Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXII): Immobilienmarkt

27 08 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Schwarzgraue Wolken ziehen sich langsam über der Steppe zusammen, der Wind geht schwer. Gleich wird irgendein numinoses Wesen gewaltige Wetter über die bebende Landschaft schwappen lassen, glücklich, wer da eine Erdhöhle mit Dach sein eigen nennt – wieder einmal zeigt sich, dass der Hominide in der Evolution gnadenlos zu kurz gekommen ist, denn Muscheln, Schnecken, selbst der Schildkröte wäre das nicht passiert. Wer jetzt kein Haus baut, hat sobald keines. Inzwischen ist die Flora gerodet und betoniert, die Fauna teils im Tierpark, teils im TK-Sortiment zu finden, und nur der Affennachfolger guckt sich hier und da noch nach Behausungen um. Haut er sich die Butze selbst ins Gelände, hat er Bauamt und Maurer zu fürchten, kauft oder mietet er jedoch irgendwelche bereits errichteten Wohnmaschinen, so dräut ihm das Grauen in seiner vollen Auswirkung. Der Immobilienmarkt zieht fintenreich in seine Fänge, wer nicht schnell genug fliehen kann.

Es beginnt mit dem Aufschlagen einer normalen Tageszeitung, vorzugsweise am unschuldigen Sonn- oder Feiertag. Der Suchende findet mitnichten eine Bleibe, in die er Klappsofa, Sperrholzstellagen und allerlei Kleinkruscht einbringen kann, er sieht sich jäh konfrontiert mit einem Ausbruch von Copypaste über alle dreizehn Spalten des Totholztableaus: was immer an Schrägwand, halbe Treppe oder einmal über den Hof im Hinterhaus angeboten wird, ist immer, ist unerlässlich süß, klein aber fein, putzig oder übersichtlich. Letzteres macht noch halbwegs klar, was den Bekloppten erwartet; steht er erst einmal im Flur auf durchgewippten Dielen, kann er mit einer leichten Neigung des Kopfes bereits die komplette Ausdehnung der Bruchbude erfassen, der möblierte Balkon liegt nur zwei Strich backbord von der Küche-Klo-Kombination. Verschnittene Wände im 85-Grad-Winkel mit Biedermeierflokati, mäßig erhalten, geben dem Ensemble erst den so recht hervorplatzenden Charme, der das Epitheton jugendlich zu rechtfertigen suchte – wer auch nur einigermaßen erwachsen und Herr seiner Sinne ist, würde ohne schweres Räumgerät und einen Leichenspürhund auch keinen Schritt in das versiffte Kabuff setzen. Wenn man die mit erhöhtem Aggressionspotenzial zu öffnenden Fenster nur als stilecht erhaltene Gründerjahre anpreisen kann.

Aber man soll, die Sonnenuhr zeigt’s so hübsch, immer auch die guten Dinge sehen. Dass es bis zur nächsten Straßenbahnstation nur dreißig Minuten Fußweg sind, das lässt sich nur als verkehrsgünstig, als zentral und in metropoler Lage beschreiben. Ist die Klitsche zugleich vorne neben dem Kirchturm und hinten am Bahndamm, der nur alle vier bis sechs Minuten für maximal 125 Sekunden von abbremsenden Schnellzügen befahren wird, so ist gleichzeitg noch eine ruhige Randlage drin; Randlage, wohlbemerkt, anders geht’s ja gar nicht, und das bringt den Mietzins gleich um ein gutes Drittel nach oben – ein gutes Drittel pro Quartal. Hatte jemand behauptet, Wohnen im Epizentrum des Bescheuerten sei luxuriös oder gar nötig?

Vervollständigt wird der immobile Grusel durch stumme Mitbewohner, Friedhöfe der verwesenden Materie, die sich in Gestalt abgelaufener Perser, sarkophagartiger Schrankwände oder im Rausch diverser Drogen geschmiedete Wandgarderoben dem Nachmieter entblößen; wer jetzt nicht schnell aus dem Zimmer springt oder die Unterzeichnung des Mietvertrages eh schon hinter sich gebracht hat, büßt mit bitteren Abstandszahlungen. Für den Horizontalfeudel, der bei näherem Hinsehen made in Smørebrødhausen ist und so viel kosten soll, wie nur ein echter Kurienkardinal in einer schmutzigen Nacht im Bordell ließe, begräbt der Wohnwillige die Träume von Anstand und Zivilisation, die er sich mühsam beim Auszug aus Elternheim oder Waisenaufzuchtanstalt ins Hirn geschwiemelt hatte: mundus vult decipi.

Wenn man ihn denn überhaupt lässt. Schließlich haben die Immobilienbesitzer und Hausverwalter nichts Besseres zu tun, sich mit Verbaldurchfall vom Feinsten alle nur möglichen Vertragspartner wirksam vom Hals zu halten. Gefragt ist der ruhige Mieter, der nicht raucht, nicht zu Haustieren oder dem Lehrerberuf neigt, Beamter ist, weil die ja ein geregeltes, nie versiegendes Einkommen haben, aber bloß kein Beamter sein soll, weil die meist die Staubkörner aus dem Mietrecht pflücken und dem Vermieter das Leben zur permanenten Höllenfahrt machen. Am beliebtesten sind immer noch die bis dato nicht gesichteten, aber irgendwo in den wirren Träumen von Hausmeistern existierenden Singles mit Niveau, weder arbeits- noch vermögenslos, die aber dennoch in vollständig verwarzte Verschläge mit keifenden Nachbarn, röhrenden Abzugshauben und gurgelndem Abfluss zwei Etagen höher einziehen, weil ihnen die flackernde Neonreklame des Nagelstudios die Schlafzimmerbeleuchtung ersetzen wird. Es sind, auch wenn man sich die Leistungsfähigkeit von Betäubungsmitteln nicht so drastisch vorzustellen vermag, die oft genannten Wohnträume. Es gibt sie, aber kaum im Schlaf des Gerechten. Und sicher nicht zur Miete.


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2 responses

28 08 2010
Doktor Peh

Oh ja, der „Charme der 50er Jahre“, der angeboten wird, laesst schon erahnen, dass da nicht mit aktuellen, wasserfuehrenden Installationen gerechnet werden darf und sich gewiss notwendige stille Oertchen erschuetterungs- und wetterresistent in holzartiger Ausfuehrung als regendichter Abschluss auf der ansonsten nach oben offenen Richterskala Sickergrube in Laufentfernung ueber den Hof im hinteren Teil des kleinen Grundstueckes befinden. Ach ja, Groesse. Da werden pittoreske, ueberschaubare Haeuser angeboten, bei denen man im Falle einer Aussenrenovierung beide Giebelseiten gleichzeitig streichen kann, waehrend man, vor der Haustuere stehend, gleichzeitig die Sauberkeit der dachrinne kontrolliert. Im Knieen, vergass ich das zu erwaehnen? Angeboten werden solche Preziosen dann zu Preisen, bei der ein normaldenkender Mensch sich bereits ueberlegt, ob das Uebernachten auf der Rueckbank eines eigenen, vollausgestatteten Maybach nicht platzreicher und guenstiger daherkaeme.

28 08 2010
bee

Es geht ja immer noch besser: gerne genommen wird die Kombi Staffelmiete plus kostenpflichtige Renovierung (Heizung, Parkett, Fenster), dazu optional der Winterdienst, verbunden mit der Abtretung versicherungstechnischer Pflichten an den Mieter. Wer dann noch unterschreibt, dem kann man eigentlich auch schon eine Antennengebühr plus Kabelanschluss in Rechnung stellen.

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