Fahrt zur Hölle

25 08 2010

„Na sicher, da können Sie völlig beruhigt sein. Was wir versprechen, das halten wir auch. Auf alle Fälle. Oder haben Sie schon mal gehört, dass bei uns irgendetwas normal lief? Völlig glatt? Störungsfrei, ohne Katastrophen und Kinkerlitzchen und die ganzen Aussetzer und Verspätungen? Na? Sehen Sie, das haben Sie nur bei der Deutschen Bahn AG.. Wir sind einzigartig – da kommt keine Airline ran!

Wissen Sie ja, was wir Ihnen versprechen. Urlaub vom ersten Augenblick an: Einsteigen und ab geht’s. Ja, hatten wir auch in Betracht gezogen, Themenbahn, Schaffner in Dirndl und Lederhosen, Alpenexpress, ein gutes und zukunftsweisendes Konzept. Aber das war uns dann doch irgendwann zu platt, verstehen Sie, da müssen Sie überlegen, was unterscheidet so eine Bahnfahrt denn wirklich von einem richtigen Urlaub? Was bietet der Zug, was kann man in einem ICE machen, was so im Auto und meinetwegen im Reisebus nicht geht? Ja, das sind die Aufgaben des modernen Marketing – das ist Event-Management, verstehen Sie? Da kann man unglaublich tolle Sachen machen. Loveparade? Wie kommen Sie jetzt darauf?

Also gewissermaßen als integratives Konzept, nicht wahr. Da wird die Fahrt mit der Deutschen Bahn selbst zu einem Event und eine ganz neue und eigene, warten Sie: das nennen wir jetzt unique, also unique äääh… Erlebniswelt. Oder irgendwie so. Wie das der Stoiber schon gesagt hatte. Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten, ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen. Blöder wird’s Ihnen unsere PR-Abteilung auch nicht erklären können. Höchstens noch mit Stuttgart.

Das ist sozusagen das Einsteiger-Angebot – logisch, wenn die Türen nicht mehr aufgehen, dann ist ja auch nichts mit Aussteigen, oder? Haha! Haha, haha! Hahajaja, das meinten die dann auch, aber wir sind versichert, und die Leute wollen das so. Woher wir das wissen? Sagt der Vorstand. Dass die Leute das wollen. Und wir sollen eben dafür sorgen, dass die Leute das wissen. Also dass sie es wollen. Die Leute, klar? Dann geht das auf Gleis 3 oder Gleis 4, je nachdem, und dann nehmen wir die Züge ohne Klimaanlage, und dann haben Sie jeweils die freie Auswahl: Sauna-Party, Entführung mit echten Terroristen-Darstellern oder Untergang der Titanic. Für Titanic überbuchen wir einfach ein paar Mal und stellen den Zug schräg, kein Problem.

Am tollsten sind natürlich die Reality-Szenarien im ICE, wir haben da jetzt neulich ein total tolles Ding gemacht, haben Sie das gelesen? Fahrt zur Hölle, genau! Das ist aber derbe die Action – ja, das klingt mir auch ein bisschen zu reißerisch, aber ich kann damit leben. Sie steigen in Berlin zu. Vorher gibt es optional schon mal eine Cruising Unit, also Sie müssen versuchen, mit der S-Bahn irgendwie zum Hauptbahnhof zu kommen. Das schaffen Sie natürlich nie in der vorgegebenen Zeit, aber wissen Sie was? das ist auch völlig egal, der Zug fährt ja sowieso nie pünktlich ab. Aber wie gesagt, der ICE. Abfahrt Richtung Stuttgart, Klimaanlage ist defekt, und dann haben wir diverse Szenarien. Im vorderen Zugteil sind auch keine Getränke mehr vorhanden, nur noch hinten: körperwarmer Orangennektar. Dafür sind da, wo es Saft gibt, die Toiletten nicht mehr in Betrieb. Nein, selbstverständlich haben wir das alles komplett abgeschirmt. WLAN, Mobilfunk, das ist draußen. Nur draußen.

Vor Stuttgart gehen wir dann in Tunnelfahrt, und da haben wir die nötigen technischen Probleme. Die Belüftung ist auch abschaltbar, dazu ja auch Klima und Wasser, ganz wichtig: kein Wasser mehr an Bord, vor allem kein Trinkwasser, und die Sauerstoffmasken reichen natürlich nicht oder, was dann noch besser ist, sie sind nur Attrappen oder die Schläuche kann man nicht richtig an den Masken befestigen, das ist auch immer sehr schön, wenn man so eine gut durchgearbeitete Panik haben will, die entwickelt sich schnell und geht richtig gut durch den Zug, sehr schöne Effekte. Und wenn wir dann im Tunnel sind, haben wir Motorschaden. Das ist ja leicht zu bewerkstelligen, ich meine, denken Sie nur mal an die fehlende Kühlung, da passieren solche Sachen ja tatsächlich mal ganz schnell. Licht ist dann Essig, Türen verriegelt, Fenster luftdicht. Und dann der Zugfunk kaputt, mein lieber Scholli! Na, das wollen doch die Leute – Action, die ganze Palette, vielleicht noch etwas Rauch, da kann man ja ausnahmsweise auch mal mit Theaterutensilien nachhelfen, wissen Sie, jedes Mal den Zug in Brand zu stecken, das ist ja auch schon planungstechnisch nicht so einfach. Klar, bei der Deutschen Bahn wäre das schon wieder eine Vollzeitstelle, dass da einer die Liste führt, auf der draufsteht, welcher Zug gerade abgefackelt wird. Viel zu teuer. Das kann man doch besser eine Hilfskraft in der Arbeitspause mit erledigen lassen, oder?

Wissen Sie, was der absolute Oberhammer wird? Stuttgart. Wenn wir da erst die komplette Untertunnelung haben, alles unterirdisch – und dann so eine richtige Katastrophensause! Ich sage Ihnen, da mit Karacho rein in den Tunnel und volle Möhre Notbremsung, das fetzt aber so richtig! Am Wochenende, alles ausverkauft, ein Riesenchaos, und dann zwei oder drei Herzinfarkte im Zug, also Riesensache. Echt. Das wird wirklich einmalig in Deutschland. Und in Europa. Das macht Ihnen nur die Deutsche Bahn AG, da sind wir absolut unique. Und seien Sie mal ehrlich: für so ein supertolles Freizeitprogramm, da sind doch elf Milliarden auch echt nicht zu viel verlangt, oder?“


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6 responses

25 08 2010
Doktor Peh

Elf Milliarden? Pro Ticket? Pro Bahn!

Achja, ich vergass, die Energieversorger schalten ja dann die Kernkraftwerke ab. Wahrscheinlich warten sie nur darauf, bis die Bahn die letzte Diesellok stillgelegt hat. Aber das sind ja nur Zuliefererprobleme dann.

25 08 2010
bee

Dafür beteiligen sich die besten Kräfte an der Umsetzung. Das Milliardenloch beispielsweise baut Bilfinger Berger.

25 08 2010
Doktor Peh

Sie meinen, nachdem man aus der Agenda 2010 die Nullen rausnahm, blieb Stuttgart 21als wirklich unterirdisches Ergebnis uebrig?

25 08 2010
bee

Das will ich meinen. Die Agenda 2010 war ja bereits so ausgelegt, bei gleichzeitiger Mobilitätshemmung alle relevanten Arbeitsprozesse ganz nach unten zu verlegen, die Kosten unabsehbar zu steigern und später, wenn schon keiner mehr an die eigentlichen Absichten denkt, das Einbrechen der Oberfläche zu bewerkstelligen. Ein buntes Event für die ganze Familie!

25 08 2010
Doktor Peh

Ein statisches Experiment wie der neue Berliner Hauptbahnhof also. Irgendwie aber doch bahnbrechend, oder? Vomitus railiensis.

25 08 2010
bee

Immerhin hat so eine unterirdisch unendliche Geschichte den Vorteil, dass bei Störungen (beispielsweise diese lästigen Züge, die in Bahnhöfen gehäuft auftreten, wenn man sie nicht durch Fahrpreiserhöhungen ausgerottet bekommt) wie Fahrtwind, Wetter oder schwankenden Börsenkursen nicht Karlsson vom Dach fliegt.

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