Trink, trink, Brüderle, trink

27 07 2010

„Holen Sie mal den Nächsten rein, Schwester. Aber sein Sie vorsichtig, ich glaube, der hat ganz schön was getankt. Ja, da setzen Sie sich hin, so ist es schön! Brav. Füße stillhalten, und legen Sie die Hände auf die – Füße still, habe ich gesagt! Sie haben hier nichts zu melden, machen Sie sich das gleich klar! Nein! Schwester… Schwester! So ein renitenter Kerl aber auch, da hört sich’s doch auf!

Haben Sie etwas getrunken? Hallo? Ob Sie besoffen sind, will ich wissen! Hauchen Sie mich mal an – au, das ist ja… Schwester, jetzt kommen Sie doch mal! Mit dem Mann hier kann doch nun wirklich… Schwester! Haben Sie möglicherweise etwas gegessen, was nicht – nein, ich sehe schon, Sie haben offenbar einiges geraucht, richtig? Und wie viel, wenn ich fragen darf? Bitte!? Um Gottes – also das ist ja nicht mehr… Schwester! Der Mann darf unter keinen Umständen mehr raus, der ist ja eine Gefahr für sich und die Menschheit!

Was reden Sie da? Aufschwung? Gott, das kann man ja nicht mit anhören. Sie sind ja voll wie’n Eimer! Hat man Sie gezwungen? Meine Güte, das – wie bitte? Der Aufschwung kommt? Die Regierung hat ihn nur abgewartet, um jetzt alle anderen Pläne nach der Sommerpause abzuarbeiten? Gucken Sie mich mal an – wie viele Finger sind das? Na? Sie sind ja nicht mehr ganz bei Trost, mein Freund! Was erzählen Sie da nur für einen Unfug! Die Rente hat was? Wer hat die Rente? Was? Nun reden Sie doch deutlich! Die ist was? Sicher? Die Renten sind sicher? Das meinen Sie ernst? Schwester, kommen Sie doch mal eben, wir brauchen – Schwester! Wir müssen ganz schnell rausfinden, was der Mann intus hat, am Ende kollabiert der uns noch? Was der alles genommen haben wird, eijeijei…

Und die ganzen Arbeitslosen? Ach so, Sie meinen, weil die einen Niedriglohnjob bekommen haben, werden die alle CDU wählen und damit ist auch das Umfragetief vorbei? So, und was ist mit den paar Prozenten, die diese Liberalskis verloren haben, hä? Mann Gottes, jetzt pusten Sie mir doch nicht so ins Gesicht, ich kriege ja selbst gleich einen Kater davon! Reißen Sie sich am Riemen!

Gesundheitsreform? Was ist damit? Sind Sie etwa nicht versichert? Was, alles besser? Sicherheit für die Kosten? Die Arbeitgeber brauchen nun keine Beiträge mehr zu bezahlen? Sagen Sie mal: sind sie eigentlich nur besoffen, oder hat man Sie mit dem Klammerbeutel gepudert? Die Arbeitgeberbeiträge sind keine Lohnkosten? und deshalb müssen wir die Lohnkosten senken, um die Löhne zu stabilisieren? Was ist denn das für ein Gefasel, Mann? Ob Sie das Arbeitgeberbeiträge oder Arbeitnehmerbeiträge nennen oder linke Tasche und rechte Tasche, das ist doch egal. Das sind Lohnkosten, die gehören zum Lohn. Das sind Fixkosten, klar? Und wenn Sie – meine Güte, jetzt sitzen Sie doch mal gerade, Sie sind ja voll wie ’ne Haubitze! Wenn Sie die Lohnnebenkosten senken wollen, indem Sie den Teil um die Fixkosten absägen, dann heißt das, dass Sie die Löhne drücken. Punkt! Und jetzt faseln Sie mich nicht voll, Arbeitgeberbeitrag – das zieht der Arbeitgeber ab von dem, was sein Arbeiter erwirtschaftet, und dann packt er ein kleines Stück davon wieder obendrauf. Oder wer bezahlt bei Ihnen die Sozialversicherung? Der Nikolaus?

Und was haben Sie die ganze Zeit mir der – bah, Sie sollen mir nicht auf die Brille seibern, das ist ja ekelhaft! Schwester! Machen Sie das da mal weg, Schwester, der Mann ist ja völlig knille. Der kann überhaupt nichts mehr bei sich behalten. Das wird mir auch langsam zu viel, ich glaube, wir werden ihn auch vorerst in die Ausnüchterungszelle – Schwester! Jetzt schauen Sie sich diese Sauerei an, es ist doch nicht zu fassen! Igitt! Meine Fresse, wenn man kein Weinfest verträgt, warum gibt man sich das? Haben Sie nichts Besseres zu tun, als der Weinkönigin an die Wäsche zu gehen? Was erzählen Sie da? Die asiatischen Importe sind nicht verantwortlich für den Exportboom? Das sei eine Folge des erst kommenden Aufschwungs? Bitte?

Die Renten sind sicher, weil die Rentengarantie abgeschafft wird, die Gesundheitsreform ist jetzt endlich bezahlbar für die Arbeitnehmer, weil die Arbeitnehmer die Kosten der Arbeitgeber bezahlen, das Sparpaket ist sozial ausgewogen, weil es nicht – haben Sie sich irgendwelche Substanzen intravenös zugefügt? Oder was ist mit Ihnen los? Und der große Aufschwung, der kommen sollte, nachdem es die unglaublich tollen Steuersenkungen gegeben hat, die alles ins Rollen bringen und auf die man ja gar nicht verzichten konnte, diese Steuersenkungen sind jetzt alle ausgefallen wegen Niebel, Quatsch: Nebel, Nebel meine ich, und dazu noch die Gesundheitsreform und höhere Abgaben für die Banken und die Atomwirtschaft und – ja glauben Sie denn, dass die sich das nicht wiederholen? Was sind denn Sie für ein Vogel? Triller unterm Pony, was? Und keine von diesen absolut notwendigen Steuersenkungen, und jetzt auf einmal kommt der Aufschwung mit unglaublichen anderthalb Prozent, die aus der künstlichen Konjunktursteigerung durch das Abwrackprogramm von einer Legislatur in die nächste schwappen, und dann kommt jetzt dieser gottverdammte Aufschwung, den es laut Ihren Sonntagsreden überhaupt nicht geben dürfte, weil alle, alle, alle alternativlosen Sachen, die Sie haben wollten, alternativlos gestrichen sind? Schwester, ich habe genug von diesem Knilch, ich werde – Schnauze jetzt! Sie haben hier nichts zu sagen! Schwester, die Karteikarte – Brüderle, Rainer, ab in die Geschlossene. Der Mann ist doch nicht mehr zurechnungsfähig!“