Und so weiter

14 06 2010

„Du lieber Gott, das wollen Sie ernsthaft erzählen? Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen? Dieser ganze Wortsalat hier, wer hat sich denn das ausgedacht? Sie selbst? Großartig! Exzellent, Frau Bundeskanzlerin, einfach exzellent! Mehr Blödsinn haben Sie nicht in einen einzelnen Satz gequetscht bekommen! ‚Dass wir das jetzt Realität werden lassen‘ – Herrgott noch mal, das ist die Meldung des Tages, dass Sie Ihre Beschlüsse eventuell auch mal in die Tat umsetzen? Wobei, Ihr Regierungsstil legt es nah, dass man irgendwas, was sich in diesem Land bewegt, zur Sondermeldung aufblasen muss.

Also Sie wollen dann ‚die Arbeitsvermittlung zielgerichteter ausrichten‘, schön. Zielgerichteter als zielgerichtet geht nicht, weil dicht daneben ist auch vorbei, klar? Und wenn Sie irgendwelche Ziele im Auge hätten – hätten!, Frau Merkel, hätten! – dann wäre das Ding bereits ausgerichtet, und zwar worauf? aufs Ziel, gut aufgepasst. Und das wollen Sie der deutschen Öffentlichkeit als eine bahnbrechende Konsolidierungsmaßnahme auf den Tisch bringen, dass die Argen künftig frei Schnauze Leistungen verweigern können? Was für eine Eselei ist das denn, was für ein Etikettenschwindel! Ich höre immer Sparpaket, Sparpaket – wird denn hier auch nur ein Cent gespart? Pustekuchen, das haben Sie noch nie getan! Immer raus die Marie, immer zum Fenster mit beiden Händen! Deutsche Bank, Abwrackprämie, Hoteliers, Griechenland, immer noch eine Schippe, immer raus! Ist das Sparen? Sie sparen nicht, Sie kürzen höchstens!

Und wo wir gerade beim zielgerichteten Kürzen sind – unterbrechen Sie mich jetzt nicht! – Ihr auf Schwanzwedeln der FDP durchgewunkener Rabatt für die Mövenpicks kostet den Staat doppelt so viel, wie Sie durch die Streichung des Elterngeldes für sozial Benachteiligte bekämen. Hat Ihnen da Herr Westerwelle einen Schwank aus Ihrer FDJ-Zeit erzählt, der Ihnen zwischenzeitlich entfallen war?

Gott, was ist das für ein Gestammel? Wer hat denn das da verbrochen? ‚Deshalb ist die Zeit gekommen, hier wirklich in eine Phase einzutreten, wo wir sehr konkret sagen, was müsste gemacht werden‘ – haben Sie noch alle Tassen im Schrank? ‚Wirklich‘, das heißt doch: bis jetzt haben Sie nur so getan, als ob? Was bis zu diesem Umschwung ablief, das sollen wir jetzt alle mal verdrängen, weil es die Unwirklichkeit war? Frau Merkel, fand das alles bisher nur in Ihrem Kopf statt? Hier wird nicht in Phasen eingetreten – Phasen, das sind labile Übergangszustände, Frau Merkel, was haben Sie eigentlich während Ihres Physikstudiums getrieben, dass Sie das nicht wissen? Den Klassenfeind mit Ihrem Doppelkinn in Depressionen getrieben? Hier wird nicht Phasen eingetreten, Frau Merkel, hier wird nicht eingetreten, hier wird vorgerückt, agiert, gehandelt, beschlossen, umgesetzt, angepackt und durchgegriffen! Was ist das für ein seniler Quark, den Sie hier vorjammern – Sie unterbrechen mich noch genau einmal, dann haben Sie ein Problem – soll ich Ihnen Funktionsverbgefüge servieren, damit sich das Geschwätz noch eine Ecke hohler anhört? Zur Durchführung bringen? In Anwendung nehmen und zur Beschleunigung kommen lassen, was?

Aus der Nummer kommen Sie eben nicht mehr raus, Frau Merkel. Sie wollten Kanzlerin sein. Sie wollten die CDU als dominierende Partei und die FDP als billigen Mehrheitsbeschaffer. Sie wollten das. Nicht die anderen. Nur, dazu muss man auch etwas auf der Pfanne haben. Gestalten, wie Sie so gerne sagen, Frau Merkel. Wege einschlagen. Und nicht, wie Sie es aus guten alten Zeiten in der DDR kennen, zurücklehnen und warten, dass der nächste Zehnjahresplan im VEB Realsozialismus kommt. Da karrt man Ihnen eine Horde Knalldeppen in die Wahlkampfarena, die mit ihren orangefarbenen Schals einstudierte Ekstase nachturnen, und was macht die Kanzlerin? ‚Die Staatsratsvorsitzende der CDU freut sich über diese Begeisterung der Bevölkerung, die eine Ungeheure gewesen ist!‘

Was wird das? ‚Dass wir in den Jahren 2013 und 2014 dann auch sichtbare Erfolge sehen in Form von geringeren Leistungen für Hartz-IV-Empfänger.‘ Die Erfolge kommen in der nächsten Legislatur? Und: sichtbare Erfolge, die so sichtbar sind, dass man sie sehen kann? Sie sehen als Erfolg, dass Sie die vom Bundesverfassungsgericht als Existenzminimum bezeichneten Leistungen noch kürzen können? Sie sehen es also als Aufgabe für die kommende Wahlperiode an, mit Ansagen das Grundgesetz auszuhebeln, damit Sie den Banken mal wieder den Arsch retten können? Habe ich das richtig verstanden, Frau Merkel?

Sie wollen, dass es weitergeht? Egal was, nur: weiter? immer weiter? So? Weiter? Es interessiert Sie also schon gar nicht mehr, was in zwei, in fünf, in zehn Jahren sein wird, weil Sie sowieso eine Marionette sind? Weil Sie in Ihrer Partei nichts anderes können als Intrige und Machenschaft, damit Sie alles wegtreten können, was ansatzweise mehr im Schädel hat als Sie selbst? Und jetzt spielen Sie dem Volk die Kanzlerin vor? Ja, Sie spielen, zu mehr hat es doch nie gereicht. Nur, dass es jetzt ernst ist, Frau Merkel. Wortsalat, das können Sie absondern – wenn es darum geht, hätten wir auch Stoiber nehmen können. Unter ihm hätte es dieses Kindergartentheater garantiert nicht gegeben.

Und jetzt gehen Sie da raus. Ich habe es Ihnen oft genug gesagt: Klartext. Schluss mit diesem elenden Geschwurbel. Laut und deutlich. Sonst ist Ihre politische Karriere innerhalb der nächsten Viertelstunde zu Ende, haben wir uns verstanden? Gut. Dann gehen Sie da raus. – Meine Damen und Herren: die Bundeskanzlerin!“

„Wir haben ganz klar gesagt, wir müssen jetzt zeigen, 2011, 2012, 2013, 2014, die gesamte mittelfristige Finanzplanung muss überschaubar sein, und damit kommt Stabilität und Verlässlichkeit auch in diese Dinge hinein. Trotz aller schwieriger Entscheidungen sage ich: dieses ist notwendig. Notwendig für die Zukunft unseres Landes. Auch wenn, das will ich ganz deutlich sagen, es ernste Stunden waren und ich es auch für eine durchaus ernste Situation für unser Land halte, aber ich bin optimistisch, dass wir das schaffen können, wenn wir das jetzt auch so umsetzen, und das ist uns in harter Arbeit gelungen.“

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12 responses

14 06 2010
lamiacucina

„Beschreiten von Wegen“, „Verstetigen von Ansätzen“ und „Austarieren von Lücken“ : Polit-Poesie in höchster Vollendung. Die Dame wird immer besser.

14 06 2010
bee

Je länger man hinhört, desto öfter hört man inzwischen die im Realsozialismus gezüchteten Floscula blühen, mitsamt ihren unangenehmen Nebenbedeutungen, die die Herrschaft der Sprache verleiht. Man kann eben ein altes Mütterchen im Schrank verstecken, aber nicht ihren Husten.

14 06 2010
Morla

Na Realsozialismus?
Das sind die termini technici von Honecker.
Aber der hatte mit Realsozialismus nichts zu tun.

Die Krönung: „Ich liebe euch doch alle“, hatte damals am Ende dieser Mielke drauf. Bei der Frau Merkel lautet das: „Ich will Kanzlerin aller Deutschen sein!“

Also, der ductus für das nahe Ende ist gelegt – nur – diesmal fehlt „das Volk“.
Sind wohl alle desillusioniert . . .

14 06 2010
bee

Real existierender Sozialismus war ja weder Sozialismus noch hat er real existiert 😈

Der Deutsche will nicht glauben, was er – bei genauer Betrachtung und mit vier Jahren Vorlauf – vor der Wahl schon wusste: dass sie es nicht kann, dass sie es nie konnte, sondern, darin Westerwelle gleich, immer nur wollte. Sie sind beide Kinder der Kohl-Epoche, links und rechts des Vorhangs, und sie ergänzten sich in der Zeit der Opposition so gut, weil sie mit einfachsten Mitteln ihre ideologische Rolle rückwärts als das Allheilmittel anpreisen konnten. Sie wurden beide kalt erwischt, Westerwelle als Postkeynesianer, Merkel als tatsächliche Kanzlerin, die sich nicht mehr hinter Schäuble, Steinbrück und Steinmeier verkriechen konnte, wenn es ernst wurde. Sie haben, etwas vereinfachend gesagt, mit einem Schlag gesehen, dass Politik mehr ist als ideologische Worthülsen und Ränkespiel um Parteiposten. Um Deutschland ging es ihnen ebenso wenig, wie die Wandlitzer Riege das Volk zur Kenntnis zu nehmen geruhte.

Was jetzt kommt, wird nicht weniger unwürdig sein als der störrische Abgang des Politbüros. Man wird auch hier fragen: das also hat uns regiert? Das? Und dann wird die Geschichte sie abhaken.

14 06 2010
Empfehlung Abseits vom Fußballgedöns « Buchstaeblich seltsam!

[…] dann las ich diesen Artikel von bee, und da steht schon alles drin, was ich auch hätte sagen wollen. Wozu also unnütz Buchstaben […]

14 06 2010
Himmelhoch

Frau Buchstäblich sei Dank – denn dadurch bin ich hier gelandet und konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Treffend, vor Satire tropfend, aufklärend und aufrührerisch – was will frau mehr.
Danke – ich weiß, dass ich wiederkomme.
Mit besten Grüßen
Clara Himmelhoch – zur Feier der Erstlesung mal mit vollem Namen

14 06 2010
bee

Vielen Dank und herzlich willkommen in diesem kleinen literarischen Salon 🙂

das Programm wechselt täglich – und das Archiv lädt ein bisschen zum Stöbern ein 😉

14 06 2010
freidenkerin

Jedes Wort trifft wie die berühmte Faust auf’s Auge! Danke! Da spricht mir jemand aus der Seele!

14 06 2010
bee

Merci 🙂

15 06 2010
Himmelhoch

Na hallo, kennen wir uns denn nicht von „irgendwo“? – Dich trifft frau aber auch auf allen interessanten Blogs.

15 06 2010
Frankie

Bin aufgrund Frau Buchstaeblichs Rat hier ebenfalls Erstleser. Ein hervorragender Artikel!

15 06 2010
bee

Vielen Dank 🙂

und immer gerne Aufwiederlesen und natürlich auch Kommentieren!

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