Schüsselerlebnis

17 06 2010

„Unglaublich!“ Hildegard setzte die Schale heftig auf den Küchentisch. „Dieses hässliche Ding steht seit Jahren oben auf dem Regal, fängt Staub und ist ansonsten zu nichts nutze. Ich möchte wissen, wozu Du so etwas aufhebst.“ Ich blickte von meiner Zeitung auf. „Diese Schale“, entgegnete ich sanft, „hast Du meines Wissens seinerzeit von Deiner Cousine Linda geschenkt bekommen. In meinem Arbeitszimmer steht das Ding nur, weil Du nicht bereit bist, es bei Dir unterzubringen – oder aber es aus Versehen fallen zu lassen.“

Wobei man nun wissen muss, dass Hildegards Cousine Linda wirklich einen Sonderfall innerhalb der ohnehin schwierigen Familienbande darstellt. So attraktiv sie von außen erscheinen mag, sie ist so selbstsüchtig wie heimtückisch, gönnte einem nicht das Schwarze unter den Fingernägeln und ist vor allem in Bezug auf Tante Erika, das gemeinsame Bindeglied innerhalb ihrer Sippschaft, von einer Verschlagenheit, die ihresgleichen sucht. Man munkelt, sie selbst habe den Pastor, mit Niespulver sowie heimlich verknoteten Schnürsenkeln, dazu gebracht, direkt in den Tee zu prusten und dann, beim Aufstehen, der Länge nach auf die Kaffeetafel zu kippen, so dass Tante Erika, schon immer eine zum Jähzorn neigende Person, den Gottesmann mit einigen harschen Worten aus dem Salon wies und stante pede die Kirche aus dem Testament strich.

„Man kann das doch nicht einfach wegwerfen“, rief sie. „Immerhin ist sie meine Cousine, auch wenn ich ihr – jedenfalls ist sie meine Cousine.“ Ich begutachtete das Porzellangefäß. „Es würde auf die Küchenanrichte passen, oder ins Wohnzimmer.“ „Du hast doch gar keine Küchenanrichte“, meinte Hildegard. Ich lächelte. „Ich rede auch nicht von meiner Küche.“ Da brauste sie endgültig auf. „Was, diesen Scherben in meiner Wohnung? Das kannst Du nicht von mir verlangen!“ Begütigend legte ich die Hand auf ihren Arm. „Du wirst sie nach ein paar Tagen gar nicht mehr sehen, so unauffällig ist sie. Und wenn Besuch kommt, erzähl ihnen einfach, es sei ein ganz kostbares Ming-Stück.“ Tatsächlich handelte es sich um einen Napf mit blau-weißen Blumen nebst stilisiertem Maulbeerbaum, der sich offensichtlich auf die Gartenbauausstellung im Palast des Kaisers vorbereitete. Möglicherweise hatten die Schriftzeichen auf der Umrandung einen tieferen Sinn; mit Sicherheit bedeuteten sie irgendetwas, ob es allerdings „Die sieben Jadedrachen erscheinen dem weisen Mann im Morgentau des Frühlings“ hieß oder „Wer das liest, ist doof“, entzog sich meiner Kenntnis.

„Ming?“ Hildegard begriff nicht gleich. „Ming-Porzellan“, dozierte ich, „ist der Inbegriff von Schönheit und Eleganz. Die Fürsten vergangener Epochen haben damit ihre Kabinette geschmückt.“ Sie blieb skeptisch. Unschlüssig drehte sie den Tiegel hin und her, bevor sie das rechte Auge zusammenkniff und den Aufdruck auf dem Boden entzifferte: „Made in China!“ „Da siehst Du mal“, sagte ich, „dass ich wirklich ein Kunstkenner bin.“

Mit Grollen und Wut hätte ich gerechnet, doch zu meinem Erstaunen klatschte Hildegard begeistert in die Hände. „Ich hab’s“, jubelte sie, „Tante Erika! Wir schenken ihr den komischen Kelch einfach zum Geburtstag.“ So geschah es; das Ming-Ding füllte ich anderntags mit Likörpralinen, wickelte es in knisterndes Cellophan und wand eine üppige Schleife darum. Tante Erika war sichtlich angetan. „Das sieht ja bezaubernd aus“, schrie sie, denn mit den Jahren war sie ein wenig harthörig geworden, „die passt auf die Küchenanrichte oder aber ins Wohnzimmer – Lindchen, meinst Du nicht auch?“ Was Lindchen meinte, ging in einem knirschenden Laut unter. Ihrem neidverfressenen Gesicht nach zu urteilen war dieser Behälter ein Volltreffer gewesen. Sie hätte ihn wohl am liebsten direkt aus dem Fenster gepfeffert. Jedenfalls plapperte sie leicht vor sich hin, um von dem Geschenk abzulenken. „Na, so ein billiges Ding, genau wie das aus der Kommode, das ich Dir damals…“

Hatte Linda, als das wurmstichige Möbelstück den Geist aufgab, sich doch an Tantchens Geschirr vergriffen. Nun gut, dachte ich. Was jetzt kommt, hast Du Dir redlich verdient.

„Weißt Du“, sprach ich laut und vernehmbar zu Hildegard, „das sieht mir aus, als passte sie genau zu der anderen, die das liebe Tantchen immer auf dem Ecktischchen stehen hatte, wie Onkel Oskar noch lebte.“ „Ach ja“, sekundierte sie mit erhobener Stimme, „Du hast ganz Recht! Was sähen diese beiden zauberhaft als Ensemble aus, die eine dort, die andere hier.“ Tante Erika schaltete sich ein. „Was soll ich gehabt haben?“ „Die zweite Schale“, jodelte ich lauthals. „Nein, die habe ich doch…“ Wie vom Schlag getroffen schwieg Linda. Tante Erika senkte bedrohlich die Augenbrauen. „Die suchst Du gleich morgen. Ich will die beide hier stehen haben auf dem Wohnzimmertisch. Alle beide, hörst Du!“ Hildegard biss sich in die Unterlippe und kniff mir in den Arm. Linda keuchte. Genüsslich zog ich die Schlinge zu; ich beugte mich tief hinunter zu Tantchens Lehnstuhl und flüsterte ihr dröhnend ins Ohr: „Im Vertrauen, ich habe etwas zugeschossen, damit Hildegard das schöne Stück kaufen konnte. Sie wollte es zu und zu gerne haben, denn wann bekommt man schon eine so gut erhaltene Konfektschüssel aus der Ming-Dynastie? Dass Du mir ja auf den Stempel schaust, was, Tante Erika?“


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6 responses

17 06 2010
Himmelhoch

A propos chinesische Schriftzeichen. Hier kursiert eine Karte, in der mit kyrillischen Buchstaben geschrieben steht: „Wer das lesen kann, ist kein dummer Wessi“ – Wer kurz nach dem in die Hand nehmen grinst, hatte Russisch und gehört nicht zu der anderen Kategorie.
„Luschtik“, diese Familie. Aber kein Einzelfall!
LG von Clara

17 06 2010
bee

Das Entziffern der Kyrilliza dürfte kein Problem darstellen, aber dafür haben die meisten gelernten DDR-Bürger ihr Russisch gründlich verlernt 😉

17 06 2010
Himmelhoch

Anders: Sie haben es nie richtig gelernt, da es bei 95 % mit starkem Widerwillen verbunden war und man es ja auch kaum in der Praxis anwenden konnte.
Und mit „Russisch“ wie es im Land gesprochen wird hatte es so absolut gar nichts zu tun!

17 06 2010
bee

Das kann ich bestätigen. Eine meiner damaligen Studienkolleginnen, gebürtig aus Hamburg, war im zweiten Hauptfach Ostslawistin. Nach einer kurzen Reise 1990 durch Sachsen stellte sie fest, dass das, was da genuschelt wurde, in Aussprache und Grammatik durchaus interessant und sprachähnlich klang, aber mit dem Russischen nur peripher zu tun hatte.

18 06 2010
Himmelhoch

Süß fand ich ja, dass das Goethe-Sprachinstitut für Ausländer, die deutsch lernen sollten, in der Sachsenhochburg Leipzig angesiedelt war. Da hat man doch wirklich den Bock zum Gärtner gemacht.
Gute Nacht sagt Clara

18 06 2010
bee

Immähin hat dä Frankfoddä mit sei schmäzzensreische Munnaat des noch zu sei eischene Insdidud gebrachd :mrgreen:

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