Respekt!

1 06 2010

„Horst wer?“ „Horst Köhler. Bundespräsident.“ „Ach so. Wusste ich doch nicht, dass der noch was zu sagen hat.“ „Hatte er mal?“ „So gesehen – auch wieder wahr.“ „Seien wir froh, dass das Ende so gekommen ist. Stellen Sie sich vor, wir hätten ihm noch vier Jahre beim Verenden zugucken müssen.“

„Und er tritt jetzt aus Mangel an Respekt ab?“ „Genau. Höchstwahrscheinlich derselbe Respekt, den er für unsere tapferen Großhandelsfachkräfte am Hindukusch einfordert.“ „Aber er hat doch nicht für sich den notwendigen Respekt gefordert, er wollte den doch nur für das Staatsamt.“ „Mit der Trennung von Amt und Person hatte der Mann noch nie Schwierigkeiten, oder was wollen Sie mir damit sagen?“ „Äh nein, das…“ „Er scheint zu übersehen, dass er selbst dem Staatsamt von Anfang an nicht den notwendigen Respekt entgegengebracht hat. Und das ist auch durchaus zu verstehen bei einer Marionette, den sich Kanzlerette und Außenkasper ausgewürfelt haben.“ „Sie meinen, er sei nicht die richtige Wahl gewesen?“ „Da hätte auch jedes andere Knuddelbärchen auf dem Präsidialthron hocken können, es wäre letztlich egal gewesen.“ „Auch Gesine Schwan?“ „Oder der Klampfenadolf von den Braunalgen. Alles dasselbe.“ „Na, das ist doch ein bisschen scharf – dass Sie einen Nazi…“ „Sie meinen: einen, der en passant das Völkerrecht ignoriert und das Grundgesetz abschaffen will? Und diese halbe Portion Staatsrecht will Respekt?“

„Er war nun mal ein unbequemer Präsident.“ „Genau, einer mit Ecken und Kanten.“ „Das hatte er doch vorher auch…“ „Ja, für die Galerie. Weil man einen brauchte, der der großen konservativen Revolution – oder nennen Sie’s politische Wende, solange Sie nichts von Moral oder Geist erzählen – als Lautsprecher voran in den Untergang trabt.“ „Sie meinen doch nicht, dass…“ „Deutschland hat mehr Respekt verdient als das hier. Es sollte eine Sockenpuppe werden für den neoliberalen Kurs in die Feudalgesellschaft, richtig?“ „Doch, ja.“ „Und dann hat er nicht mehr mitgespielt. Obwohl er doch wusste, wie es sich als Subalterner liebdienert.“ „Da übertreiben Sie aber.“ „Wer hat uns den Euro eingebrockt als Staatssekretär, der nachgewiesen Zahlen gefälscht hat? Wer hat als Kriegsfinanzier die Haushalte rosig gerechnet, damit wir nicht merken, was die Golf-Invasion wirklich kostet? Na? Wer?“ „Er war doch bloß Sparkassendirektor!“

„Ihre geistig-politische Wende können Sie sich an der Kasse abholen, mein Lieber. Das haben die sich an Westerwelles Küchentisch ausgedacht, um Schäuble über die Rampe zu rollen. Weil sie genau wussten: sie brauchen einen Weichspüler, während sie hinter den Kulissen den Sklavenhalterstaat einfädeln. Schäuble hätte nie zugelassen, dass die Merkel das von ihm denkt.“ „Aber ist sie nicht die Bundeskanzlerin?“ „Wissen Sie, was sie gesagt hat? Der Bundespräsident sei ein sehr eigenständiges Amt – die Marionette als Strippenzieherin. Wie tief kann man sinken?“ „Also ist der Respekt eine Frage der Angst?“ „Wie dieses hirnamputierte Pack in Windelhosen: ‚Alda ey, isch fick Deine Mudda, Respekt!‘ Haben Sie noch Fragen?“

„Aber er war doch tatsächlich eckig – wenn auch anders eckig, als man hätte erwarten dürfen.“ „Das ist ja mal eine ganz neue Perspektive! Spricht wohl nachgerade fürs politische Gespür einer FDJ-Praktikantin und ihres rheinischen Brülläffchen? Was hatten Sie sich noch mal für die Wiederwahl aufs Plakat gewünscht? ‚Versprochen, gehalten‘?“

„Es muss doch schlimm sein, wenn man das Liebste verliert.“ „Meinen Sie Westerwelle?“ „Wieso Westerwelle? Dass man Köhler an seinem Küchentisch…“ „Das ist doch der Punkt! Vom Donner getroffen, wie? Was haben wir gelächelt! Vermutlich war er nicht mal vom Blitz gerührt!“ „Das führt mir jetzt zu weit.“ „Mir auch. Und das ist es doch, er will es selbst werden. Man lässt ihn bloß nicht. So sauer, wie Westerwelle jetzt ist, dass sie nicht auf Knien angerutscht kommen, ist er nicht gewesen, seitdem er festgestellt hat, dass er nach einer gewonnenen Bundestagswahl auch regieren muss.“

„Das wäre doch alles auch irgendwie logisch, oder?“ „Was?“ „Wenn er plötzlich feststellt, dass das ja alles ernst ist und kein Kaffeekränzchen.“ „Weil die Hornissen das auch so gemerkt haben?“ „Genau, und deshalb hat er dann plötzlich die Klappe aufgerissen und die Wahrheit gesagt. Und aus dem Nähkästchen geplaudert. Und diesen Guttenberg, diese eingeölte Knallcharge, der hat als einziger ihm die Stange gehalten – der einzige, der jetzt richtig in der Tinte sitzt, wenn Sie verstehen.“ „Interessant. Sie denken, Köhler sei letztlich nur ein unverbesserlicher Gutmensch und sei an seiner eigenen Harmlosigkeit gescheitert? Ein Heinemann, ein Weizsäcker hätte gebissen.“ „Köhler ist zahnlos. Das war der Grund, warum er Präsident wurde.“

„Und jetzt?“ „Wenn Sie jemanden brauchen, der dünnhäutig und mimosig und wehleidig ist, kann ich Ihnen nicht gerade Koch oder Rüttgers ans Herz legen.“ „Eine integrative Figur?“ „Was meinen Sie, was Merkel alles weggebissen hat in den letzten zehn Jahren.“ „Käßmann?“ „Die hat Moral. Das geht gar nicht“ „Dann weiß ich’s auch nicht mehr.“ „Schäuble.“ „Oh Gott… und was wird das Ausland geben, dass wir den Bundespräsidenten dafür vom Hof gejagt haben?“ „Was wohl. Respekt.“