Schlafstörung

11 08 2010

Hildegard ließ die Taschen fallen und torkelte in die Küche. Die ersten blassen Sonnenstrahlen fielen durch die Jalousien, kurz vor sechs. Hastig trank ich ein Glas Wasser. „Ich kann nicht mehr.“ Mit beiden Händen stützte sie sich auf den Tisch. „Hinlegen!“ Und wie eine Somnambule tastete sie sich an den Wänden entlang, wankte quer durch die Wohnung und ließ sich platt wie ein Pfannkuchen auf das Bett fallen. Nicht einmal die Schuhe hatte Hildegard ausgezogen. Innerhalb einer Sekunde wurde ich wach, da mir aus ihrer Richtung ohrenbetäubendes Schnarchen entgegen scholl.

Vorsichtig tastete ich mich in Richtung Sofa. Annähernd zwei Tage hatten wir gebaucht. Kurz hinter Dijon hatte der erste große Stau gelauert, über endlose, verstopfte Nebenstraßen hatten wir uns gequält, es war brüllend heiß und wir standen festgekeilt zwischen Lastern und Traktoren. An sich hatten wir vorgehabt, am Abend zuvor nach Hause zu kommen, doch diese zwölf Stunden waren dem Verkehr geschuldet. In der Nacht hatten wir uns abgewechselt; erst fuhr ich, während Hildegard ein Nickerchen probierte, dann döste sie hin und wieder weg, währenddessen ich mich auf den Verkehr konzentrierte. Auf allen Vieren krabbelte ich auf die Polster und vergrub den Kopf in einem Kissen. Es drehte sich alles. Drei Wochen Burgund, die Hölle der Autobahn, die abgestandene Luft des Raums, das Vogelgezwitscher, alles mündete in einen gewaltigen Strudel, der mich tief und tiefer in sich hineinzog. Wolken wehten an der Zimmerdecke, irgendwo sägte jemand ein überlebensgroßes Modell des Eiffelturms aus einem Granitblock, und er war gerade an der rechten, hinteren Ecke angekommen, als ich wieder erwachte. Die Türklingel schnarrte. Mühsam erhob ich mich.

„Ein Päckchen für Wülfrath“, jodelte es aus der Gegensprechanlage. Ich ließ die Paketdienstlerin wissen, dass ich weder Wülfrath hieße noch je so zu heißen gedachte. „Machen Sie mal au-hauf“, flötete sie, „ich stelle es Ihnen auf den Treppenabsatz, ja?“ Sekunden später stampfte eine Doppelkinn auf Beinen in die obere Etage. „Sie haben also nicht bei Wülfrath geklingelt, richtig?“ Resolut drückte sie mir das Bündel in die Hand. „Nein, wieso? Sie sind doch zu Hause?“

Ich lehnte am einen Türrahmen, Hildegard am anderen. „Was war das?“ Sie bemühte sich, die Augen offen zu halten, allein es gelang ihr nicht immer. „Die Paketbotin. Wülfrath. Mehrere Kilo Tee, Blumensamen oder Sprengstoff, so genau hatte ich nicht draufgesehen.“ Trotz Müdigkeit arbeitete ihr Gehirn wie gewohnt messerscharf. „Dann wird auch sie irgendwann hier klingeln, um ihr Paket zu bekommen.“ Die Logik war zwingend. „Stell’s vor die Tür.“ Ich griff nach dem Pack und brachte es den endlosen Weg in den Flur, öffnete mit letzter Kraft die Tür, warf das Ding zu Boden und beobachtete, wie meine Hand den Türgriff langsam herunterdrückte. Das Schloss schnappte ein; das metallische Knacken endete mit einem kaum merklichen hellen Ton, und ich atmete dabei ein.

Wenige Jahre später schleppte ich mich wieder in Richtung Sofa. Ein sonores Grunzen verriet mir, dass es Hildegard diesmal immerhin bis zum Sessel geschafft hatte, wo sie sich schon in so tiefem wie lautstarkem Schlummer befand. Mein Kissen war noch warm, und so fiel ich hinein, um alsbald in süße, traumlose Ruhe zu sinken.

„Passt Ihnen Donnerstag Vormittag?“ Ruckartig fuhr ich auf. Todesmatt lehnte sich Hildegard an die Sofakante und hielt mir das Telefon ans Ohr. „Hallo? Sie haben mir auch noch nicht gesagt, ob Sie die Summe der Hausratversicherung eventuell doch erhöhen wollen? Und ist Ihnen die neue Police der Reisekrankenrücktrittsversicherung auch schon zugestellt worden?“ „Wer spricht“, krächzte ich. „Rütterfeld von der Assekuranzia, ich bin Ihre neue Gebietsabschnittsleiterin. Darf ich Ihnen kurz erklären, worum es geht?“ „Nein“, ächzte ich. Ich nahm Hildegard den Hörer aus der Hand. Willenlos sank ihr Arm auf die Sofalehne. Eine bizarre Schlafposition, aber ich hielt es im Augenblick für nicht angebracht, nach ihren Gründen zu fragen; es hätte die Stimmung auch nicht verbessert.

Die Stimme drang wie durch Watte zu mir in den halben Halbschlaf. Hildegard bemühte sich, nicht zu schreien. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen? – gelang es ihr nicht, den jungen Mann hinauszuschmeißen. „Das passt jetzt nicht“, zischte sie. „Aber Sie haben doch bestimmt von unserer Bürgerinitiative gehört“, schwafelte er diensteifrig. „Wenn Sie nämlich jetzt hier unterschreiben und Fördermitglied werden, kann der Baumbestand in diesem Viertel für die nächsten anderthalb Jahre mit den Zuschüssen der unteren Landschaftsbehörde, und das wird jetzt gerade in Brüssel entschieden, weil es ja auch um die Erhaltung der Artenvielfalt, und da müssen wir einfach irgendwie mal ein ganz bewusstes Zeichen setzen für Lebensqualität und so, finden Sie nicht auch.“ Ich war kurz davor, an der Küchentür herunterzufließen. Hildegard aber lauschte dem schwadronierenden Grünzeugen, der den Kugelschreiber schon gefährlich nahe an sie herangebracht hatte. Noch drei Verbalsalven, so war meine Berechnung, und er hatte sie da, wo er sie haben wollte. Ich trat aus dem Türstock und riss die Augen auf. „Hildegard!“ Am Arm zog ich sie in den Flur zurück. Sie ließ es so überrascht wie wehrlos mit sich geschehen. „Bitte entschuldigen Sie“, teilte ich dem Hausierer mit. „Ihr Flecktyphus ist noch nicht verheilt, an sich dürfte sie gar nicht aus dem Isolierraum herausgekommen sein. Lassen Sie mal das Formular da, ich lese es später durch.“ Panisch zuckte er zurück und wäre dabei um ein Haar ins Kippen gekommen auf dem Treppenabsatz. „Guter Mann“, sprach ich besänftigend auf ihn ein, „seien Sie doch bitte so freundlich und nehmen dies Paket für Wülfrath im Erdgeschoss mit? Besten Dank!“

Ihr Kopf war mir auf die Schulter gesunken. Behutsam bugsiert ich Hildegard ins Schlafzimmer und setzte sie aufs Bett. Sie fixierte einen Punkt links neben mir. „Furchtbar“, murmelte sie. „Ich brauche Urlaub.“