Gernulf Olzheimer kommentiert (LVII): Stilikonisierung

14 05 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wer das kümmerlich behaarte Nachfolgemodell einstmals stolzer Primaten durch den Versuch einer Zivilisation stolpern sieht, dem nötigt eine seiner zweifelhaften Überlebensstrategien doch einen gewissen Respekt ab: der geistig vereinfachte Euarchontoglire hat bei der Abspaltung von Biber und Pfeifhasen sein Herdenverhalten derart perfekt organisiert, dass der Taumelflug der Schmeißfliege über dem grünlich verseiften Mettbrötchen fast anarchisch individuell anmutet. Kein anderer Teilnehmer am Genpoolsprung vom Einmeterbrett besäße diese steifleinerne Uneleganz, keine Spezies wäre aus freien Stücken eine derartige Nassbirne, für einen lächerlich frisierten Quastenfloskler mit Nasenpullover in Dreierreihen in den sicheren Tod zu marschieren und dabei teutonischen Ufftata zu grölen – der Bescheuerte vollzieht sein Versagen bevorzugt im Kollektiv und hat für intellektuelle Abflachungen eine besondere Vorliebe, wenn er sie zur Norm erheben kann. So kann er gleichzeitig alles ausgrenzen, was fragwürdiges Rudelverhalten ablehnt oder, schwerer Ausnahmefehler, inhaltlich gestützt in seine Einzelteile zerlegt.

Der Nachahmungstrieb hat uns unterworfen; wer’s nicht glaubt, kann immer noch mit Hilfe einer Boulevard-Postille das Treiben auf den Straßen und Plätzen begutachten, wer sich durch Wiedergänger aus den Gräbern der Geschmacksverwesung kämpft und ernsthaft behauptet, mehr als das Verhalten sei noch originell zu nennen, hat nicht zwei Exemplare miteinander abgeglichen. Die Duplikationstechnik feiert fröhliche Urständ, so oder ähnlich muss der Farbkopierer entstanden sein. Doch nicht, dass jemand wie Claudia Heidiklumpen schifft, ist so bemerkenswert, denn Vorbilder funktionieren auch, wo die Bevölkerung die Hose ohne tätige Mithilfe des Zivis zukriegt. Der Sockel unter dem Denkmal steht dem Fortschritt auf den Zehen; die Stilikone geht noch in Ordnung, aber die Ikonisierung nervt.

Denn längst gilt es nicht mehr, die dezente Präsenz einer Audrey Hepburn, den aparten Chic der Grace Kelly zu bewundern. Jeder, der in der Warteschlange vor der Körperrückgabestelle eilig durchgewunken würde, schwiemelt sich aus Ersatz- und Austauschteilen, Formfleisch und Pigmenten ein Phänotypensurrogat zurecht, ob es nun zur Person passt oder nicht. Es reicht durchaus nicht, sich wie Amy Winehouse im Schnelldurchlauf in Frollein Flodder zu verwandeln, für die man eine eigene Entzugsklinik unterhalten könnte. Um als akkreditierter Nachahmungstäter durchzugehen, braucht’s inzwischen professionelles Casemodding sowie eine gewisse Distanz zur Lebenserwartung. Wer wirklich jedem Trend nachrutscht, erledigt die Sache nicht mehr nur per Kleiderkammer, sondern schranzt die Physis, bis sie der in Photoshop vorgemachten Wirklichkeit ähnelt: nachdem die Trenderin heute wie Beth Ditto ein halbes Schwein verschluckt, Kriegsbemalung anspachtelt und auf dem Breitrundschädel Fragmente eines qualvoll verstorbenen Pudels spazieren führt, muss sie sich schon morgen wieder auf das Normalmaß zwischen Bikini- und Sahelzone herunterhungern. Eine Woche darauf wird sie vermutlich als beinhaariges Prallkissen durch die Gegend galoppieren oder als Sarah-Jessica-Parker-Double Pferde taufen.

Alles ließe eine Beknackte über sich ergehen, machte eine perfekte Kopie sie dadurch nur zum Original. Bei Hautverschönerungsmaßnahmen, insbesondere den gehäuft auftretenden asiatischen Schriftzeichen, höchst geschmackvoll zwischen den Schulterblättern angebracht, wo man sich ja sowieso alle Naselang mal selbst draufguckt, befällt den Betrachter allerdings die Frage, ob nun Koreaner und Chinesen gleichfalls Neigung verspürten, sich schnöde Antiqua-Versalien in den Nacken klatschen zu lassen; aber offensichtlich braucht das der stilsichere Jetztzeitler, auch wenn es nach anderthalb Spielzeiten wieder has-been sein sollte (und der Bekloppte deshalb für den Rest seines Lebens Stehkragen tragen wird, um nicht als Outist durch seine imitatio vitae zu krebsen). Nicht auszudenken, wenn sich Madonna beim Versuch, wieder ins Erstkommunionsalter zu regredieren, die Gräten bräche; vermutlich staksten die Opfer dieser Copy&Paste-Kaste umgehend mit strassverzierten Krücken durch die gettoisierte Betonvegetation.

Das Problem ist nicht zu lösen, wenn man den Bescheuerten die letzte Kohle für Geltungskonsum und spätrömisches Parvenütum aus den Rippen leierte. Die Wiederholungstäter äffen nicht nach, um sich den sozialen Aufstieg zu erkaufen – oft sind sie sogar da, wo die emanzipierten Individuen schon lange sind, durch Geburt, Bildung oder mangelnden schlechten Geschmack – es fehlt ihnen an Werten; dass sie diese hauptsächlich an der Außenseite der Dinge suchen, erstaunt so auch nur ihresgleichen. Und es sollte den in wirres Wirkwerk gewandeten An- und Ausziehpüppchen zu denken geben, dass sie wie Prestigeobjekte am Nasenring ubiquitärer Verfügbarkeit herumgezogen werden, da keiner der Bekloppten mehr in ihnen sieht als die Marionette, die er selbst ist. Die Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft verläuft eben weitgehend geschmacksfrei.


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