Pro Contra

31 08 2010

„Ach was, das wird es nicht geben. Das ist doch noch nie gut gegangen.“ „Bitte? pro NRW? DVU? Republikaner? NPD? Alles nicht gut gegangen?“ „Na, aber wer hat sich denn da wirklich etabliert? Das ist doch alles Schill und Rauch.“ „Wo Sie gerade Schill sagen – er war innerhalb kürzester Zeit an der Regierung.“ „Dafür war er aber auch schnell wieder weg vom Fenster. Da haben es die richtigen Nazis schon länger ausgehalten.“

„Wie dem auch sei, es gibt das Potenzial. Die CDU hat es ja selbst so gewollt.“ „Die CDU? Sie können wohl Angela Merkel nicht für eine Herde rechter Spinner verantwortlich machen.“ „Ach was? Mal ist sie sozial, mal ist sie liberal und mal ist sie sogar christlich – aber Hauptsache, es ist kein Profil mehr zu erkennen!“ „Das ist ein Problem der Kanzlerin.“ „Könnten Sie mir noch kurz den Unterschied zwischen CDU und Merkel erklären? Falls die Merkel da noch etwas zu erklären gelassen hat?“ „Sie übertreiben, schließlich gibt es immer noch eine Menge populärer Politiker in der CDU.“ „Von denen wer die Leitlinie mitbestimmt?“

„Wen sehen Sie hier in der zweiten Reihe? Sarrazin?“ „Durchaus. Ein Verfemter, der sich zum Märtyrer hochstilisiert, zieht die dumme Masse an. Die NPD macht es nicht anders, sie fühlen sich auch immer unverstanden und leiden dekorativ, wenn mal wieder einer von ihnen wegen Volksverhetzung in den Bau wandert.“ „Wolfgang Clement?“ „Beispielsweise. Er ist ja seinem großen Vorbild Goebbels bis in die Elektrizitätswerke nachgekrochen.“ „Friedrich Merz?“ „Allerdings, verfemter kann man ja gar nicht sein.“ „Roland Koch?“ „Jede Partei braucht einen Clown. Wenn man diesen Schweinerüssel nach vorne schöbe, die Leute wären beruhigt, weil sie wüssten: er lügt sowieso.“ „Das reicht für zwanzig Prozent?“ „Das könnte durchaus der Fall sein.“

„Wie wollen die das Ding nennen? Auch wieder so ein Pro-Nomen?“ „Es würde passen. Es kürzt das Richtige ab.“ „Das wäre?“ „Partei rechter Opportunisten.“ „Und die stehen dann für was?“ „Unwichtig. Die stehen gegen etwas. Gegen Ausländer, gegen Freiheit, gegen die Verfassung. Gegen Demokratie. Pro Contra.“ „Das würde doch nicht lange funktionieren.“ „Wann haben Sie sich zum letzten Mal die Wahlergebnisse in den neuen Bundesländern angesehen? Die Stimmen für die Neonazis?“ „Das können Sie doch aber nicht vergleichen!“ „Nein, da haben Sie Recht. Die NPD fordert nicht die biologische Ausrottung deutscher Staatsbürger, wie es die kommenden Rechten tun werden.“ „Wie? Deutsche? Aber die sind doch…“ „… genauso arbeitslos wie alle anderen, richtig. Man braucht sie. Bis zu einem gewissen Punkt. So, wie man die Migranten braucht, denn sie sind nützlich für den politischen Aufstieg.“ „Aber sie wollen die Ausländer doch rauswerfen.“ „Wollen sie? Sie scherzen. Ohne Migranten stünden sie nackt da.“ „Warum?“ „Weil sie einen Sündenbock brauchen. Weil sie etwas brauchen, worauf sie einschlagen können. Etwas, was sich nicht wehrt. Was sich klar definieren lässt.“ „Deshalb nehmen sie Migranten?“ „Sie haben ein klares Ziel: die Ausländer aus dem muslimischen Kulturkreis. Auch wenn jeder weiß, dass das nicht der spezifischen Kultur der Länder entspricht.“

„Wenn Sie sagen, dass die Rechten diese Sündenböcke brauchen, was machen sie denn, wenn alle Migranten integriert sind? oder wenn sie einfach alle abgeschoben wurden? Warum sollte man denn dann die noch wählen?“ „Sie haben schnell begriffen. Warum nimmt man sich Migranten, Terroristen, große Gefahren als das Schreckgespenst, das man bekämpfen will? Warum nicht die Wirtschaftsbosse, die mit ihrer Gier den Arbeitsmarkt zerstören? Warum nicht die Bänker, die das Volk ausbluten lassen und offen Geld für ihre kranken Hasardspiele einfordern? Na?“ „Weil die meisten Politiker sich gerne von Bonzen und Bänkern bestechen lassen?“ „Das auch, aber nur nebenbei. Nein, der Grund ist ein anderer. Sie sind nicht zu fassen.“ „Wie, nicht zu fassen? Nicht greifbar? Nicht angreifbar?“ „Richtig. Sie können Terroristen nicht über den ganzen Erdball jagen. Sie kriegen auch nie alle Migranten aus dem Land raus. Schon gar nicht, wenn das Verfassungsgericht Ihnen nicht Recht gibt, wenn politisches Asyl gewährt werden muss, wenn das EU-Recht davor steht, wenn Sie nicht diplomatische Schwierigkeiten mit anderen Ländern riskieren wollen, kurz: es geht nicht. Sie können so laut, wie Sie wollen, gegen Ausländer hetzen. Sie kriegen die nicht weg. Der Sündenbock bleibt. Und Sie werden immer wieder gewählt. Immer wieder. Immer wieder.“

„Wozu aber sollen hier Deutsche angegangen werden?“ „Denken Sie nach. Denken Sie weiter. Was ist, wenn irgendwann nach zwei, drei lauen Ankündigungen nichts passiert?“ „Sie brauchen einen neuen Sündenbock?“ „Genau. Und wer würde sich besser eignen als die Unterschicht.“ „Das heißt, dass das verdummte Prekariat irgendwann seine eigenen Henker wählt? Das ist ausgeschlossen!“ „So? Und wie war die NSDAP aufgestiegen?“ „Sie können das doch wohl nicht vergleichen.“ „Ein kleiner, pöbelnder Mann mit schiefem Maul und einem hässlichen Schnauzbart, der die faulen Ausländer raushaben will und weiß, dass die Juden andere Gene haben, wann hatten wir das noch mal? Und warum glauben Sie, dass Sie diese Partei unbedingt werden wählen müssen, damit sie an der Macht bleibt?“


Aktionen

Information

5 responses

31 08 2010
Tweets that mention Pro Contra « zynæsthesie -- Topsy.com

[…] This post was mentioned on Twitter by Ingo Fick, herr bee. herr bee said: Pro Contra: http://wp.me/ppSXR-Kk […]

31 08 2010
Dr. Borstel

Sehr guter, richtiger Post, allerdings muss ich in einem widersprechen: Hitler und Sarrazin kann man tatsächlich nicht miteinander vergleichen, denn Hitler war nicht bloß pro contra, Hitler hatte Visionen, wie verrückt, menschenverachtend und größenwahnsinnig diese auch immer sein mochten. Sarrazin hat keine Visionen; der ist doch zu kurzsichtig, um auf mehr zu achten als die Auflagezahl seines Buches. Wäre er tatsächlich fanatisch von dem überzeugt, was er da redet, wie es Hitler war, dann hätte er nicht jahrelang damit gewartet, bis er aus seinem Gebrabbel mal irgendwann Profit schlagen kann.

31 08 2010
bee

Ja, das ist richtig. Beim Schreiben hatte ich überlegt, wen ich wie gewichten wollte – Sarrazin fällt aus der Schiene rechtskonservativen Law-and-Order-Politiker auch ziemlich heraus, Koch beispielsweise mit seiner Stigmatisierung jugendlicher Migranten oder der doppelten Staatsbürgerschaft hätte besser ins Zentrum gepasst. Aber auch der rechte Rand der CDU hat wenig substanzielle Antworten, viele Äußerungen fallen in TV-Talkshows und das auch meistens zu Wahlkampfzeiten. Echte Auseinandersetzung über die medienwirksamen Politikerauftritte sind selten, die Auseinandersetzung mit Migranten statt immer nur über ihre Köpfe hinweg sind noch seltener.

Man kann mit dem Thema aufheizen; Koch wusste das, Beckstein, Schily ebenso. Man verkauft sich gut, wenn man rechtspopulistische Reden schwingt – oftmals wohl wissend, dass ein Großteil der Vorschläge gegen Verfassungs-, Bürger-, Menschenrechte verstößt und nur für Stammtische oberhalb einer gewissen Blutalkoholkonzentration taugt. Das sind keine Visionen, wie sie die Nationalsozialisten hatten, denn sie sind nur die Verpackung für reale Maßnahmen.

Letztlich ging es mir vor allem um eine Gemeinsamkeit aller populistischen Programme, die mit wenig Substanz, denselben Mechanismen – Sündenböcke, Nationalismus usw. – und einer pseudowissenschaftlich untermauerten Ideologie schnell eine große Zahl von Mitläufern mobilisieren können. Jedes Vakuum kann ausgefüllt werden, die Abdeckung der klassischen Volksparteien wird immer durchlässiger, und der rechte Rand wäre für eine neoliberal-rechtspopulistische Gruppierung wie in Dänemark, Österreich oder den Niederlanden offen. Ob es sich tatsächlich so entwickelt, weiß man nicht, aber wenn dem so sein sollte, dann auch klar, dass es bei untauglichen Versuchen bleiben wird, denn weder Wilders und Kjærsgaard noch Haider haben etwas verbessert.

1 09 2010
Dr. Borstel

Wenn sich die Versuche der Rechtspopulisten, Immigranten wieder aus dem Land zu jagen, als tauglich erweisen würden, hätten sie damit auch nichts verbessert. 😉 Aber ich weiß, was du meinst. Wollte es bloß erwähnt haben. Keine der erwähnten Herren ist oder hätte je ein zweiter Hitler sein können, aber das heißt nicht, dass ein zweiter Hitler nicht möglich ist. In Deutschland vielleicht noch am Wenigsten, aber in Phasen großer Unsicherheit (und wir werden in fünfzig Jahren feststellen, dass es uns nie so gut gegangen ist wie um die Jahrtausendwende) werden Reizfiguren immer eine große Anziehungskraft auf Teile der Bevölkerung haben.

1 09 2010
bee

Charismatische Figuren – ja, das glaube ich auch. Sicher auch solche, die rassistisches Gedankengut wachrufen können, wie es gerade in Ungarn geschieht. Aber einen totalitären Staat und einen zweiten Diktator wie Hitler, das kann ich mir in Europa oder in einem Industrieland kaum vorstellen. Meine letzte Hoffnung ist die internationale Gemeinschaft, die so etwas nicht zulassen würde.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.




%d Bloggern gefällt das: