Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXI): Vulgärpsychologie

20 08 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da besteht die Welt schon mal aus den guten, alten Zeichen, die man sich früh einprägt, weil es sonst unangenehm wird: roter Punkt meint heißes Wasser und Flossen weg. Die übrigen Dinge lernt man, peu à peu sortiert sich die Stichprobe in lebensfähiges Material und den großen Rest der Kompetenzattrappen, denen die Welt offensteht für jede Menge Blamage und Unfälle. Probates Mittel für die Interpretation der komplizierten Wirklichkeit ist und bleibt die Vulgärpsychologie, leicht zu handhaben, abwaschbar, selbstklebend.

Zum Beispiel Körpersprache. Wer sich mit verschränkten Armen vor die Mannschaft stellt, geht auf Distanz, wer beide Hände in den Hosentaschen verstaut, ist unsicher, und wer beim Reden die Hände knetet, hat ein Problem mit der Impulskontrolle. Zum Beispiel Physiognomie: Brillenträger mit Stirnglatze werden als professoral angesehen und meistens dementsprechend verehrt. Wer dagegen ein kräftiges Kinn hat, dem sagt man Willensstärke nach – in vielen Fällen genauso richtig wie das Gegenteil, bis auf alle die Weicheier und Jammerlappen mit Hundebacken, die jedoch mangels Willensstärke nicht besonders bekannt wurden. So haben Geschlechterfolgen sich mit illusionären Korrelationen herumgeschlagen und die beknacktesten Verbindungen ins Dasein geschwiemelt, bar jeder Vernunft und ledig jeglichen Sinnes.

Die Vulgärpsychologie arbeitet mit den Mitteln der Vorurteilsfindung. Sie unterstellt systematisch heimliche Kausalität, wo der Zufall nur ein Fahrrad mit einem Sack Reis in eine Raum-Zeit-Konstellation gepfercht hat, und hofft, dass die umherlaufenden Kasper nicht klug genug sind, die Beliebigkeit zu bemerken. Ganze Wissenschaften, Welterklärungsmuster, Fertigdenkgebäude werden auf solchem Treibsand der Logik errichtet, bis tief hinab ins Kellergeschoss der Esoterik, wo kein nennenswertes Nachdenken mehr erforderlich ist, um Zusammenhänge zwischen Kondensstreifen, Erdbeeren und Erdbeben zu erkennen.

Wie weit sich das volkstümliche Nichtwissen auf rezeptfreier Basis in die Kernbereiche unserer kranken Gesellschaft vorgefressen hat, sieht man an der Medizin. Jene Heilkunst, die ohnedies von 99% approbierten Patienten ohne Zuhilfenahme von Ärzten ausgeübt werden könnte – hier wären enorme Einsparpotenziale für die Politik, aber das will ja wieder keiner verantworten – hat die schönsten Gimmicks erfunden, ohne die kein austrainierter Hypochonder mehr mit seiner beschissenen Existenz zu Rande käme. Wer einmal von psychosomatischen Erkrankungen gehört hat, wird sie lieben. So flexibel und vielseitig, sinnfrei und gleichzeitig für jeden Scheiß zu haben! Was hat allein die Psychiatrie von den Persönlichkeitstypen und ihren schematisch zuzuordnenden Malaisen profitiert: Patient D. hat ein diffuses Angstsymptom und wird nach bekanntem Strickmuster unter kalten Füßen und Kopfweh, Nachtschweiß und Schwindel leiden, und ist er ohne Grund unangemessen traurig oder fröhlich oder beides im Wechsel, so ist er brav und die Diagnose stimmt. Krankheit als Weg, jeder Hautausschlag ist ein Problem mit der Außenwelt, Kurzsichtige haben meist nur Schwierigkeiten mit der Selbstwahrnehmung, und Mütter, die in der Schwangerschaft unaufhörlich die Außenwelt mit ihrem Mageninneren bepflastern, nehmen eine Ausstoßungsreaktion des eigentlich ungeliebten Fötus vorweg, auch wenn es sich um ein Wunschkind handeln sollte. Es ist korrekt, was sich erklären lässt, und ist es nicht willig, Gewalt ist billig. So auch jene bis ins Feine getriebene vulgäre Symptomatik angeblich indexikaler Formen, die dem Beschränkten als Akupunktur, Homöopathie oder Gesundbeten kostenpflichtig verabreicht wird, weil er es nicht besser weiß und nicht besser wissen will, mundus vult decipi.

Dass Dummheit nicht vor Anwendung schützt, beweisen die zahlreichen marktgängigen Fälle, die dem Hasenhirn alltäglich vorgesetzt werden. Die Wirtschaftswissenschaft, jene Steigerung des Voodoo ins Absurde, wartet mit einer Menge auffällig dämlicher Denkfehler auf, die sich schon bei flüchtigem Betasten als zurechtgebogener Blechschaden herausstellen: dass eine Lohnerhöhung prompt negative Effekte auf den ganzen Wirtschaftszweig habe, der im Domino-Verfahren gleich die komplette Volkswirtschaft in den Orkus risse, wurde bisher noch nicht überprüft, es lässt sich rechnerisch nicht verifizieren, also muss es wahr sein. Keine konservative Tageszeitung würde es je anzweifeln. Und wo würde es besser passen als ausgerechnet in der letzten Bastion der Verblendung – die Randbereiche der Gesellschaft, für die der Angeklagte im Strafprozess steht wie auch der Arbeitslose in seinem Alltag, sie sind letzte Opfer der vulgären Neurose um die Erklärbarkeit; denn brät sich der Normalverbraucher ein Stück totes Tier und trinkt eine Tasse Bier dazu, so ist er ein braver Bürger – tut es ein ohnehin Ausgestoßener, dann nur, um das egozentrische Urteil noch zu bestätigen: er darf es nicht. Und das zu wissen ist, wie auch nicht: Macht.


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2 responses

21 08 2010
Morla

Da bei „Requiem aeternam“ die Kommentare deaktiviert sind, packe ich meinen eben unter diesen Text . . .
Und – mir scheint, es passt sogar ganz wunderbar dazu, denn ihre Zeilen:
„. . . Dein Dasein war aus Zuversicht geboren,
war kurz wie eines Kindes sanfter Schatten
und bleibt, als reine Liebe, unverloren.“

Genau, das ist es! Es ist „Das“, was wir erkennen müssen! Und wieder haben Sie es, ne der Gernulf natürlich, so treffend benannt: “ . . . Und wo würde es besser passen als ausgerechnet in der letzten Bastion der Verblendung – die Randbereiche der Gesellschaft, für die der Angeklagte im Strafprozess steht wie auch der Arbeitslose in seinem Alltag, sie sind letzte Opfer der vulgären Neurose um die Erklärbarkeit; denn brät sich der Normalverbraucher ein Stück totes Tier und trinkt eine Tasse Bier dazu, so ist er ein braver Bürger – tut es ein ohnehin Ausgestoßener, dann nur, um das egozentrische Urteil noch zu bestätigen: er darf es nicht. Und das zu wissen ist, wie auch nicht: Macht.“

Bedanke mich herzlich für diese „bekömmliche“ geistige Nahrung!

22 08 2010
bee

Wir Menschen sind, letztlich, klein.

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