Gernulf Olzheimer kommentiert (LVIII): Verfall der Tischsitten

21 05 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Man muss Nachsicht üben mit dem Pleistozän. Der geneigte Hominide, der sich Beuteltier to go reinbrezelte, hatte meist andere Sorgen als rostige Fischmesser oder Remouladenspritzer auf dem Jabot; derlei versaute seinen anstrengenden Tag erst mit Einführung der Zivilisation. Peu à peu lernten Bürger und Bauer, sich Brei mit Hilfe des Löffels einzuverleiben, Schneckenkompott mit dem Zinken zu schnabulieren und Eiweiß von toten Vierbeinern mit Messern zu zerkleinern. Der Römer pfiff sich bereits im Liegen Sieberschläfer al forno rein, das Mittelalter sortierte Speise nach Fastentauglichkeit, die Neuzeit sorgte mit subtiler Distinktion für die Ausprägung differenziertester Klassenunterschiede. Wer an der Fingerschale scheiterte, war fortan auch gesellschaftlich zu vernachlässigen.

Derart streng muss man in der Postmoderne die Suppenkasper unter den Nudelbiegern nicht sehen, doch der Niedergang ist ersichtlich, wo alle Grundregeln missachtet werden. Die Maxime des durchschnittlichen Futterumsetzers, sich unter allen Umständen geräuschreduziert und feinmotorisch akzeptabel zu verhalten, scheint inzwischen in die Résistance gegen den Geltungsdrang abzudriften: besser Koch und Kellner in schwellende Scham stürzen, statt beim Kauen die Klappe zu halten – wenn alles gebannt auf den Tisch des Geschehens stiert, wie man mit einer Mixtur aus vibrierendem Ekel und seltsamer Neugier exotischem Getier bei der Kopulation auf einer Käsesahnetorte zusieht, dann ist dem Ego Genüge getan, selbst unter den Nichtschwimmern in der großen Fingerschale der beschissenen Randexistenzen.

À propos, die Fingerschale; das Nichtwissen ist ein Abenteuer für Behämmerte auf großer Fahrt durch die Gefilde des Manierlichen, und so prostet er sich eher mit Spülflüssigkeit zu, als sich die vom Brutzelbroiler benetzten Griffel darin zu entfetten, zuzelt an der Zitrone und klaubt sich die Kerne mit Ölflossen aus dem Gebiss. Mit Hilfe von Kiwilöffel und Hummerzange ließe sich auf die Schnelle eine Freakshow organisieren, wenn man mit der Gefahr leben kann, dass der Bekloppte sich selbst samt der näheren Umgebung in mundgerechte Einzelteile zu zerlegen bereit ist, wann immer er seltsame Objekte aus Nirosta in die schwitzigen Pfoten kriegt.

Aber auch ohne jenes Zubehör schwiemelt sich der Attitüdenakrobat durch ein Potpourri an originellen Neuinterpretationen gut angehangener Standards. Er lümmelt sich am Tisch wie im gut durchgelegenen Sessel vor der Schrankwand, da die Glotze thront, stützt die Ellenbogen auf weißen Damast und das verfettete Kinn in die Pranke. Selbstredend betritt er das Restaurant wie einen Konzertsaal, und einen Konzertsaal betritt er wie ein Lichtspielhaus: Mäntel klotzt er wrummelnd über die Stuhllehne, eine Garderobe existiert in seinem geistigen Quadranten nicht. Dass seine weibliche Begleitung vor, nach sowie während der Gänge hin und wieder eine Generalrenovierung mit dekorativen Kosmetika am Gesichtsübungsfeld probt, rundet das Bild harmonisch ab.

Die Anregung der Gasmoleküle zu geordnetem Schallwechseldruck, der in den Ohren unschuldig Anwesender Schmerzreiz triggert, spiegelt die Flexibilität unserer sterblichen Hülle wider: wo immer ein Hohlraum im Weg ist, brandet Resonanz in den Raum, und der Verdauungstrakt ist voller Hohlräume. Die Stoma erlaubt jenes schmatzende Geräusch, das sanfte Grundübelkeit in des Hörers Gemüt drückt, unterstützt vom Gehege schlürfender Zähne. Geräuschvolles Schlucken und Gurgeln übernimmt die obere Peristaltik, die gleichfalls die in Refluxrichtung aufstoßenden Gase zu klarer Diktion bringt. Und nicht alles geht nach oben los.

Zu den ulkigeren Auffälligkeiten gehören die Sünden, die ad hoc bestraft werden. Wer stereotyp zum Pfefferstreuer langt, ohne die Hors d’œuvre vorab eines Blickes zu würdigen, wer beim Tee den Löffel in der Tasse belässt (und keine Brille trägt), soll sich nicht beschweren. Was piekt, das prägt, und aus Schaden wird man klug, wobei es sich im letzteren Fall um eine Kann-Bestimmung handelt.

Neben den paranormalen Manierismen ist ein weiterer Faktor in der Gemengelage schuld an der Erosion der Sitten; der Bekloppte hockt nicht mehr zwei- bis dreimal täglich an den dafür installierten Futterplätzen und konzentriert sich auf kritische Kalorienzufuhr, die in eng beschriebenem Bereich an Genuss grenzt, er möllert sich stattdessen den Pamps in die Figur, während er fernsieht oder telefoniert, surft, den ÖPNV durch seine Teilnahme in Depressionen stürzt oder – möglichst motorisiert – zurück zur Natur will. Wo auch der Hirnhumpler aufschlägt, er kaut, knabbert und knuspert aus der Tasche, fuchtelt auch daheim mit dem Fischmesser, da er auf dem Sofa speist, labert Arien mit vollem Munde, raucht zwischen den Kartoffeln, popelt Olivenkerne in den Aschenbecher hinein und löste damit bei seinen Ahnen im cenaculum spontanes Würgen aus. Welche angenehme Vorstellung, diese Klientel mit nichts als einer Stiege Zitronen und einem Austernbrecher auf einer einsamen Insel auszusetzen. Verhungern kann man ja auch ohne technische Hilfsmittel.