Gernulf Olzheimer kommentiert (LIX): Trennungen im Freundeskreis

28 05 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Gerüchteweise hört man, es wäre nicht gut, dass der Mensch alleine sei. Man darf das für sich stehen lassen; manche behelfen sich da mit Zierfischen, manchen ist das Kraftfahrzeug eine treue Gefährtin in lauer Sommernacht, und nicht eben selten kommt es auch vor, dass sich ungeprüft zwei Herzen ewig binden, Fehlinkarnationen, bei denen man hofft, dass sie ihre Trittspuren am Rande des Genpools wegwischen, bevor derlei frei delirierendes Gefrett den Niedergang der Hominiden beschleunigen. Wer davon sein Liedchen singen kann, weiß um die Gefahren, denn hat man Freunde im Pärchenkreis, ab und an auch umgekehrt, so droht Drangsal in einem Maße wie nur auf der Buckelpiste: sobald sich die Bindung auch nur lockert, geht alles steil bergab und hinterlässt Blut, Tränen, Elend. Was sich trennt, verursacht Katastrophen, und wo, wenn nicht im Dasein des ahnungslosen Freundes.

Zunächst hockt der Bekloppte, so er überhaupt noch dazu kommt, zwischen allen Stühlen; hatten ihn bisher synapsensynchron je zwo Hälften einer körperseelischen Integralgestalt von beiden Seiten quasi in Folterstereo zugeschallert, dröseln ihm nun argumentative Widerhaken unter die Epidermis und versuchen, sein Fleisch in entzündlichen Zustand zu bringen. Ja, er habe das – was auch immer – geahnt, gewusst, nicht ahnen können, keinen blassen Schimmer davon gehabt, sich gar nicht für den Schmodder interessiert, mit dem ihm jetzt der beste Freund den Neocortex zukleistert: mit glasigen Augen, gleichsam in Duldungsstarre sitzt der Beknackte im Beichtstuhl, nagt am Sprachgitter, reingepfropft in seine Verdammnis, der er nicht rechtzeitig entgangen war. Er wird mit Dingen konfrontiert, die ihm sein Lebtag am Sitzmuskel vorbeigegangen waren, mit nächtlichen Schnarch- und täglichen Saufhandlungen, Körpereigenheiten, verhaltensoriginellen Auswüchsen und anderem philosophischem Getier. Dass mit dem Schwinden der Scham, wie Freud nachwies, der Schwachsinn einsetzt, ahnt das Opfer spätestens hier, mehr noch: aus der Beschreibung wird ersichtlich, dass das Leben der Anderen aus Gehampel geistesgestörter Grützbirnen bestanden hat, und man hat über Jahre nichts gemerkt. Der Schluss, dass man auch jetzt von Idioten umgeben ist, könnte näher nicht liegen.

Doch der Drang nach Kommunikation lässt sich beliebig dicht an die Kernvorstellung von Paranoia heranbewegen. Was läge näher, als dem Ex-Objekt via Bodenbeben, indirekter Nachrede und Intrigantenstadl Freundlichkeiten reinzudrücken, für die es sonst des direkten Kontaktes bedürfte – wo Frust auf Feigheit trifft, lässt der sich auch nicht immer schließen. Hurtig hingeschwiemeltes Gerede tut ein Übriges, um die Gerüchte am Brodeln zu halten, der Bescheuerte kocht im selben Topf in der Komplizensuppe mit, wenn er nicht spätestens hier dem Beleidigten die Leberwurst über die Mütze zieht. Denn sonst ist er flugs eine Stufe weiter und darf, wenn die Kampfphase der Entzweiung erst einmal ausgestanden sein sollte, als Vermittler zwischen beiden Lagern im Quadrat springen, immer eingedenk, dass man aus der Einleitung noch weiß, mit wem Manfred seine Teilzeitgeliebte betrügt und welche Geräusche Heide in gekachelten Räumen produziert. Auch dies ist locker zu steigern und reicht an altorientalisches Marterbrauchtum heran, dann nämlich, wenn es zweiseitig praktiziert wird. Da weiß man dann, wozu man Freunde hat.

Am anderen Ende der Skala, kurz nach der Nummer mit dem brennenden Schwefelsee, den herausgerissenen Fingernägeln und der Beschallung mit Kirmesschlagern kölscher Provenienz, kommt der Zangengriff des Teufels, das Finale jeder sinnvollen Existenz auf diesem beschissenen Planeten. Wenn A und B etwa auf den Gedanken kommen, sich gegenseitig mit gleichlautendem Schmonzes zu beschuldigen („… hört mir gar nicht mehr zu…“) und den arglosen Dritten in seiner Zwangslage zum Seelenklempner zu machen mit dem Stockholm-Syndrom als Rohrzange, zum Partnerschaftsberater und Bewährungshelfer für eine Lebensform, die nutzloser ist als der Versuch, auf der Jahrestagung der Überlebenden eines Massakers zur Entspannung Zielschießen zu veranstalten, um sich hinter dem Rücken des mental überforderten Vollidioten wieder in die lang vermissten Arme zu sinken, dann ist der Ofen endgültig aus. Denn es ist eine Frage der Zeit, bis sie wiederum vor allem Dritten gegenüber hervorkehren, dass ihr alter Freund – man habe sich wohl in seinem Charakter erheblich getäuscht, aber hinterher sei man immer schlauer – sich wohl nur die größten Peinlichkeiten über die eigene Person angehört, Keile zwischen die Getrennten getrieben und sich überhaupt einer Freundschaft völlig unwürdig verhalten habe, weil er in Wirklichkeit ein veritabler Drecksack sei. Spätestens bei der öffentlichen Versöhnung stellt die Gesellschaft fest, dass man als Vollarsch ausgegrenzt werden darf.

Wer noch halbwegs geistig gesund ist, entsorgt aufkeimende Ansätze von Freundschaften mit derlei Konstellationen an der Biegung des Abflussrohrs. Die therapeutischen Erfahrungen hernach mögen eine Klasse für sich sein, aber das ist es nicht wert.


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