Importweltmeister

2 08 2010

„Das ist Ihr Ernst, ja?“ „Wir müssen uns alle etwas einfallen lassen, dann geht es der Wirtschaft auch wieder besser.“ „Aber nicht so einen Bockmist, ich bitte Sie! Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“ „Es hat doch schon einmal so gut funktioniert, warum sollte es denn nicht noch einmal klappen? und: haben Sie nicht selbst gesagt, dass wir einen Ruck auf dem Arbeitsmarkt brauchen?“ „Aber doch nicht mit Gastarbeitern, wer kommt denn auf die Idee?“

„Sie müssen aber zugeben, dass der Mangel an Fachkräften Besorgnis erregend ist.“ „Das liegt vor allem daran, dass die deutsche Wirtschaft sich den 19-jährigen Hochschulabsolventen mit zehn Jahren Berufspraxis wünscht, der für 1.000 Euro brutto arbeiten will.“ „Aber das ist doch völlig übertrieben und das wissen Sie auch ganz genau.“ „Und warum haben wir immer noch mehr als drei Millionen Arbeitslose?“ „Was hat das damit zu tun?“ „Weil man den Anschein haben könnte, die hätten alle keine Ausbildung.“ „Doch, aber nicht qualifiziert.“ „Dann war also die bisherige Ausbildung, die die deutsche Wirtschaft ihnen hat angedeihen lassen, nicht gut genug?“ „Doch, aber…“ „Dann dürfte es bei einer qualifizierten Ausbildung und derart vielen Arbeitslosen keinen Arbeitskräftemangel geben, es sei denn, die Verwaltung wäre mangelhaft oder würde gar nicht das Ziel haben, Erwerbslose in Lohn und Brot zu bringen.“ „Natürlich tun das die Arbeitsagenturen!“ „Und deshalb haben wir in den meisten Ausbildungsberufen auch mehr Arbeitslose als freie Stellen und müssen deshalb dringend neue Fachkräfte anwerben?“ „Das lässt sich doch alles überhaupt nicht so vergleichen!“

„Dann eben anders: Sie vertreten die These, es bedürfe bloß des geeigneten Anreizes, um einen Arbeitslosen wieder zum Arbeiten zu bringen?“ „Da liegt doch wohl auf der Hand. Wenn diese ganzen faulen…“ „Keine Polemik, bitte. Und Sie verfechten auch die Ansicht, dass der Markt – damit natürlich auch der Arbeitsmarkt – ohne staatliche Lenkung besser zurechtkäme?“ „Aber ja! Sie sehen an der Einkommensobergrenze bereits eine sehr flexible…“ „Dann müssten also die Löhne und Gehälter an das Basis einfach nur erheblich steigen, und schon hätten wir genügend arbeitswilliges Fachpersonal?“ „Ich verbitte mir diese dümmlichen Kommentare! Ihre populistischen Vereinfachungen können Sie woanders machen!“ „Dann lag ich ja gar nicht so verkehrt mit meiner Einschätzung, wenn Ihr Parteivorsitzender Herr Westerwelle diesen Mumpitz fordert.“ „Machen Sie sich nur lustig, wir werden ja sehen!“

„Dann geht es Ihnen also, wie Sie ja auch an anderer Stelle betonen, um Lohnverzicht – Sie wollen einen Arbeitnehmer, gut ausgebildet, der sich für ein Begrüßungsgeld nach Deutschland aufmacht.“ „Immerhin hat Deutschland einen ganz ausgezeichneten Ruf als Wirtschaftsstandort.“ „So exzellent, dass wir sogar mit eigenen Mitteln die Personaldecke nicht mehr flicken können?“ „Das ist ja auch alles nur vorübergehend gedacht.“ „Das ist verständlich, die letzten Türken und Italiener waren ja auch 1965 wieder verschwunden.“ „Sie sind wohl ein Ausländerfeind, wie?“ „Nicht schlimmer als Ihre Koalitionspartner. Was sagt der eigentlich dazu?“ „Das ist noch nicht raus. Wir werden wohl im Herbst darüber reden.“ „Wenn das Sommerloch sich geschlossen hat?“ „Ich… ach, was soll’s.“

„Sie erwarten also, dass ein Arbeitnehmer aus Indien oder sonst woher mit einer kompletten Ausbildung hier ankommt…“ „Das natürlich nicht, wir könnten uns beispielsweise mit der Industrie darauf einigen, dass sie Schulungen anbietet, um die ausländischen Fachkräfte in den deutschen Arbeitsmarkt schnell zu integrieren.“ „Verstehe ich das richtig, Sie zahlen Begrüßungsgeld an diese Gastarbeiter…“ „Es sind keine Gäste, sie bleiben ja nur auf Zeit.“ „Erstens Unsinn, denn wenn jemand eine qualifizierte Ausbildung hat, sollte er sie auch so lange wie möglich einem Unternehmen zur Verfügung stellen, und zweitens gibt es jetzt schon einen Zeitarbeitsmarkt, der Ihnen alles zu jedem noch so sittenwidrigen Preis bietet.“ „Wenn diese Menschen aus Afghanistan… Indien, wollte ich sagen, Indien hier ankommen, werden sie eine gute Qualifikation bekommen und Deutschkurse und eine gute Unterkunft und…“ „Und sie werden für einen Hungerlohn arbeiten, richtig?“ „Jetzt bleiben Sie doch mal sachlich! 360 Euro sind in manchen Ländern eine hübsche Stange Geld, das sollten Sie auch mal zur Kenntnis nehmen!“ „Also züchten Sie sich eine Art Subproletariat, das für den ganz normalen Hartz-IV-Satz nicht mehr nur 1-Euro-Jobs erledigt, sondern qualifizierter Arbeit nachgeht und nach Belieben wieder entfernt werden kann?“ „Diese Gesetze zur Zusammenführung auf dem modernen Arbeitsmarkt, das bedeutet ja auch, dass man die Vorteile miteinander verbinden kann.“ „Also die Ausbeutung von 1-Euro-Jobbern mit der sorglosen Gängelung der Leiharbeiter?“

„Was sollen wir denn machen?“ „Die deutschen Fachkräfte im Land halten?“ „Aber wir haben das Elterngeld doch erst gerade für sie gerettet!“ „Und wenn Sie die Fachkräfte über 40 einstellen?“ „Ach, sinnlos.“ „Und warum bilden Sie nicht jede Menge Fachkräfte jetzt aus, damit die Wirtschaft in ein paar Jahren Kontinuität hat?“ „Das würde nicht mehr reichen – diese geniale Idee ist uns ja erst jetzt gekommen.“ „Verständlich, so einen Geistesblitz hatte bislang noch niemand. Oder vielleicht eine Verpflichtung, die Auszubildenden nach dem Abschluss noch drei Jahre zu behalten, damit man hinterher nicht über mangelnde Berufserfahrung bei den Bewerbern jammern muss?“ „Das wäre möglicherweise wieder mit verwaltungstechnischen Hürden verbunden, vermute ich mal. Genaueres kann ich Ihnen aber erst im Herbst sagen.“ „Ich glaube, ich habe die Lösung. Meinen Sie nicht, wir sollten die Personalsituation verbessern?“ „Aber auf jeden Fall!“ „Gut, dann schlage ich mal vor, dass wir unter den Bundesbürgern eine kleine Sammlung veranstalten. Jeder einen Euro, das gäbe schon ein hübsches Sümmchen.“ „Und wofür, wenn ich fragen darf?“ „Dürfen Sie, Herr Brüderle, dürfen Sie – irgendwo auf der Welt wird es jemanden geben, der Ihren Job erledigen kann. Wir werden ihn finden. Und wenn wir eine ganze halbe Stunde nach ihm suchen müssten.“


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8 responses

2 08 2010
Zwitscherfrau

Herr Bee, einfach super!!!!!!
Ob auch Herr Brüderle twittert. ;-))

2 08 2010
bee

Irgendeine Weinkönigin wird ihm zeigen müssen, was ein Browser ist :mrgreen:

2 08 2010
Doktor Peh

Ich befuerchte, nach dem Weinfest wird ihn irgendeine Weinkoenigin in der Gosse abbrowsern muessen.

Was ich ja richtig gut an der Idee des Herrn Schwesterle (oder war es Bruderwelle?) finde, ist, dass die Leiharbeiter inzwischen nicht mehr an Bord von Segelschiffen und aneinandergekettet ins gelobte Land der Benzes einreisen muessen, wie es ihre Kollegen vom Nachbarkontinent noch vor 200 Jahren taten. Auch hat sich der Anbau von Baumwolle in Deutschland nicht flaechendeckend durchsetzen koennen.

Ich finde es immer wieder schade, dass sich gerade in den Hirnen der Politiker und der meisten Firmenbosse es nicht durchsetzen kann, dass gerade altgediente und langjaehrige Mitarbeiter den Ablauf und die moeglichen Fehlerstellen innerhalb einer Firma besser kennen als junge, BWL-verseuchte Studienabgaenger, die meinen, die frisch erlernten Theorien jetzt in der Praxis umsetzen zu muessen. Optimierung bis ins Letzte. Man stellt, moeglichst mitarbeiterfrei und vollautomatisiert, Produkte her, deren Herstellungskosten nur knapp ueber dem Rohstoffpreis liegen und verkauft diese dann mit immensem Gewinn. Soweit die Theorie. Nun die praktische Frage: an wen? An all die vielen Arbeitslosen, die sich von Hartz-IV das Produkt dann gar nicht mehr leisten koennen, weil das Geld fuer Essen draufgeht? Oder man exportiert die Ware in andere Laender, die dann in Rohstoffen bezahlen, weil sie gar nicht das Bruttoinlandsprodukt besitzen, um monetaer die Schulden zu begleichen? Irgendwann ist aber auch da Schluss.

2 08 2010
bee

Nachhaltigkeit heißt bei diesen Spezialisten meist nur, dass sich die nächste Generation von der Kohle ein Luxusinternat gönnen kann. Die jähe Erkenntnis, die einst Justus Maggi hatte, dass nämlich irgendjemand seine Brühwürfel auch lutschen müsse, führte schnurstracks dazu, dass er den Fabrikarbeitern für seine Zeit verhältnismäßig komfortablen Wohnraum verschaffte und die Löhne erhöhte – Sozialdemokraten konnten sich den Mund fusselig reden, sie fanden kein erniedrigtes und geknechtetes Proletariat vor. Diese Wirtschaft besteht heute aus zwei Teilen, aus einer Volkswirtschaft, die vom Volk nur das obere Viertel, und einer Betriebswirtschaft, die davon gar nichts mehr kennt. Sie betreiben noch immer eine Art Voodoo mit alten Zauberformeln (Kolonialismus, Vorhersagbarkeit von Börsenkursen usw.) und nennen dieses theologieähnliche Gefummel „Wissenschaft“. Allen Ernstes. Es fehlt ihnen dazu aber an zwei fundamentalen Dingen, an historischer Perspektive und an Systematik. Hätten sie von beidem ein bisschen, würden sie bemerken, dass der Kapitalismus ein System ist, dessen Hauptaufgabe darin besteht, Arbeit durch Automatisierung und Rationalisierung, Auslagerung und (so nennt man es wohl) Synergetisierung zu beseitigen. Das hat sich seit dem mechanischen Webstuhl nicht groß geändert. Und es ist immer wieder fast putzig zu beobachten, wie eine Generation von Wirtschaftswissenschaftlern nach der anderen am Ende ihres Lebens feststellt, dass die Grundrechenarten sich einen Dreck scheren, ob das je gelebt hätte.

2 08 2010
Lebensumbau

… klasse Beitrag. Darf ich den mit meinem Beitrag verlinken ? :-).

2 08 2010
bee

Immer gerne, ich freue mich über jeden Leser 🙂

2 08 2010
Lebensumbau

…danke :-).

2 08 2010
… öffentlich diskutiert ! « Lebensumbau

[…] Bee hat es in seinem blog schon schön auf den Punkt gebracht. Es wäre besser, die Herrschaften würden unter sich ausmachen in welche Richtung man denn jetzt gehen möchte. Diese ständigen öffentlichen Diskussionen sind so mühsam und fruchtlos. […]

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