Gernulf Olzheimer kommentiert (LXVII): Hipster

23 07 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nichts macht die Orientierung einfacher als eine Verbindung zwischen Designat und Designiertem. Wo Zucker draufsteht, sollte kein Salz drin sein. Und umgekehrt. Man erwartet ja von einer Nonne ebenso wenig einen Tabledance wie normales Verhalten von einem Nazi. Und man mag Nonne und Nazi auch gerne unterscheiden, dass sie beide nicht mit ferkelrosa Haarbürste auf dem Kopf durch die Geschichte turnen, doch was tut man, wenn einem zwei identisch albern gekleidete, spiegelsymmetrisch hampelnde und deckungsgleich dämlich deklamierende Brezelbieger über den Weg schlurfen, von denen der eine laut Programmheft zum durchschnittlichen Hominidensalat gehört, nicht weiter erwähnenswert und vernachlässigbar, der andere total angesagt, Vorreiter, Zielgruppe und Role model für eine sich aufpumpende Gesellschaft am Rande der verebbenden Dekadenz? Und was tut man, wenn man nolens volens in die Mischpoke hineinstolpert, gar damit verwechselt wird?

Der Hipster ist zunächst eine Schnittmenge aller Ungreifbarkeiten, fahrig zusammengeschwiemelt in ästhetischen Entwürfen ohne erkennbaren Kern; bald trägt er Fellstiefel im brüllend heißen Sommer, bald benutzt er karierte Schreibblocks, küsst an ungeraden Wochentagen gleichgeschlechtlich und verbringt seine restliche Lebenszeit damit, sich zucker- und laktosefrei zu benehmen. Er müht sich krampfhaft, immer nur neorealistische Filme zu sehen, kauft fair gehandelte Seife und zitiert Roland Barthes, ohne je eine Zeile Roland Barthes gelesen zu haben. Sie hören elektronische Popmusik mit postmaterialistischen Texten, die kolumbianische Sänger in phonetischem Phönizisch ins Megafon murmeln. Sie sind die selbst definierte Bohème innerhalb einer ohnehin ständig um Originalität lechzenden Nachmacherherde, deren oberstes Ziel stets das abgefeimte Plagiat war, denn wer immer genug Hirn besaß, wollte garantiert nie ein Rudel intellektuell komatöser Schnackbratzen um sich.

So lächerlich in seinem Distinktionswahn bis in die Regionen des Grenzdebilen, wo keine Tragik mehr ein Bein auf die Erde bekäme, so inkongruent in Bezug auf Anspruch gegen Wirklichkeit diese Hipsterhorde wäre, so nachgerade penetrant fallen die Egoleptiker in die Umwelt ein. Tatsächlich ist ihre Kaste ein wenig ausdifferenziertes, autonomes Modell neuer oder alter Antibürgerlichkeit, die sich als Citoyen neuen Typs begriffe, sondern bloß Mittelschicht im Wahn, zum unteren Dreckrand der Elite gehören zu können, der sie doch nur dann nah kommt, wenn sie sie nach Mitte und Södermalm in gentrifizierte Ghettos zum Lattesaugen abschiebt und ihnen die fixe Idee einimpft, es handle sich um aktive Landnahme – konsumgesteuerte Lohnratten, die über ihre Verhältnisse vegetieren, von ihren Kunden im Irgendwas-mit-Medien-Job mit miesen Schmerzensgeldern ruhiggestellt, von einem müden Personalchef ins Bodenlose geschnippt, weil der Name nicht mehr hip genug klang oder dieselbe Grütze von einem Sklaven in Andhra Pradesh für ein halbes Promill weniger zu kaufen war. Wer immer ihnen eingeredet hat, ihre Individualität sei wertsteigernd, war ein verlogener Teufel.

Das Problem ist, dass die Hipster plötzlich und unerwartet in die Schrunden dieses geschundenen Planeten gekippt und der Entsorgung anheim gefallen sind; wenn es sie nie gab, jetzt gibt es sie schon gleich gar nicht mehr. So plötzlich, wie der radikale Materialist mit der markenbesessenen Ich-Show auf die Bühne gehinkt war, so plötzlich plumpst er jetzt in die Versenkung. Weg. Aus. Lag es am mangelnden Markenkern? Denn letztlich war jeder Hipster, der von den anderen dafür gehalten wurde; die kleine Schar ergänzte sich durch Zuwahl von außen. Lag es überhaupt an einer geradezu das Nichtsein von Gruppenmerkmalen zelebrierenden Vorspiegelung ausgeborgter Tatsachen, dass aus ein bisschen Existenzialismus, schräger Musik und fehlendem Talent zur Dandydezza dies herauskam, eine Seinsform, die ihre Geräuschentwicklung beim Gasaustausch schon für Leben hielt und ihr bohrend langweiliges Gehampel oberhalb der Erdkruste für interpretationswürdig? Es gab die Hipster nie, sie sind die Erfindung angestrengter Skribenten, die uns Yuppies, Buppies und Yetties an die Backe kritzeln wollten, diese Parvenüs im Raum der Lebensstile, denen Progression und provokativer Protest zuwider sind, weil man dazu bewegen müsste, was ihnen fehlt: den Arsch in der Hose.

Die Revolution wäre mit ihnen bestimmt nicht gekommen. Sie hätten nicht einmal den Rasen betreten. Und es ist gut, dass sie sich Lobopoden und Knospenstrahlern gleich zum Sterben in die Ecke verkrümelt haben, denn die Geschichte braucht sie nicht mehr. Die Stubenhocker haben sie verdrängt, denn die hatten genug Großhirn, um die unkritische Masse zur Implosion zu bringen. Mag es Klassen geben, die für gewisse Zeit genug Schaum produzieren, um sich an der Oberfläche zu halten, für seichtes Geschunkel reicht das; auf der Welle ist es nicht überlebensfähig. Den alltäglichen Tsunami hat der Hipster nicht überstanden. Gedenken wir seiner mit der ihm gebührenden Gleichgültigkeit.


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2 responses

24 07 2010
Doktor Peh

Danke fuer diese aufklaererischen Worte, Herr Olzheimer. Ohne Sie daechte ich immer noch, dass ein Hipster etwas mit dem oberen Abschluss des Femur zu tun haette. Obgleich man ja, Ihrer Definition nach, beim Hipster kaum mit einem Abschluss rechnen kann. Hoechstens Hauptschul-.
Kann es nicht auch uebrigens sein, dass Hipster, so wie Yuppie, nur eine Abkuerzung aus dem Englischen ist, welche bedeutet „heavily ignorable person“?

24 07 2010
bee

Mich beschleicht das Gefühl, der Olzheimer verschweigt uns wieder etwas. Der Gedanke liegt ja nah, dass nach so vielen Re-Re-Reinkarnationen um ein spirituelles Phänomen handelt. Oder um notorischen Etikettenschwindel. Wobei das eine das andere ja nicht zwingend ausschließt.

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