Die Angstmacher

26 07 2010

Das Kind weinte. Hoch oben stand es mit zitternden Knien, zehn Meter über dem Schwimmbassin, und der Bademeister schrie höhnisch. Doktor Sparski nickte zufrieden und schloss das Fenster. „Die Jugend lernt schnell, mein Lieber. Wir werden die Preise kräftig erhöhen müssen, sonst rennen Sie uns bald den Laden ein.“ Und er führte mich durch den langen Korridor im Obergeschoss des Instituts.

„Angst“, dozierte Sparski, „ist allgegenwärtig. Aber man muss natürlich etwas davon verstehen.“ Ich musterte ihn, einen kleinen, etwas korpulenten Mann mit schütterem Haar und dicker Brille. Er bewegte sich ruckartig und schielte nervös an den Dingen vorbei. „So“, erwiderte ich ironisch. „Man muss etwas davon verstehen. Das ist wohl typisch deutsch – die Sache als Wissenschaft betrachten, dann hat man immer Recht, gleichgültig, was am Ende herauskommt.“ Ungerührt öffnete er die Glastür, die den Gang mit dem Südflügel des Gebäudes verband. „Angst ist komplex, und da wir sie nicht ausschalten können, müssen wir uns näher mit ihr befassen. Dann werden wir sie verstehen. Und können besser mit ihr umgehen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas.“ In dem Raum saßen einige Männer und Frauen an Tischen und blätterten sich durch Papierberge. Sparski griff sich einen Stapel und hielt ihn mir hin. „Rechnungen, Mahnungen, eine fristlose Kündigung. Eine Vorladung, es steht eine Zeugenaussage bevor, Sie wissen nicht genau, worum es sich handelt. Eine Behörde setzt Sie unter Druck, Sie wissen nicht genau, welches Dokument Sie eigentlich beibringen sollen, aber der Brief ist herrisch und droht Ihnen mit empfindlicher Strafe.“ „Das ist ja kaum realistisch zu nennen“, wandte ich ein, doch er schüttelte den Kopf und schmunzelte. „Doch, durchaus. So ist es nun mal, wenn Sie ganz unten sind. Da nimmt man auf Sie keine Rücksicht mehr. Da verbietet Ihnen eine Behörde, über die Straße zu gehen, und die andere bestraft Sie, weil Sie nicht über die Straße gegangen sind.“

Der junge Mann, der mit zitternder Oberlippe einen Stapel widersinniger Versicherungsunterlagen durchwühlt hatte, brach in Wutgeschrei aus. Zwei Wärter mussten ihn aus dem Raum führen. „Er wird diese Klasse morgen wiederholen. So lange, bis er es kapiert hat.“ „Was kapiert hat“, fragte ich. „Bis er verstanden hat, dass das keine adäquate Reaktion war. Er muss sich besser im Griff haben.“ „Aber bei dem Jungen fanden Sie eine emotionale Reaktion doch noch angemessen?“ Wieder lächelte Sparski. „Der Junge zeigt sein natürliches Verhalten, das hier erwünscht ist. Er lässt sich durch die Angst in die Enge treiben – so ist es psychologisch und nicht zuletzt physiologisch auch vorgesehen. Dieser Mann allerdings legt eine ganz und gar unhaltbare Wut an den Tag, vor deren Zerstörungsdrang wir uns hüten müssen. Wenn das jeder täte!“ Ich blickte auf den Papierstapel, auf den Tisch, in die Gesichter der anderen. „Ja, wenn das jeder täte. Aus diesem Satz kann man Gefängnisse bauen.“

Die Nachmittagssonne stand über dem Garten des Pavorariums. Die Insassen schritten durch einen schmalen Gang zwischen zwei Hecken hindurch; hier und da zischten plötzlich Fangleinen mit Widerhaken durch die Lücken, die empfindlich ins Fleisch schnitten. Doch nicht die kleinen Wunden waren so schmerzhaft, es war jene Entladung der Spannung, die auf den Treffer folgte, jene blitzartig durch den Körper zuckende Scham, es nicht bis ans Ende geschafft zu haben. „Nun, Existenzangst, Versagensangst, alles dies lässt sich gut trainieren. Wir haben recht ausgeklügelte Programme.“ „Aber verwechseln Sie nicht etwas?“ Sparski blickte mich erstaunt an. „Verwechseln? Was denn verwechseln? Was gibt es denn mehr als Angst?“ „Phobien. Und Ängstlichkeit.“ Er lächelte. „Ich bitte Sie – wo ist denn der Unterschied?“ „Ängstlichkeit ist ein Maß, wie sehr sich Menschen von Angst leiten lassen. Wie stabil ihr Selbstbewusstsein ist. Die Phobie ist die Krankheit, die eine gesunde Angst in ein Leiden verwandelt. Sie kennen diese Unterschiede nicht?“

Sparski putzte sich umständlich die Brille. Er blickte an mir vorbei, dann stülpte er abrupt die Brille ins Gesicht. „Sie wissen genau, wozu das hier ist. Angst ist das Element, das die Gesellschaft in ihrem Innersten noch zusammenhält. Es ist die Angst, die wir kultivieren. Angst vor dem Versagen, vor Arbeitslosigkeit, sozialem Abstieg – Angst, so zu werden wie die Typen, die man auf dem Weg in die Fabrik morgens Schlange stehen sieht vor den Behördenhäusern. Angst vor dem Terrorismus, die dumpfe Furcht, dass die Fingerabdrücke, die man sich abnehmen lassen muss, um drei Stationen mit dem Vorortzug zu fahren oder im Internet einen Blumenstrauß zu bestellen, wirklich nur dazu da sind, eine Datenbank zu füttern, die nie jemand einsehen wird, weil man dazu Hunderte bräuchte, die jahrelang suchen. Man braucht diese Angst.“ „Sie hält das System zusammen, weil Menschen bewegungslos werden.“ Er nickte. „Sie werden sich nicht mehr rühren, wie der Junge auf dem Sprungbrett. Sie dürfen nur nicht in Wut geraten – Wut destabilisiert, denn sie ist nur sehr schwer unter Kontrolle zu halten. Sie steckt an. Und sie kann ziemlich unvermittelt in ganz andere Formen überspringen.“ Wieder putzte er seine Brille, als wollte er sich einen Schleier vor den Augen wegwischen. „Und dazu ist Angst ein hübscher Wirtschaftsfaktor“, fügt ich an. „Ja, das ist richtig. Einer muss diese Scanner und Kameras und die Sicherheitsschleusen ja bauen und anschrauben und bedienen. Die Ausweise mit den Fingerabdrücken, die Millionen und Milliarden Mails und Briefe, die gesammelt und gespeichert und dann doch nie gelesen werden, und die bleibende Angst, würde es jemand tun, er fände etwas, das nicht rechtens ist. Die bleibende Angst. Sie hält zusammen, was sonst auseinanderflöge. Wir sind die Angst in uns.“

Lange blickte ich auf das Sprungbrett, in den Garten mit den schnurgeraden Rabatten. Auf einmal begann Sparski leise zu sprechen. „Natürlich muss man etwas davon verstehen, denn die Zeiten ändern sich vielleicht schneller, als man es denkt. Es war einmal der Kalte Krieg, eine Reaktorkatastrophe, jetzt ein Ölbohrloch – Gefahren, die uns nicht so sehr ängstigen, obwohl sie viel weniger abstrakt sind als das, was alle Angstmacher beschwören. Um das zu verstehen, muss man die Angst in sich selbst verstehen. Ihre Dynamik. Man würde sonst irgendwann selbst nicht mehr funktionieren, wenn sie einen neuen Grund ausgeben, weshalb man Angst haben soll. Diese Gesellschaft verlangt ja einiges an Flexibilität.“ Ich nickte. „Und wer sich nicht anpasst, wird verschluckt. Aber was wäre nun, wenn wir alle diese Angst auf einmal überwänden?“ Sparski zuckte zusammen, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Oder einer der kleinen Haken, wie sie zwischen den Gartenhecken hervorschnellen. „Ich kann es nicht sagen“, antwortete er, „ich kann es mir nicht vorstellen. Vielleicht wäre es auch der Augenblick, in dem wir nicht mehr alle wütend wären, wenn die Angst geht. Wir wären andere.“ „Andere?“ Er setzte die Brille ab; diesmal blickte er mich aus kurzsichtigen Augen genau ins Gesicht. „Was wäre der Deutsche ohne Angst, ohne Hass und Neid? Ein Mensch.“