudem haben Serien das Widerhakenpotenzial, das eine echte Droge auszeichnet. Sie bestimmen das Leben, pfropfen den Tageslauf in ein Korsett, lassen die Mehlmütze vor dem Elektronenabstrahler zum Kommunikationsvollversager degenerieren, dessen Bedürfnis nach Verständigung bald mit einfach strukturierten Grunzlautkombinationen befriedigt ist. Unvoreingenommene Betrachter meinen wohl, es müsse die Hölle sein, wenn der Gucker während der sendefreien Zwischenzeit vor dem Zifferblatt kauert und mit seiner Restexistenz nicht mehr anzufangen weiß, als sich in einer Warteschleife erledigen ließe. Die Wohlmeinenden meinen wohl, dass erst die verknotete Liebe des Zwergdoktors dem Hell-Dunkel-Rhythmus, den die gesunden Bevölkerungsteile als einen Tagesablauf bezeichnen, so etwas wie ein Orientierungsraster schaffen, das die vom Entwöhnungskasper geplagte Hohlbacke lebensfähig macht – sie meinen richtig, der Proband kann ohne mordendes Sandmännchen nicht einschlafen und verweigert ohne den TV-Koch, der sein grenzdebiles Gebrutzel durch den Äther britzeln lässt, die Nahrungsaufnahme. Er ist in den Stachelhecken des Schemas gefangen und kapituliert schon bei der geringsten Sondersendung zum Vulkanausbruch, denn er muss eine volle Viertelstunde bis zum Showdown der Hormone überstehen. Das schafft man vielleicht ohne Heroin, aber sicher nicht ohne Lindenstraße.

Ganz übel wird es, wenn nicht nur Sicherung oder Sabbelkasten das Zeitliche segnen, wenn nicht die Antenne abwarzt, sondern gleich der ganze Sender. Ohne visuelles Stoffwechselendprodukt ist dieses Sein nicht mehr tragbar; mancher wartet nicht ab, bis das brechende Herz ihn krepieren lässt, er beißt sich selbst die Pulsadern auf. Ist er doch in diesem Moment wenigstens glücklich, weil er weiß, ganz am Ende des Lebens, kurz vor Sendeschluss, zieht noch einmal die Lieblingsserie an ihm vorbei.