Gernulf Olzheimer kommentiert (LXII): Der Stehimbiss

18 06 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Stadt: moderner Dschungel, unübersichtlich wie das Innere einer Damenhandtasche, weit und breit sucht der aufrecht torkelnde Zweibeiner nach Orientierungsmöglichkeit und nutzt das geringste Ding, um sich seiner Existenz zu versichern. Am Schein der Peitschenlampen bemisst er die Stunden des Tages, den Zustand der Politik an jenen bunten Wandschmierereien, die Wirtschaftslage deutet ihm der Benzinpreis, und so strolchten Getriebene durch ewige Nacht, gäbe es da nicht rettende Inseln im Ozean der Müll- und Grauenseuche, Leuchtfeuer der Triebbefriedigung, schmierig, unfein und wie geschaffen als letzter Zaunpfahl, bevor man von der Erdscheibe kippt. Irgendwo ist da ein Stehimbiss.

In Randgebieten menschlichen Seins wachsen solche windschiefen Buden aus dem Pflaster, Anker für die Gestrandeten, Heimstatt der Beknackten auf der Suche nach Sozialisationsrestbeständen. Es sind die olfaktorischen Lockstoffe, mit denen der Wille gebrochen wird, wie sich Karnivoren, Sonnentau und Wanzenpflanze, damit eine Portion Fleisch in die Anatomie panzern, nur eben umgekehrt, denn hier ist die tote Sau selbst der Köder. Aufplatzender Darm schmurgelt auf dem Grillrost und bildet jene krustig-karzinogene Patina, die dem Städter, wenn er nicht noch Kettenraucher ist oder wenigstens im Geländewagen zum Kippenkasten bollert, das letzte Abenteuer ersetzt: Mensch sein, wo auch das nicht mehr als nennenswerte Auszeichnung gilt. Wogen der Zivilisation spülen sie an die Fressbutzen heran, Nachtschwärmer und Nachtwächter, Reisende ohne Ziel und Zweck, Bänker und andere Penner, und alle eint die Erkenntnis, dass ein Herrenoberhemd ohne Senfflecke nicht statthaft ist.

Ohnehin nehmen zahlreiche Ernährungstrends hier ihren Ausgangspunkt; schade, dass deren letzte, degenerierte Ausläufer auch hier wieder enden. An Thüringer und Schinkengriller gewohnt, Senfeimer im Anschlag, so wünscht sich der Testkandidat die Open-Air-Nahrungsaufnahme. Eigens durch heiße Abluft mit Kohl-, Fisch- und Rußfilteraromen versetzte Toastbrotscheiben, schräg durchschnitten, bröckeln am Rand des Papptellerchens entlang, allenfalls in diversen deutschen Regionen, die sie allesamt als erste erfunden haben, serviert man die Wurst mit braunsaurem Schmadder, der an einer Dose Currypulver vorbeigeschossen wurde, und feiert das Ergebnis als kulturellen Meilenstein; man kann das machen, aber dann sollte der in Phosphat getunkte Separatorenabfall an Fettfritten in einer Liga spielen mit Stalingrad, Hiroshima und Heino. Kulturelle Vielfalt ist der zum Scheitern verurteilte Versuch, Schaschlik, serbische Bohnensuppe mit Wurstresträdchen oder Bouletten auf Ćevapčići-Art ins westeuropäische Lager zu integrieren – die Ausweitung der Mampfzone bleibt zumindest konsistenztechnisch kompliziert, denn Feinheiten wie Geschmack, Nährwert oder Hygiene sind dem Fressfeind der Fleischklopse längst egal. Er vertraut auf die abhärtende Kraft des Faktischen, lässt sich in einer Doppelblindstudie – ein Auge frühzeitig weggesoffen, das andere in einer Rauferei jenseits der Promillegrenze eingebüßt – keine messbar lebensverkürzende Wirkung mehr feststellen, dann schwiemelt er die Reste unterhalb der Signifikanz mit Filterkaffee für bewusste Raucher weg und freut sich des Lebens. Trotz allem.

Aber machen wir uns nichts vor, in Wirklichkeit geht es auch hier nur um alkoholische Getränke und deren Verzehr in engen Zeitfenstern unter prekären Außenumständen – ein Hohlpflock mit Restniveau würde sich die Plempe an der Tanke ziehen und sozialverträglich unter der schlecht beleuchteten Autobahnbrücke durch die Blut-Hirn-Schranke bembeln, statt zum erhöhten Preis körperwarmes Proletenpils zu ordern, jenes Spaltprodukt, das den Schädel in die Zerfallsreihe einsortiert. Handelt es sich am Ende um ein streng gehütetes Geheimnis, wer an den nächtlichen Trinkritualen eines lockeren Männerbundes teilnehmen darf, so weiß die Horde der Bierfahnenträger sich doch in guter Tradition mit den weiland noch landesweit präsenten Trink- und Stehbierhallen, an denen so mancher sich vor dem Hereinbrechen des Dosenpfandes über die Gesellschaft hirnentlüfteter Mehlmützen in eifriger Schluckfron die Leber sturmreif gebechert hat. An der schmalen Theke des Stehimbisswägelchens spielt der große Gleichmacher, der Schluckstoff zur Synapsenverdunkelung, sein Potenzial zur Genesis einer egalitären Gesellschaft aus, ersichtlich und, wenn überhaupt, hörbar am polykakophonen Lallen der Schicksalsgemeinschaft, die Arm in Arm, mit einer Hand in Wurstreste geschmiegt, wacker jeder Sinnkrise trotzt, und sei sie aus Schweinenacken.

Man stelle sich so das Jenseits vor, seltsam schwankende Gestalten philosophieren vor sich hin über Weltgeist und Erbsensuppe mit Wursteinlage, die Jacken mit eingetrockneten Ketchupresten aus anderen Äonen imprägniert gegen das Eindringen der reinen Weltlichkeit, wo nur noch Stammelgäste am Tresen wesen. Die letzten Kristallisationskerne werden bleiben, wenn Städte in Schutt und Asche sinken, das Ewig-Leibliche. Und das Dosenpfand, damit das mal klar ist.


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