Ausgewogen

12 08 2010

„Was machen Sie denn hier für einen Quatsch? Was soll das denn? Sie sind doch Rechtshänder?“ „Aber die Dienstvorschrift sieht das so vor. Und hier jetzt andersrum.“ „Was soll denn das? Wieso schreiben Sie mit links und haben da rechts das Telefon und die Eingänge sind im Ausgangskorb – was soll denn das?“ „Das ist Ausgewogenheit.“ „Was bitte!?“

„Die neue Ausgewogenheit. Machen wir hier jetzt alle, die Ministerin will das so.“ „Was will die Schröder? Dass Sie den Zollstock da über Kopf verwenden? Und wer hat hier Milch und Zucker ausgetauscht, meine Güte, so eine Ferkelei!“ „Das ist alles die neue Ausgewogenheit. Beide Seiten müssen gleichberechtigt beteiligt sein, verstehen Sie?“ „Und deshalb füllen Sie Milch in die Zuckerdose und Würfelzucker ins Milchkännchen? Was soll denn daran gleichberechtigt sein?“ „Jetzt regen Sie sich nicht auf, morgen ist es ja wieder andersrum.“ „Und was machen Sie dann?“ „Dann tausche ich mit dem Kollegen die Schreibtische.“ „Das kann doch nicht wahr sein.“ „Doch, und wir wechseln uns dabei ab.“ „Wobei?“ „Beim Umräumen.“ „Was umräumen?“ „Die Schreibtische umräumen.“ „Weshalb denn die Schreibtische umräumen?“ „Weil wir doch die Schreibtische tauschen. Einmal räume ich die Sachen um, einmal räumt er die Sachen um. Alles gleichberechtigt.“ „Aber das ist doch vollkommen sinnlos!“ „Das ist richtig. Danach war aber nicht gefragt.“

„Haben Sie das Memo zur Familienpflegezeit bekommen?“ „Ja, beide Teile.“ „Wie, beide Teile?“ „Also den einen von der Versicherung, was die gerne haben würden, und den anderen von der Ministerin, wie man die Kosten stückeln kann.“ „Stückeln?“ „Wollen Sie denn das etwa alles aus der Mehrwertsteuererhöhung rausholen? Das muss man doch in kleinen Portionen…“ „Was faseln Sie denn da für einen Unsinn? Was für Kosten? Worum geht’s hier überhaupt?“ „Die Familienpflegezeit soll doch finanziert werden. Entschuldigung, darf ich?“ „Wozu haben Sie denn den Papierkorb auf den Schreibtisch gestellt?“ „Ist ja morgen wieder unten. Ausgewogenheit, verstehen Sie?“ „Was haben Sie denn jetzt schon wieder mit der Ausgewogenheit?“ „Das muss ja irgendwie geschultert werden. Schauen Sie, man soll ja zwei Jahre lang halb arbeiten und dann 75 Prozent des Gehalts beziehen können, richtig?“ „Richtig.“ „Das bedeutet, dass Sie zweimal ein Viertel, summa summarum ein halbes Jahresgehalt geschenkt bekommen, richtig?“ „Auch richtig, aber das geben Sie dem Arbeitgeber ja wieder zurück.“ „Insofern ist das ausgewogen, so hatte sich das die Ministerin das auch vorgestellt. Wir haben dann nur mal gerechnet.“ „Gerechnet?“ „Damit das auch ausgewogen wird. Wir haben ja weniger Arbeitsleistung in der ersten Hälfte der Zeit.“ „Aber das dürfte sich doch spätestens nach zwei Jahren ausgleichen, weil die einen ein Viertel mehr und die anderen ein Viertel weniger Lohn bekommen. Das ist doch ein statistisches Spiel.“ „Aber das muss ja auch ausgewogen sein. Reichen Sie mir bitte eben mal die Türklinke? Da, auf der Fensterbank.“

„Und was machen Sie jetzt?“ „Wir brauchen eine Versicherung.“ „Und was soll dabei diese ganze Ausgewogenheit?“ „Weil das helfen soll gegen den Vorschuss. Also den Ausfall. Also den Vorschuss von dem Ausfall, den die – nein, anders. Lohnvorschussausfallversicherung heißt das Ding, also ist es gegen den Ausfall vom Vorschuss.“ „Wie kann denn ein Vorschuss ausfallen?“ „Wenn der Arbeitnehmer nun beispielsweise verstirbt während der ersten beiden Jahre, dann könnte sich aber der Arbeitgeber gar nicht mehr seinen Lohnvorschuss wiederholen.“ „Und das heißt jetzt was?“ „Das muss natürlich versichert werden.“ „Von wem?“ „Vom Arbeitnehmer.“ „Warum vom Arbeitnehmer und nicht vom Arbeitgeber?“ „Weil der doch schon den Vorschuss zahlt, da kann er sich doch nicht auch noch versichern.“

„Jetzt überlegen Sie mal: ein Arbeitnehmer, der sowieso in die Sozialversicherung einzahlt, der hat doch immer einen Überschuss.“ „Aber denken Sie an die Ausgewogenheit! Wenn der Arbeitnehmer nun beispielsweise den Arbeitgeber wechselt? Dann kann sich der andere mit seinen 75 Prozent für eine volle Arbeitsleistung ja schadlos halten. Das ist aber doch nicht ausgewogen!“ „Was für ein Unsinn, dann dürfte es wohl auch keine Renten geben. Warum schießt das nicht die Pflegeversicherung vor?“ „Warum die Pflegeversicherung?“ „Weil es erstens um Pflege geht und zweitens um eine sehr viel preiswertere Form als die professionelle – von dem eingesparten Geld ließe sich doch wunderbar ein Fonds einrichten.“ „Das wäre aber solidarisch, und das ist nicht ausgewogen.“ „Wo ist der Unterschied?“ „Weil das die Mittelschicht auch bezahlen müsste.“ „Sie können doch nicht alles als unausgewogen bezeichnen, was die Mittelschicht finanziert!“ „Aber so ist doch die Sozialpolitik der Bundesregierung nun mal aufgebaut: die unteren Einkommensgruppen zahlen dafür, dass die oberen Einkommensgruppen sich unsolidarisch verhalten müssen – da sehen Sie mal, welch schweres Schicksal die Mittelschicht erdulden muss!“

„Warum muss das eine private Versicherung sein?“ „Warum nicht?“ „Sie könnten ebenso eine staatliche Zusatzversicherung einführen.“ „Mit welchem Nutzen?“ „Dass die Kosten minimiert werden.“ „Aber die Kosten für die Arbeitgeber werden doch schon minimiert. Das macht alles die Ausgewogenheit der Ministerin.“ „Welche denn jetzt schon wieder?“ „Sie sorgt auch hier für eine gleichmäßige Verteilung der Lasten – einerseits bezahlen es die Arbeitnehmer, andererseits kommen die Steuerzahler für den Ausfall auf.“ „Das ist doch alles unausgegoren! Wer hat sich das denn ausgedacht?“ „Rürup.“ „Dieser Schmierlappen, der der Bundesregierung seine Drückerkolonnenscheiße verkauft? Was hat der damit zu tun?“ „Er sichert den Aufschwung der deutschen Wirtschaft.“ „Was?“ „Den Aufschwung der Versicherungswirtschaft.“ „Wie passt das denn zusammen mit ihrer Ausgewogenheit.“ „Die Versicherungswirtschaft muss ja etwas verdienen, sonst könnte man die Arbeitnehmer nicht bluten lassen. Das Geld muss ja irgendwo hin. Wollen Sie das denn einfach so auf die Straße werfen?“ „Ich verstehe gar nichts mehr.“ „Das ist die soziale Ausgewogenheit, wie Sie sie schon im Sparpaket kennen gelernt haben: damit die einen, müssen eben die andern.“ „Damit Schröder das Elterngeld oben zahlen kann, muss es unten gestrichen werden.“ „Falsch, das wäre ja nicht ausgewogen – damit es unten gestrichen werden kann, müssen die oben es in Anspruch nehmen wollen. Sehen Sie, wie gerecht es gleich zugeht?“ „Sie haben doch einen Dachschaden!“ „Aber ausgewogen!“ „Sicher, was die Rechte nicht hinkriegt, lässt die Linke liegen.“ „Nun mal ehrlich. Finden Sie es nicht wenigstens ein kleines bisschen sozial ausgewogen? Na?“ „Ausgewogen, ja. Und für zu leicht befunden.“