Gernulf Olzheimer kommentiert (LXIX): Sommermode

6 08 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Auch vergangene Kulturen, Kreta oder Sumer, kannten den Wechsel der Jahreszeiten und passten sich ihm an. Gartenmöbel wurden vor die Lehmhütte geschleppt, die Eisenzeit-Ausgabe des Kugelgrills daneben aufgestellt, die schweren Wintergardinen aus totem Tier ohne Innenausstattung von den Fenstern abgeschraubt. Dann kam der Sommer. Allenfalls in reichen Haushalten, die sich davon zwei Komplettsätze leisten konnten, wurde die Winterunterwäsche an die Wand gelehnt und durfte bis zum Frosteinbruch auslüften. Aber das war’s schon. Was uns heute umtreibt, war undenkbar.

Noch im Mittelalter, noch im 19. Jahrhundert wäre keiner auf die Idee gekommen, sich textile Traumata an die Figur zu schmeißen, wie sie der Beknackte der Jetztzeit mit dem rechtwinkligen Kippen der ekliptikalen Sonnenlänge reflexartig auf die Lederhaut klöppelt – Sommermode, der letzte Versuch, die führende Rolle unter den Hominiden zu verleugnen. Zunächst zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie gängige Objekte auf Mikrobengröße schrumpft; nicht lange Hosen werden getragen, nicht einmal Culottes in gedeckten Farben, wie es der westliche Kulturkreis in seiner Eigentlichkeit vorsähe, sondern Dreiachtelschwenker markieren knapp oberhalb der Fettsteißkerbe, wo der Spaß aufhört und das Grauen einsetzt. Denn generell gilt jeder bedeckte Quadratzentimeter Körperoberfläche als Punktverlust, so, als schmore das Land schon immer unter Hochofentemperaturen – dass dessen Bewohner dem kollektiven Ganzjahressonnenstich aufgeschlossen gegenüberstehen, macht die Sache nicht angenehmer. Denn just die Körperregionen, die Trauer und Entsetzen hervorrufen sollten, sind als erste den Blicken angewiderter Mitmenschen ausgesetzt, die sich die wandelnde Zellulite in freier Wildbahn antun müssen: Bauch, Beine, Po.

Was das Gesäß angeht, so ist der unter die Epidermis gedrechselte Schlampenstempel in der Rücklichtregion noch immer ein Garant für eine entblößte Nierenzone, deren Seitenwülste torusartig den Schlingerbewegungen des Fahrgestells folgen. Oberhalb und Richtung Schwerkraft muss – muss! – die vorgeschriebene Pelle bei Ledigen zwei, bei bereits erledigten Exemplaren drei Größen kleiner als der schmerzfreie Standard getragen werden, gerne in Lycra mit Glitzer und Zugseilverstärkung, wenngleich selbst ein Drucklufttacker dies morsche Bindegewebe nicht mehr vor dem Absacken in die Tiefen der Vergänglichkeit bewahrte. Was hinten für Ekel sorgt und alljährlich Herden unschuldiger Bürger durch bloßen Anblick zum Vegetarismus bekehrt, steigert sich an der Vorderseite zu einem Paroxysmus von Verfall, spätantikem Faltenwurf, der manchen Shar-Pei blanken Neid ins Gesicht triebe, und rauschhaftem Glitzer. Im Wabbern der Weichteile baumelt abschleppseilartig in den Nabel genieteter Modeschmuck, der aber auch nichts Schlimmeres verhindern kann. Denn logischerweise schwappen die Muskelreste unkontrolliert in die Umgebung, da beideitig in Form gewürgt, und wieder zeigt sich, dass nur bauchfrei tragen sollte, wer schon vorher bauchfrei war.

Bleiben die Beine; auch dieses Zuchtgebiet für Besenreiser, Krampfadern und Unterhautanomalien schleppt die sommerliche Beknackte wie eine Trophäe unter sich her, durch Capribuxen und kompressionsstrumpfartige Radlerhöschen grotesk überbetont, so dass die eskalierenden Sklerosen gleichsam als Abzeichen der Unerschrockenheit die Innenstädte überrollen, teilweise von Fußkettchen über katzengoldfarbenen Riemchensandaletten getragen, teilweise von Fußgängerzonen akustisch verwüstenden Schuhsohlenimitaten aus Polyurethan mit Großzeheneinführhilfe für grobmotorische Legastheniker, die unisex eine Schlürf-Klatsch-Kombi wie im überfüllten Freibad in Tankstellen, Discounter und Proktologenwartezimmer zaubern, Mann und Weib einig im schlechten Geschmack, und gerade die Herren der Schöpfung schaffen einen überraschenden Punktsieg, wenn sie artuntypisch die mit Innennaht verstärkte Wollsocke weglassen, um ihre Hornhautverkrümmung in Bodennähe zu zeigen – ein Stresstest für angehende Podologen, Hufschmiede und andere Quanten-Mechaniker, denen es vor nichts mehr graust als dem Mann, der sich selbst dankt galoppierender Sehschwäche nach einem flüchtigen Schrägblick gen Spiegel für unwiderstehliches Paarungsmaterial hält. Was unter normalen Umständen – leichte Schäden nach Schädelbruch, Drogenpsychosen, intermittierende hysterische Blindheit – als Modemut durchginge, ist hier nur Anzeichen eines rapide voranschreitenden Kontrollverlustes, und das in Formen, wie ihn die Damenwelt selbst bei Leggins im Blumendruckmuster nicht unfallfrei hingeschwiemelt bekäme. Es muss ein Ventil in den dünnen Regionen des Corpus callosum geben, das auf Hitze reagiert und die Informationen auf dem Weg von einer Hemisphäre in die andere zu Sinnbrei manscht. Der Bescheuerte blickt an sich selbst herunter und hält das also Erfahrene für das Abbild des idealtypischen Menschen, der keiner warnenden Verhüllung bedarf. Dergestalt vermehrt er sich. Womit der Niedergang einsetzt.


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4 responses

6 08 2010
lamiacucina

Die Grösse von Badehosen für Männer verhält sich indirekt proportional zum Alter des Tragenden. An diesem Gesetz orientieren sich Kleiderfirmen bei der Bedarfsplanung schon seit Jahren. Einfacher ist die textile Bedarfsermittlung bei Damenhemdchen. Was vorher, in Zeiten der Bauchfreiheit, unten fehlte, fehlt nun oben.

6 08 2010
bee

Ob der demografische Wandel zu dieser eklatanten Materialverknappung geführt hat? Oder haben mangelnde Ressourcen das Gesellschaftsdrama erst entfacht? Mein Verdacht ist, dass sich die Richtung geschlechtsspezifisch unterscheiden könnte.

6 08 2010
Doktor Peh

Was Sie in diesem Falle vergassen zu erwaehnen, ist die Zurschaustellung grossflaechiger Brandrodungsgebiete, die in kalten Winterzeiten unter kuenstlicher UV-A und -B-Bestrahlung dem Gerbprozess am physikalisch, jedoch nicht psychisch, noch lebenden Subjekt erfolgte. Derartig abgelederte Figuren wandeln nun wieder in grosser Zahl durch die Fussgaengerzonen, staendig auf der Suche nach frischgeputzten Fensterscheiben. Nicht, um diesen streifenfrei die letzte Oelung zu verpassen, sondern um sich selbst darin bewundernd zu betrachten. Moeglicherweise ob des Erstaunens, beim Bewegen keine krachlederne Geraeusche zu hinterlassen. Denn das ist wohl das Einzige, was sie dereinst, wenn das halbfeuchte Innere, inklusive des Broetchens innerhalb der Hirnkalotte, seine biologische Funktionen vollstaendig aufgibt, hinterlassen werden. Der Rest zerfaellt, anders als bei Vampiren, vermuteterweise bei Vollmondlicht zu Staub.

6 08 2010
bee

Ja, die Epidermie, nein: Epigederm, wieder falsch: epidermistische, verflixt! also die thermonukleare Oberhautabschürfung als Mumifikationsmittel, das war mir auch schon in den Sinn gekommen. Wir haben ja heutzutage ganz andere Mittel als die Inka oder Ägypter. Wobei mir eins selbst angesichts plastinationsähnlicher Bräunungsversuche der Presspellenhähnchen nicht recht klar wird: wenn man diese Lederhautnafizierung („Braun, braun, braun ist des Fasels Muss!“) schon flächendeckend einsetzen muss, warum dann ausgerechnet im Sommer, wo eh der Hautkrebsstrahler auf Toaststufe zehn glimmt!?

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