Haft-Pflicht

24 08 2010

Eine gute Viertelstunde musste ich warten. Zwei Dutzend Mal hatte ich in der Zeit am Eingang den Klingelknopf gedrückt, nichts war geschehen – doch jetzt, ganz plötzlich, drehte sich der Schlüssel im Schloss. Knirschend wurde die Eisentür einen Spalt weit geöffnet. Ich stutzte: Direktor Hüppel höchstselbst steckte seinen Kopf hindurch. „Ach, Sie sind es schon.“ Knarzend schob der die schwere Tür vollends auf und ließ mich ein. „Kommen Sie nur, hier sind wir unter uns. Ist ja noch nichts los.“ Und so betrat ich das Gefängnis.

„Schauen Sie sich in Ruhe um“, ermunterte er mich. „Hier haben wir die Zellenkorridore A bis E, da hinten ist der Gruppenraum, und hier sind die Diensträume für das Wachpersonal.“ Der Bau wirkte großzügig und modern, gut überschaubar und vor allem recht farbenfroh. „Ja, nicht wahr?“ Hüppel strahlte mich an. „Die postmoderne Art des Strafvollzugs, das sieht man doch auf den ersten Blick. Nicht mehr diese tristen Mauern, bei denen man sofort ans Auskneifen denkt, nein, wir haben uns das durchaus überlegt. Unser Knast soll auch eine durchaus angenehme Komponente in sich haben.“ Ich fragte ihn, ob es außer den rot-gelb getupften Wänden und den Deckenornamenten noch andere ästhetische Besonderheiten zu sehen gebe, doch er verneinte. „Das muss reichen“, beschied Hüppel, „denken Sie immer daran, dass hier Straftäter einsitzen. So schön soll’s ja nun auch wieder nicht sein.“

Er schloss eine der Zellen auf. Ein karg, aber sauber möbliertes Zimmerchen lag hinter der massiven Tür. Die Pritsche war an die Wand geklappt, der am Boden verschraubte Stuhl und ein kleines Tischchen vervollständigten die Ausstattung des Wohnklos. „Außerordentlich geschmackvoll“, murmelte ich. Hüppel stimmte mir sofort zu. „Das ist ja auch das Beste.“ Offensichtlich glaubte er an das, was er da sagte. „Man muss den Insassen auch ein bisschen entgegenkommen. Das Linoleum ist deshalb sandfarben. Und die Leuchtröhren sind in Warmweiß. Aber das dann schon eher für das Personal – an die Wärter denkt ja heutzutage keiner mehr. Skandal, wenn Sie mich fragen.“ Immerhin fiel es mir auf, dass seine Haftanstalt noch komplett leer war. Für einen privaten Gefängnisbetreiber, der Recht und Ordnung gegen Lizenz an das Land verkaufte, musste doch jeder Tag ohne Verbrecher hinter seinen schwedischen Gardinen ein Verlust sein? „Keineswegs“, lächelte Hüppel, „wir könnten es noch zehn Jahre leerstehen lassen, erst dann rechnet es sich nicht mehr – aber dann wird es das Land kaufen müssen.“ „Und bis dahin“, bohrte ich nach, „verdienen Sie an den Knastbrüdern?“ „So ist es!“ Er frohlockte geradezu. „Und der Staat hat uns gezeigt, wie es funktioniert. Wir haben hier Hartz IV eingeführt. Großartig!“

Hüppel schlenderte den Korridor entlang. Hier zog er eine Tür auf, dort beugte er sich über das Geländer zum Innenhof. „Sie müssen das auch als ein Finanzproblem betrachten“, erklärte er. „Sehen Sie, man sagt es doch immer gerne, vor allem an rechtskonservativen Stammtischen: wir brauchen schärfere Strafen, sofort ins Kittchen, alles für Jahre wegsperren. Haben Sie eine Ahnung, was das kostet?“ Ich hatte natürlich keine. „Wir bekommen für einen Häftling im Jahr 30.000 Euro. 30.000! Das sind 2.500 Euro im Monat – damit sind Sie ja schon fast Oberschicht.“ „Aber davon müssen Sie natürlich auch einige Dinge leisten“, warf ich ein. „Sie haben die Strafgefangenen zu bewachen, zu kleiden und zu verpflegen, medizinische Betreuung und Arbeitsangebot…“ „Ach was!“ Er lachte. „Jetzt überlegen Sie doch mal: 30.000 Euro im Jahr, das ist doch der reine Luxus. Und das wird wohl auch so bleiben. Nur Milchbauern und Grubenarbeiter sind noch teurer, aber die FDP hat fest versprochen, die Subventionen zu streichen, also wird sich daran so schnell nichts ändern.“ „Und Sie stellen jetzt Ihr Strafvollzugssystem auf Hartz IV um? Wozu das?“ Er lehnte sich gegen das Geländer. „Zur Vereinfachung. Die Justiz ist nicht dazu da, die Probleme der Gesellschaft zu lösen. Die sozialen nicht, die finanziellen erst recht nicht. Deshalb arbeiten wir ganz einfach Kosten sparend.“

Im Untergeschoss waren bereits Schreibstuben eingebaut, in denen eine Arbeitsagentur simuliert werden sollte. Am anderen Ende des Ganges wartete der Rohbau eines Supermarktes auf. „So, wie man das auch von draußen kennt. Das erprobte System, nur eben ein hinter Gittern.“ Ich schluckte. „Mit welcher Rechtfertigung behandeln Sie die Gefangenen so?“ „Weil ich es kann“, antwortete Hüppel schneidend. „Ein autoritäres, vollkommen willkürliches System, ein rigide geregelter Ablauf aus unsinnigen Vorschriften, ein Kreislauf, den man nicht verlassen kann, wenigstens nicht ohne Sanktionen – der Angleichungsgrundsatz des Strafvollzugsgesetzes gebietet, dass es im Knast so sein soll wie im richtigen Leben. Das passiert hier. Wir lassen die Knackis um ein paar Kröten betteln und machen ihnen klar, dass sie nichts wert sind. Wir stigmatisieren sie. Sie haben keine Privatsphäre und keine Selbstständigkeit mehr. Keinen Besitz und keine genaue Vorstellung von einer Realität – von einer autonomen schon gar nicht. Wir brechen ihr Selbstbewusstsein und zerstören ihre Identität.“

Selbstzufrieden sah Hüppel mich an, feist und beinahe behaglich. „Und das Beste“, fügte er an, „wir können damit jedem erzählen, dass wir hart durchgreifen. Die Stammtische sind zufrieden, weil wir strenge Zucht ausüben. Die Politik freut sich über die Stammtische. Und darauf kommt es schließlich an.“