Fliegen

23 08 2010

„Und dann einmal Atomausstiegsausstieg, kommt noch was dazu? Kartöffelchen?“ „Was ist denn in Sie gefahren? Das kenne ich ja gar nicht!“ „So ähnlich wird das wohl geklungen haben, nicht wahr?“ „Das mit dem offenen Brief? Was haben die sich dabei bloß gedacht? Ich meine, das macht man doch nicht. So öffentlich.“ „Wäre es Ihnen lieber, wenn die Atommafia der Kanzlerin ein paar Herren im schwarzen Anzug vorbeischickte?“

„Fest steht jedenfalls, dass hier eine ganze Menge an Wirtschaftselite versammelt ist.“ „Sie meinen, die Lobbyisten fordern öffentlich die Regierung auf, über die Klinge zu springen.“ „Es sind immerhin die, die die deutsche Wirtschaft lenken.“ „Wie Oliver Bierhoff, meinen Sie?“ „Sie müssen wissen, dass sein Vater Vorstandsmitglied bei RWE war.“ „Na, das erklärt ja schon mal seine Kompetenz für Energiekosten und Volkswirtschaft. Sonst noch jemand, den Sie empfehlen können?“ „Auf der Karte wäre da noch Otto Schily.“ „Der ja mit Wirtschaft auch nicht viel am Hut hat, mit der Regierung erst recht nicht.“ „Rüdiger Grube.“ „Der demonstriert in Stuttgart gerade, wie man in die Zukunft investiert: einfach ein Loch in die Erde, die Kohle verbuddeln und formschöne Gucklöcher auf die Sache setzen, damit man immer nachgucken kann, wo das Geld abgeblieben ist.“ „Josef Ackermann.“ „Wie geschaffen, wenn man ein Role model für korrupte Arschlöcher sucht, darf er natürlich nicht fehlen. Hat ja seinerzeit Steinbrück auch schon sehr eifrig in die Feder diktiert, was die Finanzindustrie gerne an Weihnachten auf dem Gabentisch vorzufinden gedachte.“ „Und Hartmut Ostrowski.“ „Bertelsmann – das ist ja sozusagen schon das vorgelagerte Kanzleramt, da sind wieder alle in der Familie.“

„Ich verstehe ja nicht, warum man sich dabei gleich so aufregt. Es ist ja schließlich nur ein Brief. Und sie werben doch auch nur für ihre Position.“ „Mit etwas gesundem Menschenverstand wissen Sie, dass Werbebriefe von Gaunern geschrieben werden und auf den Müll gehören.“ „Aber ich frage Sie: das sind doch auch Wähler? haben nicht auch die Industriellen Rechte, wie sie jeder andere Bundesbürger auch formulieren könnte?“ „Wie jeder andere Bundesbürger auch, der beschließt, seine Einkommensteuer nicht zu zahlen, weil er sonst nicht genug Geld fürs Auto hat?“ „Der Staat soll doch aber vernünftige Rahmenbedingungen schaffen für eine stabile Wirtschaft, oder nicht?“ „Wir könnten es ja umgekehrt machen und diese ganze Bande verstaatlichen. Bahlsen, Metro, Bilfinger-Berger, BASF, ThyssenKrupp, Grillo, Deutsche Bahn, Hochtief, MaschmeyerRürup, HeidelbergCement, Salzgitter und dazu die ganzen Energiefritzen. Wer ständig nach dem Staat jammert, weil er im postindustriellen Zeitalter die Weiterentwicklung der Pferdekutschen verhindern will, der soll sich nicht wundern, wenn der ihm sein unfinanzierbares Wirtschaftsmodell irgendwann um die Ohren haut.“ „Fassen Sie das doch mal als Unterstützung für das Sparpaket auf. Schließlich ist Kernkraft eine der preiswertesten Energieformen.“ „Für die Erzeuger. Sie als Verbraucher zahlen wohl immer noch den Preis der Strombörse. Und da ist es egal, wo Ihre Elektrizität herkommt.“

„Was kritisieren Sie denn immer die Konzerne, die sorgen doch immerhin noch für Arbeitsplätze.“ „Das glauben Sie noch? Es sind Schmeißfliegen.“ „Fliegen?“ „Das Ungeziefer macht sich auf dem Dreck breit, den die Atomkonzerne mit ihrem lächerlichen Erpressungsversuch hinterlassen haben.“ „Weil sie im Interesse ihrer eigenen Profite handeln?“ „Weil sie das erstens als Streben nach Allgemeinwohl verkaufen und zweitens damit eine gesetzliche Regelung kippen wollen, die ihnen nicht in den Kram passt.“ „Das hört sich fast an, als hielten Sie diese Bundesregierung für erpressbar?“ „Würden sie es sonst versuchen? Es ist dasselbe Spiel wie mit der Bankenkrise: an einigen Stellen wird gepfuscht, der Schaden reißt Löcher, ehe man sich versieht, ist die Bescherung passiert – und während Sie und ich die Risiken tragen dürfen, streichen sich die Gewinne einige wenige Konzerne ein, die sich als Leistungsträger aufspielen. Es geht um kurzfristige Gewinne in den nächsten zehn Jahren. Mehr ist das nicht.“

„Ich frage mich nur, warum Merkel dieses Misstrauensvotum nicht stört.“ „Sollte es das?“ „Wenn sie sich damit abfindet, dass man sie an der Nase durch den Ring führt?“ „Ach was. Sie lässt sich erpressen, weil sie ja weiß, was sie dafür bekommt. Sie war informiert und hat den Kopf hingehalten. Dafür hat sie jetzt ein Problem weniger, dass sie ihren Arbeitslosen-Druckmacher nicht herunterfahren muss für die 300.000 Jobs, die außerplanmäßig für alternative Energieformen entstanden wären, und sie ist ihren Röttgen los. Quertreiber braucht sie schließlich nicht.“ „Wenn die Atomlobby jetzt doch aber mit der Kanzlerin zusammenarbeiten will, dann frage ich mich: tun sie es nicht doch für die Allgemeinheit?“ „Aha, deshalb auch die zahlreichen Appelle für eine Endlagerung in sicheren Salzstöcken, richtig?“

„Ach, wo wir gerade von den Schmeißfliegen reden – mir haben da einige gefehlt.“ „Nämlich?“ „Metzger. Und Henkel. Und Raffelhüschen. Und natürlich Sinn. Sind die noch weniger kompetent als Oliver Bierhoff?“ „Das auch. Aber merken Sie sich das, die Maden kommen immer erst später. Wenn die Fliegen satt sind.“


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