Sprechblasenbruch

5 07 2010

„Und wir haben ihn auch wirklich im Griff?“ „Absolut. Es wird keine Pannen geben, darauf können Sie sich verlassen.“ „Auch kein irrtümlich geäußertes Wort oder ein Interview, das…“ „Wenn ich es Ihnen sage – er wird nicht einmal einatmen, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Ab sofort wird es weder Zufälle noch Versehen geben. Es läuft alles am Schnürchen. Keine Panik. Er weiß, was er zu tun hat. Und wir haben die Fäden in der Hand.“ „Es kann auch wirklich nichts passieren?“ „Nein. Wulff funktioniert wie ferngesteuert. Er wird keine Fisimatenten machen.“

„Die Redenschreiber sind instruiert?“ „Aber ja, das ist schließlich unser Hauptaugenmerk. Kein falsches Wort.“ „Gesundheit? Bildung?“ „Nein.“ „Staatshaushalt?“ „Keinesfalls.“ „Vielleicht die Familienpolitik?“ „Ach woher!“ „Oder dann doch die Entwicklung…“ „Nö. Fehlanzeige. Vor allem schlagen Sie sich mal Sachen wie ‚Entwicklung‘ oder ‚Förderung‘ aus dem Kopf, das werden Sie bis zur erfolgreichen Wiederwahl dieser großartigen Regierung nicht mehr hören.“ „Ich dachte eher, nicht mehr sehen – na egal, man sieht’s ja jetzt schon nicht mehr.“ „Werden Sie mir hier nicht witzig.“ „Was gibt es denn noch alles nicht mehr?“ „Sie werden künftig auf ‚Erneuerung‘ verzichten, ‚Aufbruch‘, ‚Wechsel‘…“ „Könnten wir einen Deal machen? Ich verzichte liebend gerne darauf, wenn sich im Gegenzug die Regierung diesen täglichen Neustart verkneift. Glauben Sie, die bekommen wenigstens das hin?“ „Nicht mein Ressort, Kollege. Ich kümmere mich um den Bundesprälaten… ich meine den Bundespräsidenten, um das Kabinett die Kanzlerin. Oder eben auch nicht.“ „Und Sie meinen wirklich, dass das etwas hilft?“ „Nein, ganz sicher nicht.“ „Aber wenn Sie jetzt…“ „Deshalb werden wir ja auch zur Sicherheit sämtliche Medieninhalte zensieren, die etwas mit Obama zu tun haben. Diese Plakate, Sie wissen schon. ‚Change!‘ Das sollte hier nicht zu deutlich in der Gegend herumhängen.“

„Sie meinen, man müsste jetzt über die mediale Schiene diese ganzen Fehler ausbügeln, die Merkel und Westerwelle gemacht haben?“ „Richtig.“ „Also alles letztlich doch wieder nur eine PR-Sache? Und damit wollen Sie die Schäden ausbügeln, die diese unverantwortlichen Stümper an der Demokratie…“ „Nichts dergleichen. Mit Demokratie wird man ihn bestimmt nicht verbinden.“

„Aber jetzt sagen Sie doch mal, wofür steht denn dieser Wulff eigentlich? Der muss doch eine Art Programm haben, eine Message oder ein Credo oder wie man das nennt.“ „Schiss.“ „Sie meinen: Angst?“ „Nein, ich meine: Schiss. Breitbeinige Befürchtungen. Wenn man sich zum Ausgang manövrieren will, weil das Herz bereits in die Hose gegangen ist.“ „Und wovor?“ „Vor allem. Und vor allem davor, dass es nicht so weitergeht.“ „Aber sie wissen doch genau, wenn es genau so weitergeht, dann geht es garantiert nicht mehr weiter.“ „Richtig, und das macht die Sache ja so unangenehm.“ „Wulff ist also der Präsident, der den Untergang zum Schicksal erklärt und Lähmung zur Tugend? Habe ich das richtig verstanden?“ „Sie haben, und das ist das Profil. Die Regierung setzt auf den Status quo, wohl wissend, dass das dieses Konstrukt nur aus wirr zusammengeklatschten Versatzstücken besteht, die den Nachfolgern um die Ohren fliegen werden – nicht daran rühren, nicht scharf angucken, vielleicht wird es dann ja doch gut gehen bis 2013. Und die Bürger werden sich, so denkt Merkel, von dem warmweichen Salbadern einlullen lassen und hoffen, dass sich nie etwas ändern wird. Weil sie alle inzwischen begriffen haben, dass sich alles nur zum Schlechteren ändern kann.“ „Dazu braucht man einen Brückenbauer als Pontifikalpräsidenten, um die Gräben zu schließen, die diese Kanzlerin und ihr Außenlautsprecher aufreißen?“ „Er wird deshalb ja auch als Leisetreter auftreten und das Kontrastprogramm gestalten. Und muss aufpassen, was er dabei sagt – noch einen Sprechblasenbruch von epischer Größe wird sich diese Truppe nicht mehr erlauben können.“

„Und das ist ein politisches Programm?“ „Kein tragfähiges, aber ja: das ist ein Programm. Sagen Sie bloß, Sie erkennen Merkels Handschrift nicht wieder?“ „Doch, das schon. Mir fehlt hier nur der Anknüpfungspunkt.“ „Der Bunker.“ „Bitte?“ „Sie verhält sich so wie in einem Bunker: draußen wird geschossen, also kann sie sich nur auf die verlassen, mit denen sie drinnen sitzt.“ „Weil sie befürchtet, dass sie sonst falsch beraten wird – das ist auch der Grund, warum Merkel und Westerwelle sich so gut verstehen. Sie trauen einander nicht über den Weg, nehmen keinen fachlichen Rat an und vergeben ihre Posten an unterwürfiges Gefolge.“ „Es erinnert ans dekadente Spätstadium untergegangener Reiche, als man in jedem Bediensteten einen Verräter sah und keinen Bissen ohne seinen Vorkoster schluckte.“ „Sie begreifen. Die Angst vor dem Hofstaat.“

„Hätte sie nicht jemanden nehmen können, der wirklich etwas bewegen kann?“ „Ist da noch einer? Hat sie nicht sowieso schon alles weggebissen, was sich bewegen kann?“ „Roland Koch?“ „Um Gottes Willen! Der hatte doch im Gegensatz zu Wulff nicht den Arsch in der Hose, aus der gestaltenden Politik zu verschwinden. Er macht sie jetzt nur von der anderen Seite des Tisches. Und ich frage mich, ob man Koch als Präsidenten toleriert hätte.“ „Wulff ist auch nur Koch nach der Gesichtsrückgabestelle.“ „Stimmt. Dann heißt das also, sie hat wieder einmal die falsche Entscheidung getroffen und hat an der falschen Stelle Angst?“ „Würde ich sagen.“ „Na dann – wunderbar. Keine Veränderung. Wir brauchen nichts zu fürchten.“


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