Requiem aeternam

21 08 2010

Was ist das? Wir begreifen unser Leben
und sehen es doch blindlings nur von innen.
Was außen ist, darauf mag sich besinnen,
wer schweigt und innehält, dem Sein ergeben.

Die Stunde, die uns ruft, mag dann beginnen,
wenn Eines ist: sich Mensch und Tier erheben
und Gleiche sind. Dann mag die Schöpfung beben.
Bis dahin mag viel Sand durch Finger rinnen.

Was ist ein Mensch? Die meisten ihrer hatten
kein Selbstgefühl, aus Zufall nur erkoren,
dass sie sich in der Welt mit Macht ausstatten.

Dein Dasein war aus Zuversicht geboren,
war kurz wie eines Kindes sanfter Schatten
und bleibt, als reine Liebe, unverloren.





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXI): Vulgärpsychologie

20 08 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da besteht die Welt schon mal aus den guten, alten Zeichen, die man sich früh einprägt, weil es sonst unangenehm wird: roter Punkt meint heißes Wasser und Flossen weg. Die übrigen Dinge lernt man, peu à peu sortiert sich die Stichprobe in lebensfähiges Material und den großen Rest der Kompetenzattrappen, denen die Welt offensteht für jede Menge Blamage und Unfälle. Probates Mittel für die Interpretation der komplizierten Wirklichkeit ist und bleibt die Vulgärpsychologie, leicht zu handhaben, abwaschbar, selbstklebend.

Zum Beispiel Körpersprache. Wer sich mit verschränkten Armen vor die Mannschaft stellt, geht auf Distanz, wer beide Hände in den Hosentaschen verstaut, ist unsicher, und wer beim Reden die Hände knetet, hat ein Problem mit der Impulskontrolle. Zum Beispiel Physiognomie: Brillenträger mit Stirnglatze werden als professoral angesehen und meistens dementsprechend verehrt. Wer dagegen ein kräftiges Kinn hat, dem sagt man Willensstärke nach – in vielen Fällen genauso richtig wie das Gegenteil, bis auf alle die Weicheier und Jammerlappen mit Hundebacken, die jedoch mangels Willensstärke nicht besonders bekannt wurden. So haben Geschlechterfolgen sich mit illusionären Korrelationen herumgeschlagen und die beknacktesten Verbindungen ins Dasein geschwiemelt, bar jeder Vernunft und ledig jeglichen Sinnes.

Die Vulgärpsychologie arbeitet mit den Mitteln der Vorurteilsfindung. Sie unterstellt systematisch heimliche Kausalität, wo der Zufall nur ein Fahrrad mit einem Sack Reis in eine Raum-Zeit-Konstellation gepfercht hat, und hofft, dass die umherlaufenden Kasper nicht klug genug sind, die Beliebigkeit zu bemerken. Ganze Wissenschaften, Welterklärungsmuster, Fertigdenkgebäude werden auf solchem Treibsand der Logik errichtet, bis tief hinab ins Kellergeschoss der Esoterik, wo kein nennenswertes Nachdenken mehr erforderlich ist, um Zusammenhänge zwischen Kondensstreifen, Erdbeeren und Erdbeben zu erkennen.

Wie weit sich das volkstümliche Nichtwissen auf rezeptfreier Basis in die Kernbereiche unserer kranken Gesellschaft vorgefressen hat, sieht man an der Medizin. Jene Heilkunst, die ohnedies von 99% approbierten Patienten ohne Zuhilfenahme von Ärzten ausgeübt werden könnte – hier wären enorme Einsparpotenziale für die Politik, aber das will ja wieder keiner verantworten – hat die schönsten Gimmicks erfunden, ohne die kein austrainierter Hypochonder mehr mit seiner beschissenen Existenz zu Rande käme. Wer einmal von psychosomatischen Erkrankungen gehört hat, wird sie lieben. So flexibel und vielseitig, sinnfrei und gleichzeitig für jeden Scheiß zu haben! Was hat allein die Psychiatrie von den Persönlichkeitstypen und ihren schematisch zuzuordnenden Malaisen profitiert: Patient D. hat ein diffuses Angstsymptom und wird nach bekanntem Strickmuster unter kalten Füßen und Kopfweh, Nachtschweiß und Schwindel leiden, und ist er ohne Grund unangemessen traurig oder fröhlich oder beides im Wechsel, so ist er brav und die Diagnose stimmt. Krankheit als Weg, jeder Hautausschlag ist ein Problem mit der Außenwelt, Kurzsichtige haben meist nur Schwierigkeiten mit der Selbstwahrnehmung, und Mütter, die in der Schwangerschaft unaufhörlich die Außenwelt mit ihrem Mageninneren bepflastern, nehmen eine Ausstoßungsreaktion des eigentlich ungeliebten Fötus vorweg, auch wenn es sich um ein Wunschkind handeln sollte. Es ist korrekt, was sich erklären lässt, und ist es nicht willig, Gewalt ist billig. So auch jene bis ins Feine getriebene vulgäre Symptomatik angeblich indexikaler Formen, die dem Beschränkten als Akupunktur, Homöopathie oder Gesundbeten kostenpflichtig verabreicht wird, weil er es nicht besser weiß und nicht besser wissen will, mundus vult decipi.

Dass Dummheit nicht vor Anwendung schützt, beweisen die zahlreichen marktgängigen Fälle, die dem Hasenhirn alltäglich vorgesetzt werden. Die Wirtschaftswissenschaft, jene Steigerung des Voodoo ins Absurde, wartet mit einer Menge auffällig dämlicher Denkfehler auf, die sich schon bei flüchtigem Betasten als zurechtgebogener Blechschaden herausstellen: dass eine Lohnerhöhung prompt negative Effekte auf den ganzen Wirtschaftszweig habe, der im Domino-Verfahren gleich die komplette Volkswirtschaft in den Orkus risse, wurde bisher noch nicht überprüft, es lässt sich rechnerisch nicht verifizieren, also muss es wahr sein. Keine konservative Tageszeitung würde es je anzweifeln. Und wo würde es besser passen als ausgerechnet in der letzten Bastion der Verblendung – die Randbereiche der Gesellschaft, für die der Angeklagte im Strafprozess steht wie auch der Arbeitslose in seinem Alltag, sie sind letzte Opfer der vulgären Neurose um die Erklärbarkeit; denn brät sich der Normalverbraucher ein Stück totes Tier und trinkt eine Tasse Bier dazu, so ist er ein braver Bürger – tut es ein ohnehin Ausgestoßener, dann nur, um das egozentrische Urteil noch zu bestätigen: er darf es nicht. Und das zu wissen ist, wie auch nicht: Macht.





Luft anhalten

19 08 2010

Die Bundesrepublik in der Sommerpause, doch die politische Welt in heller Aufruhr – nein, leicht hatte es Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel nicht, als sie überraschend die Wogen glätten musste. Die Atomindustrie hatte die Forderung nach einer Brennelementesteuer zurückgewiesen und angekündigt, im Falle eines Steuerfalles einfach ihre Reaktoren abzuschalten. Sogar von einem Ausfuhrstopp für deutschen Strom war die Rede. Und das bei einer Exportnation im Aufschwung. Weniger die Tatsache, dass die Energiekonzerne so prompt reagierten, war ein Aufhorchen der Öffentlichkeit wert, sondern die kompromisslose Härte ihrer Reaktion. Sie drohten mit etwas, was nicht Streik war, nicht einmal Aussperrung, sondern einfach Leistungsverweigerung. Keiner hätte in der neoliberalen Wunschkoalition geahnt, dass sie sich gegenüber der Regierung wirklich lohnen würde.

Wie zu erwarten setzten die Krankenkassen den Reigen fort. Die erheblichen Ausfälle bei den Sonderzahlungen führten in der Konzernvorständen zur Aktion: solange das Geldeintreiben aussetzen, bis Gesundheitsminister Rösler ein Machtwort zu sprechen gedächte. Mit einer Äußerung wurde nicht vor Ablauf des zweiten Quartals 2011 gerechnet.

Die Marschroute stand damit nun fest. Der Einzelhandel beklagte sinkende Umsätze und beharrte auf Geschäftsschließungen, kürzeren Ladenöffnungszeiten, immer kompliziertere Zahlungsmodalitäten und Personalabbau, wenn nicht umgehend mehr eingekauft würde. Ebenso ließ sich die Deutsche Bahn AG vernehmen. Wollte der Vorstand zuvor noch eine Verbesserung der Klimaanlagen verhindern – die aber würde, so die Verwaltung des Verkehrsunternehmens, sowieso nicht so schnell kommen – so kündigten die Grube-Arbeiter nunmehr an, bis zur abgeschlossenen Verbesserung des Schienennetzes einfach nicht mehr zu bauen. Ausgenommen sein davon sollte jedoch das Großprojekt Stuttgart 21; so weit ging die Betroffenheit nun doch nicht.

Nachdem auch die Pilotenvereinigung Cockpit noch ein kurzes Statement zu einem völlig anderen Thema abgegeben hatte, erhöhte der ADAC die Schlagzahl. Die deutsche Rechtsprechung müsse endlich aufhören, Rasen und Drängeln auf der Autobahn zu kriminalisieren, schließlich sei selbstbewusstes Autofahren ein Zeichen nationaler Zuversicht. Bis die Diskriminierung des Gaspedals endlich beendet sei, riete man allen Deutschen, nur noch mit Mindestgeschwindigkeit zu fahren. Die Mineralölkonzerne schlossen sich umgehend an, indem sie (notfalls auch unabhängig von der Tempobefreiung) die ungehemmte Entwicklung der Preise propagierte. Andernfalls würde man den Preis eben an der Zapfsäule festnageln.

Wie sehr der Irrsinn das Land bereits ergriffen hatte, zeigte sich an den Liberalen. Guido Westerwelle berief eine Pressekonferenz ein, ohne vorher eine Kabinettssitzung geleitet zu haben, und kündigte an, solange nicht auf einfache, niedrige, ja selbst gerechte Weise für Steuersenkungen zu werben, bis die Kanzlerin ihm diese versprochen hätte. Und dabei blieb es, wenigstens zwei Tage.

Während die Apotheken (höhere Margen, höhere Preise) und die Pharmakonzerne (höhere Preise, höhere Margen) mit der Abschaffung der Apothekenpreise drohten und einzelne von ihnen so weit vorpreschten, dass sie sich weigern wollten, den Termin für die nächste Schweinegrippe-Epidemie zu nennen, hatte einer der hellen Köpfe in Berlin das Prinzip erkannt und brachte es auf den Punkt. Horst Seehofer hielt einfach die Luft an, um zu bekommen, was er wollte. Wir gut, dass Merkel mit sprichwörtlicher Durchsetzungsfähigkeit ausgestattet war.

Noch viel mehr war zu tun. Noch viel mehr spielte die Medien verrückt, denn das ZDF sah sich mit Seiberts Gequengel um die Rückkehr aus dem Bundespresseamt konfrontiert und konnte nur noch feststellen, dass der Ex-Journalist so lange aus Trotz Regierungssprecher bleiben wollte, bis man ihn im TV freiwillig wieder nehmen würde. Relativ gelassen dagegen blieb man in der ARD; aber hier ging es auch nur darum, wer bei wem noch Drehbücher kaufen sollte.

Merkwürdig ruhig war es nur in den Sozial- und Arbeitslosenverbänden. Hatte man sich von den Kernspaltern nicht anstecken lassen oder waren die sozial Benachteiligten schon nicht mehr in der Lage, Protest zu artikulieren? Arbeitsministerin on der Leyen beruhigt die Kanzlerin, es sei mit den Arbeitsscheuen letztlich wie mit Atomreaktoren: was noch nicht explodiert ist, gilt als sicher und bedarf keiner zusätzlichen Diskussion.

Die Banken schwiegen, sie wussten: sie würden nicht die Luft anhalten müssen. Ein freundliches Wort im Kanzleramt würde genügen, um alle offenen Forderungen zu begleichen. Und wenn das nichts hilft, dann eben ein unfreundliches.

Gerüchten zufolge soll die Kanzlerin gesehen worden sein, wie sie sich auf die EU-Termine der kommenden Wochen vorbereitete. Die Zukunft war krebsrot.





strasseguck

18 08 2010

„Nein, eben nicht! Sie können nicht einfach so bei StreetView rein und dann nachschauen, ob die Garage auch ordentlich verschlossen ist. Das geht nicht. Nein, hören Sie doch, das ist technisch gar nicht möglich, das geht nicht! Sie müssen doch erst mal nachschauen, ob da jemand Ihr Haus überhaupt reingestellt hat!

Das ist doch alles unausgegorenes Zeug, diese amerikanische Firma da mit ihrem Google. Das kann doch nichts werden! Da muss man ordentlich arbeiten, da braucht’s eine deutsche Firma, die das richtig aufzieht, ja? Nicht dieses Chaos, das einem alle Gesetze kaputt macht, oder umgekehrt, aber auf jeden Fall müssen wir doch als Deutsche hier mal ordentlich arbeiten. Diese Ausländer, die können alle nichts. Das sieht man doch schon im Internet.

Ich sag’s Ihnen, die Qualität von unseren Inhalten werden Sie so schnell nicht erreichen. Da möchte ich mal den Politiker sehen, der dagegen ist. Da wird die Aigner und da wird der Westerwelle aber stolz sein, dass wir sie da zeigen. Ja, bei uns ist das gut – strasseguck, verstehen Sie? Das müssen Sie mal ansehen, strasseguck heißt das. Wir gehen da nämlich noch mit richtigem Gerät hin. Unsere Kollegen haben einen richtigen Fotoapparat, von der letzten Materialausrüstung, 24×36, und auch ein Stativ, so ein echtes mit drei Beinen. Das macht viel bessere Bilder als dies amerikanische Zeugs!

Weil man je eben wissen muss, wer sich da aus dem Bild rausnehmen lassen will. Und darum muss bei uns auch jeder einen Antrag stellen, mit vollem Namen und Fingerabdrücken und so. Polizeiliches Führungszeugnis? Nein, das besorgen wir uns schon, der Herr Dimpflinger kennt da einen, der im Verein ist. Schufa auch. Und Führerschein.

Aber klar, wir sind schließlich ein Rechtsstaat darf sich doch von seinen Bürgern nichts gefallen lassen. Sonst wäre er ja auch nicht rechts, oder?

Weil Sie nämlich wissen müssen, wer da etwa Gebrauch machen will, diese Bande – kommt hier mit Bürgerrecht und so. Manche von denen direkt mit Anwalt, Sie! ich sag’s Ihnen, das ist doch die Definition von kriminelle Vereinigung, wenn da einer mit Anwalt, oder? Oder schon organisierte Kriminalität? Das frage ich Sie, ja! Sind doch immer dieselben, die da kommen. Vor allem, wenn man mal sich ansieht. Ist zwar nicht jeder wie Westerwelle, manche auch ehrliche Leute, aber ich frage Sie: wenn da doch mal einer von denen sein sollte, so ein Islamiker? Die sind doch alle hier, man weiß das doch nicht von denen, die sehen ja aus wie alle anderen. Gibt’s hier. Vereinzelt auch Protestanten, beim letzten Mal haben wir ja nur die Juden wegbekommen. Ich sag’s Ihnen.

Ach, das mit der virtuellen Streife – ja, ich hab’s ja auch gelesen. Das ist doch auch so ein Unsinn, und ausgerechnet der Wendt wieder. Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft! Der soll sich doch erst mal schlau machen, bevor er so ein Zeug vom Stapel lässt! Das kann man doch nicht so ausposaunen, die Ganoven hacken doch die Computer der Polizei, und dann sieht man überall, wie die Polizei ihre Streifenfahrt macht – und dann gaukeln sie einem einfach so ein Standbild vor oder, das habe ich mal gelesen, das geht, wirklich! da werden sie die Fahrtrouten von zwei virtuellen Polizeiwagen so manipulieren, dass die frontal zusammenbumsen. Glauben Sie’s nur, das stimmt! Ich war doch dabei, als ich das gelesen habe! Na, rechnen Sie sich das aus, was da alles passieren könnte. Direkt zusammengestoßen, da sind die Computer natürlich hin, man nennt das Headcrash oder so, und dann die Gefahr für die Polizisten! Das muss man doch viel besser ahnden! Ich frage Sie, was passiert da? Da muss man doch mal fragen, ob man nicht die Strafen viel höher macht?

Auch das, wir brauchen dringend etwas gegen diese Netzneutralität. Also Netzneutralität ist schon gut, aber nur für uns – man muss schnell da sein, wenn man gerufen wird, und unsere Internetleitung ist ja auch nicht die schnellste. Was meinen Sie, was für einen Vorteil wir dann haben!

Datenschutz? Nein, ich habe schon verstanden. Bin ja nicht doof! Das ist eine Datenschutzfrage, da muss man ganz genau rechtlich aufklären, was da so geht und was da nicht so einfach – Sie verstehen mich doch, oder? Also: wenn Sie jetzt mal bedenken, dass die virtuellen Streifenwagen in dem Bild so einfach mal zu orten sind, was wird dann, und das frage ich Sie! was wird dann aus dem Recht auf Privatsphäre? Ja wenn Sie einfach da so die Polizisten so zeigen, da weiß doch gleich jeder, wo die sind? Das kann aber nicht sein – da sehen Sie, es gibt noch viele rechtliche, und teilweise sind es wohl sogar juristische, und das meine ich ernst!

Aber wenn Sie sich das mal genau überlegen, das gibt doch so logistische Probleme. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, dass da so ein Bürger, ich nenne den mal so, es gibt ja welche – vielleicht ist das dann ein Neger oder bloß so eine Frau. Die rufen die Feuerwehr an sagen, es brennt, und dann schauen Sie auf die Karte und stellen fest, das brennt da gar nicht. Wie wollen Sie das denn betrafen?`Das ist doch aber mindestens so schlimm wie Polizistenmord. Oder grober Unfug sogar.

Ich verstehe es wirklich nicht mehr. Ich meine, wir lesen deren Kontobewegungen aus, wir lesen ihre Mail, wir wissen, mit wem sie telefonieren. Warum sind die Leute so misstrauisch, wenn wir ihren Vorgarten gegen Terror schützen wollen?“





Quittung

17 08 2010

„Aber Sie sehen doch, dass der Widerstand gegen eine Chipkarte schon immens ist. Warum wollen Sie denn das alles noch unnötig anheizen?“ „Das zeigt doch, dass Sie das Projekt nicht verstanden haben.“ „Was gibt es denn da falsch zu verstehen, Sie wollen Bedürftigen das Bargeld vorenthalten und sie mit einer Kontokarte abspeisen.“ „Das zeigt eben, dass Sie das nicht verstanden haben. Wir wollen das Bargeld überhaupt keinem entziehen.“ „Sondern?“ „Wir wollen es abschaffen.“

„Sie wollen also den Erwerbslosen nur noch diese Plastikkarten in die Hand drücken? Welchen Vorteil haben sie denn davon.“ „Zunächst einmal haben wir einen klaren Vorteil in der Budgetierung, es läuft hier nichts mehr aus dem Ruder.“ „Ich meinte nicht Sie, ich meinte sie. Die Empfänger.“ „Ich weiß, bei den Empfängern haben wir den Vorteil, und das ist eben ihr Vorteil. Endlich Planungssicherheit!“ „Wieso Planungssicherheit?“ „Schauen Sie: bisher hat man Ihnen einen Regelsatz von, sagen wir, 359 Euro in die Hand gedrückt, und Sie mussten ein eigenes Budget erstellen, auf jeden Cent genau ausrechnen, was Sie wofür ausgeben – die ganzen Sozialfallverbände lamentieren ja immer herum, dass man mit dem Cent rechnen muss, ich nehme das mal als zutreffend hin – und am Ende haben Sie dann überall das Budget überzogen. Das geht doch so nicht.“ „Wie wollen Sie das ändern?“ „Durch feste Budgets. Sie bekommen, sagen wir, 133 Euro für Lebensmittel.“ „Das ist ja knapp genug.“ „Eben. Und dann noch 34 Euro für Bekleidung und Schuhe.“ „Auch nicht besonders üppig.“ „Richtig, aber bedenken Sie: kaufen Sie sich ein Paar Schuhe für 35 Euro, dann ist der Teil für die Lebensmittel schon nicht mehr vollständig zu Ihrer Verfügung.“ „Und was wollen Sie da tun?“ „Budgetierren. Für Lebensmittel, Kleidung, Telefon und so weiter. Das erspart den Hilfebedürftigen eine ganze Menge unnötige Rechnerei.“

„Aber wie soll das praktisch funktionieren?“ „Sie kaufen sich eben für 34 ein Paar Schuhe, und dann geben Sie das übrige Geld für Lebensmittel aus.“ „Entschuldigung, das ist doch sinnlos: Sie bekommen für 34 Euro kein Paar Schuhe. Oder Sie brauchen mehr, wenn Sie sich ein Paar Schuhe und eine Jacke kaufen.“ „Können Sie ja, keiner hält Sie davon ab. Schuhe in diesem Monat, Jacke im nächsten.“ „Aber das ist doch nicht Ihr Ernst! Wie soll man sich denn da im Winter beispielsweise eine anständige Jacke kaufen und ein Paar Stiefel?“ „Wenn Sie gesteigerten Wert auf Pariser Chic legen, junger Freund, würde ich es mit Arbeit probieren – wenn das nicht aus Versehen unter Ihrer Würde ist.“

„Und wie wird dann sichergestellt, dass ich den Betrag von einem Monat auf den anderen übertrage oder ihn übers Jahr ansammle?“ „Gar nicht.“ „Wie, gar nicht?“ „Gar nicht. Sie haben im Monat 34 Euro, um sich ihre luxuriösen Wünsche zu erfüllen, sollte es Sie überfordern: Pech. Das Leben ist kein Wunschkonzert.“ „Das heißt, das Kontingent verfällt am Ende des Monats?“ „Irgendwo muss der Staat auch sparen, wenn sich immer mehr einbilden, dass man hier bloß die Hand aufzuhalten braucht.“

„Was hat das übrigens zu bedeuten, dass Sie personenspezifische Warengruppen kontrollieren wollen?“ „Wir wollen nur sicherstellen, dass die richtigen Personen die richtigen Waren kaufen.“ „Also keine Zigaretten und Alkoholika für Kinder?“ „Vor allem keine unnötig exzellenten Güter – jetzt stellen Sie sich mal vor, eine Bedarfsgemeinschaft aus zehn Personen…“ „Das ist doch an den Haaren herbeigezogen, die gibt es gar nicht!“ „… legt ihre Kontingente für Kleidung zusammen und kauft davon einen Nerzmantel. Solche Auswüchse muss man doch unterbinden!“ „Wo bekommt man denn einen Nerzmantel für 340 Euro?“ „Auf dem Schwarzmarkt wahrscheinlich, was weiß ich – ich treibe mich selten da herum.“ „Und warum darf das nicht sein?“ „Jetzt denken Sie doch mal nach. Nicht arbeiten wollen, aber Nerz tragen, während wir in der Mittelschicht zittern müssen, ob der Amtsarzt den Steuerfahnder für unzurechnungsfähig erklärt!“

„Wer lädt eigentlich das Guthaben auf diese Karten?“ „Das machen die JobCenter.“ „Aha, die kriegen ja sonst auch alles auf die Reihe.“ „Was soll diese Kritik? Das geht nun mal nicht anders.“ „Warum kann man das nicht zentral erledigen? Beispielsweise durch eine Funktion in der Software oder im Lesegerät, wenn der Abrechnungszeitraum wechselt?“ „Wir müssen doch die Daten aus der letzten Abrechnungsperiode sichern.“ „Welche Daten?“ „Die Nutzerdaten. Was jemand wann wo kauft. Sie wissen schon. Fehlbeträge, so was eben.“ „Fehlbeträge?“ „Wenn Sie beispielweise von den 133 Euro für Lebensmittel nur 128,57 ausgeben, dann bekommen Sie im nächsten Monat nur 128.“ „Warum nicht 128,57?“ „Meine Güte, irgendwo muss man ja auch mal unbürokratisch sein.“ „Und wenn dieser Fehlbetrag nur deshalb zustande kam, dass es ein Sonderangebot gab, dass es später nicht mehr geben wird?“ „Hätte, wäre, könnte – leiden Sie unter zu viel Fantasie? Wenn Sie es irgendwie geschafft haben, mit 128 Euro fürs Fressen nicht zu verrecken, dann werden Sie das wohl auch noch ein zweites Mal hinkriegen, oder?“ „Und wenn nicht?“ „Das ist doch nicht mein Problem! Was haben Sie denn die ganze Zeit – es kann uns beiden doch scheißegal sein, was mit diesem Pack passiert, ob sie krepieren oder nicht. Das Verfassungsgericht wollte eine genaue Berechnung, die kriegt es. Hier, sehen Sie: jeder Posten. Alles vollständig. Mit Quittung.“ „Quittung? Ja, in der Tat. Die werden Sie bekommen.“





Holzauge

16 08 2010

„… unterbrechen wir unser Programm für eine wichtige Durchsage: alle Personen, die ihre Vorhänge zuziehen, können Terroristen sein. Alle Personen, die immer bar zahlen, können Terroristen sein. Alle Personen, die…“

„… mit unglaublicher Brutalität gegen den Mann vor. So nahm die Polizei neun Verdächtige fest und stellte zahlreiche Tatwerkzeuge sicher, darunter eine Axt, ein Brecheisen und ein Lötlampe. Passanten hatten berichtet, wie Colin Thackerell in seinem Vorgarten von einer aufgebrachten Menge attackiert wurde. Die mutmaßlichen Täter hatten den 89-jährigen ehemaligen Malermeister beim Schließen seiner Übergardinen…“

„… wurden Bilder einer Überwachungskamera sichergestellt, die auch nach der redaktionellen Bearbeitung keinen Ladendiebstahl, keine Brandstiftung oder Planung eines nuklearen Erstschlags zeigten. Die beiden Beamten wurden mit sofortiger Wirkung aus dem Dienst entfernt, obwohl sie glaubhaft machten, dass die Kamera im Inneren eines Kühlraumes auch nicht zu…“

„… den Männern letztlich nicht nachgewiesen werden konnte, dass sie falsch gehandelt haben könnten. Michael Sherman, Roger Hoyle und Jonathan Sanger hatten Edward Pears und William Neyton unter dem Verdacht, falsche Polizisten zu sein, festgenommen, als diese versucht hatten, Martin Primlove festzunehmen, da sie diesen für einen falschen Polizisten hielten. Eine wilde Schießerei, von der Anwohner berichteten, hatte gar nicht stattgefunden. Die Hinterbliebenen sind…“

„… auf Interesse des Bundeskriminalamts. Die BKA-Fassung des Werbespots sah allerdings vor, dass nicht bei der Staatspolizei beschäftigte Bürger ab sofort auch zu Trainingszwecken erschossen…“

„… mit einer Anfrage, ob nicht Angehörige der US-Streitkräfte generell vom Generalverdacht ausgenommen werden dürfen. Außenminister William Hague ordnete zügig an, ab sofort vor anlasslosen Übergriffen die Staatsangehörigkeit von mutmaßlichen Terrorverdächtigen zu erfragen und im Zweifel vor einer Hinrichtung Rücksprache mit dem Foreign and Commonwealth Office zu…“

„… natürlich nie ausgeschlossen werden kann, dass die meisten Terroristen sich ganz geschickt tarnen und einfach so tun, als wären sie normale…“

„… das Home Office zu informieren, dass ab sofort ein Raster zu erstellen ist, nach dem die Bürger des Vereinigten Königreichs zu durchsuchen sind – beispielsweise könne man so alle rothaarigen Lehrerinnen unter 23 mit Sprachfehler, die am Sonntag mit dem Motorrad nach Kingston upon Hull fahren, um Meerschweinchenfutter zu kaufen, als primäre Gefährderinnen ausschließen und sich stattdessen auf über 56-jährige Landschaftsgärtner in der Grafschaft Surrey konzentrieren, deren Lebensversicherung nach 1997 abgeschlossen wurde und nicht in die…“

„… dennoch zu einem tragischen Zwischenfall geführt, als Emma Colmsworth von zwei Polizisten gestellt und mit mehreren Schüssen in Kopf und Rücken niedergestreckt wurde. Die 4-Jährige schien nach Einlassung der Beamten eine Erwachsene zu sein, die sich lediglich als Kind ausgegeben habe. Da es nicht gelang, diese Aussage als reine Schutzbehauptung zu entlarven, wurden die…“

„… suchten Innenpolitiker aus dem Ausland den Kontakt zu den britischen Behörden. Vor allem der deutsche Innenexperte Wolfgang Bosbach (CDU) beabsichtigt eine schnelle Umsetzung des geplanten Bevölkerungsbeschuldigungsbeschleunigungsgetzes, solange die Koalition aus Union und FDP zusammen noch über der Fünf-Prozent-Marke…“

„… inzwischen als die britische Top-Terroristin Maureen Reilly heraus. Die Einsatzkräfte hatten die international gesuchte Attentäterin nicht erkannt, als sie aus ihrem Haus kam, denn sie hatte die Frage, ob sie die Straftäterin sei, einfach verneint – ‚Wir waren darauf einfach nicht vorbereitet‘, so John Mulligan, ‚wer hätte denn ahnen können, dass sie uns einfach nicht die Wahrheit sagt?‘ Tief gekränkt kündigte der Polizeichef von Manchester an…“

„… wollte sich zunächst nicht äußern, ob eine EU-weite Zusammenarbeit angestrebt werde, doch alle Anzeichen sprechen dafür. Man wolle, so Interpol-Kommissar Geert Staevelar, einfach alle Unschuldigen in Internierungslagern unterbringen, so dass automatisch alle, die noch auf freiem Fuß seien, als Schuldige erkennbar…“

„… dann eine eindeutige rechtliche Regelung zu schaffen: wer nicht von den akkreditierten Nichtterrorristen in der Nichtterroristenbehörde als Nichtterrorrist akkreditiert wurde, wird von der Terroristenbehörde als Terrorist behandelt und…“

„… wieder zu einem Zwischenfall in Lancashire am Sonntagabend, als die Hausfrau Cynthia Butler beim Leeren ihres Mülleimers erschossen wurde. Sie hatte sich, dies sagte später der Einsatzleiter, nicht ausreichend verdächtig verhalten und war so ins Fadenkreuz der Ermittlungen…“





Draußen

15 08 2010

für Kurt Tucholsky

Wenn sich ihr Gatte gehen lässt,
das kann Madame nicht leiden.
Sie blickt ihn an und sagt dann fest:
„Lass Dir die Haare schneiden!“
Er weiß, ein Streit hat keinen Zweck,
so geht er zum Barbier ums Eck
und steht davor und liest verdrossen:
    „Montags geschlossen!“

Es ist wohl im Museum schön,
für Kunst und Renommage.
Herr Knopps beschließt, dorthin zu gehn
an seinem freien Tage.
Doch wie er vor dem Tore steht,
alleine an der Klingel dreht,
die heit’ren Stunden flossen…
    „Sonntags geschlossen.“

Ja lerne nur! Sei arbeitsam!
Nur dienern, kriechen, buckeln!
Sei strebsam, fromm, wie nur ein Lamm,
das Bildung hat zum Nuckeln.
Beiß weg den andern, kneif und schlag,
Du stehst an einem schönen Tag
ganz vorn. Dann wird geschossen…
    „Heute geschlossen.“

Der Michel hat die Sache satt.
Man will ihn nicht regieren,
stopft sich nur voll und lächelt matt.
Wer soll die abservieren?
So fährt er mutig nach Berlin.
Und wartet. Stunden ziehn sich hin.
Dann gibt’s was auf die Flossen.
    „Werktags geschlossen!“

Die Jahre gehen hin. Es reicht.
Du bist auch schon ermattet.
Erst schaut man, wie die Zeit verstreicht,
und schon wirst Du bestattet.
Dann steigst Du auf. Steigst immer weiter,
bis ganz hinauf zur Himmelsleiter
erklimmst die letzten Sprossen –
    „Geschlossen.“





Aus deutschen Landen. Limericks (V)

14 08 2010

Es war eine Waschfrau in Wiehe,
die wusch schon in der Morgenfrühe.
Doch sieh! war das geschafft,
da kippte die Hauskraft
zum Fenster hinaus ihre Brühe.

Ein Herr packte Koffer in Engen,
der wollte mit Quetschen und Drängen
den Kasten noch schließen;
zuletzt mit den Füßen
versuchte er ihn einzuzwängen.

Es war einst ein Bauer in Kusel,
der brannte sich schwarz seinen Fusel.
Er musst nach dem Zechen
sich kräftig erbrechen.
Sonst war nichts. Was hatte der Dusel!

Die Zwillinge dort, die in Merzig
sich stets kleiden gleich: da beschwert sich
der Vater der beiden,
sie zu unterscheiden.
Die andern jedoch finden’s herzig.

Ein Krämer, der einst in Eutin
noch bös auf den Freund zu sein schien,
der hat unterdessen
den Grund schon vergessen
und darum ihm alles verziehn.

Ein Gartenbesitzer in Brake,
den störte am Teich das Gequake.
Doch dies Unbehagen
war noch zu ertragen –
viel mehr noch stört ihn eine Schnake!

Es war einst ein Maler in Hilden,
der wollt sich in Kunst weiterbilden.
Sein Sprühen und Spritzen
mit Farben tat nützen:
jetzt malt er wie die Jungen Wilden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXX): Ästhetische Katastrophen im Alter

13 08 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Zustand der Materie ist das, was durch eine Veränderung Zeit sein lässt; so wenigstens definiert es der Physiker, während die Uneingeweihten das fundamentalontologische Gerüst eher andersherum bauen. Sein und Zeit betrachten sie so, dass der Verlauf von Uhr, Kalender und astronomischen Zyklen erst jene Prozesse fördert, die schließlich in die Allbezwingerin des Fleischlichen münden, in die Schwerkraft, die alles, Bindegewebe samt ornamentalem Fortsatz, irgendwann ergreift. Und so geht alles, was ist, irgendwann auch wieder in die majestätische Ruhe des Anorganischen über, zumindest in farblicher Hinsicht.

Das Ende der Welt, as we know it, es ist beige. Jener braungrüngrau in die Optik gehebelte Unfall ist eine Mixtur aus nassem Sand und morschem Brot, Körpersekret und Langeweile, die allem den Abstumpfungsgrad von Tapetenkleister verleiht. Was in diese Masse stolpert, wird aufgesogen, wie in ein Gravitationsfeld geschlürft, aus dem es kein Entrinnen gibt, weil der Ereignishorizont gleich Null ist: Senioren, von Kopf bis Fuß in klamme Klamotten verklammert, sind als Beiges Loch in der Existenz gefangen und ziehen gnadenlos ihre Altersgenossen in die Quadranten der Nichtfarbe, die jegliche Ästhetik ausradiert. Nicht nur, dass die Signalunfarbe in Menschenansammlungen von drei Einheiten aufwärts unwillkürlich Assoziationen mit einem weichen Ziel aufkeimen lässt, sie lässt die zu Popeline geronnene Scheußlichkeit magenkranker Schnittmustersadisten Wahrheit werden, jenes als Tarnkleidung gedachte Rentnerbeseitigungstextil, das den visuellen Teilchenstillstand symbolisiert, ein Nullschalter für die Entropie. Sobald sich die ästhetische Katastrophe in Eierschalenblassbraun ereignet, ruhen Kreislauf, Hirnströme und andere niedermolekulare Bewegungsmuster – würde der in Matschton geschwiemelte Ruheständler als zweiter Nijinsky durch die vollbelebte Innenstadt von Bad Harzburg hüpfen, es würde keiner Seele auffallen.

Beleidigender jedoch sind die Schnitte, mit denen sich das trübe Tuch gerissen als Mode tarnt. Viereckige Sackdarsteller mit angenagelten Ärmeln und mittig eingenietetem Reißverschluss ergeben die allseits beliebte Windjacke – eine nur in der Kleidergröße fortgesetzte Demütigung, wie sie das Kindergartenalter kannte, als die Blagen motorisch noch damit überfordert waren, sich die Joppe selbst zu schließen. Die Seitentaschen sind selbstredend so beschissen geschnitten, dass jeder noch so kurzarmige Bekloppte sich beide Ellenbogen amputieren lassen müsste, um einmal mit den Pfoten ins Futter zu kommen – doch wozu? der Thoraxfeudel, tunlichst kurz geschnitten, da im Lebensherbst ja überwiegend regungslos gesessen wird, ist nicht einmal geeignet, pro Seite ein Paket Papiertaschentücher aufzunehmen, von größeren Objekten einmal ganz zu schweigen. Genügsamkeit ist das Wesen dieser Gewandung. Als ob das senile Sediment in Sandstein-mit-Schimmelpilz-Uniform noch Bedürfnisse anmelden dürfte.

Geht es der Seniorin besser? Das Kittelett im Ich-war-eine-Schlafzimmergardine-Dekor deutet ein desolates Nein an, das die beiden verfügbaren Rocklängen – etwas zu kurz, unvorteilhaft lang – mit gehässiger Verve unterstreichen. Dazu ist das Schuhwerk wie geschaffen, die Geschichte der Jetztmenschen aus dem Urgrund der Savannenjäger zu erklären: formloses Geklumpe, das aussieht, als sei der Cro-Magnon ungeschickt in irgendeinen Beutelsäuger getreten und habe das Ding aus reiner Bequemlichkeit gleich an den Füßen gelassen.

Ist also Beige, prickelnd vor Langeweile und ein Generalangriff auf die arglose Netzhaut, nichts als eine Reminiszenz an die Urzeit des Hominiden, als man jene kurz vor dem Ausscheiden aus dem Sippenverband begriffenen Claninsassen hurtig in den Modder schmiss, um sie für Säbelzahntiger und Mammut unsichtbar zu machen, wie wir auch heute unsere Oldies ins soziale Hintergrundrauschen zurückdrücken, sobald uns bewusst wird, dass wir sie noch nicht legal losgeworden sind? Oder ist es der verzweifelte Versuch, uns vor einer Schar durchgeknallter Silberrücken zu bewahren, die in berufsjugendlichem Outfit die Zivilisation stürmen, in Sport- und Funktionskleidung, atmungsaktiven PU-Stoffen, jugendlichem Chic (oder wenigstens dem, was systemkritische Herrenschneider in Wochenendbeilagen unter Zuhilfenahme des Wortes modemutig dazu erklären) mit zehn Prozent Schafschurwolle und in Farben, die man in den Siebzigern noch für eine Ausgeburt von Drogen und Kommunismus hielt? So kleckert es ansatzlos aus brechreizaktiv gefederten Überlandbussen, wenn die halbe Einwohnerschaft von Rheinland-Pfalz zum Heizdeckenrodeo mit Pflaumenkuchen anrollt und in erbsengrünen Windjacken mit malve-taubenblau abgesteppten Kragenapplikationen zu weinroten Damenblousons aus Waschseide alle frei flottierenden Vorurteile schreiend bestätigt. Hie und da greift das lebensältere Personal schon zur Baseballkappe, und es wird eine Frage der Zeit sein, bis die Gesellschaft zum 90. Geburtstag im Kill-your-Idol-Shirt anrückt. Wir werden es aushalten. Hauptsache, das Ding ist nicht beige.





Ausgewogen

12 08 2010

„Was machen Sie denn hier für einen Quatsch? Was soll das denn? Sie sind doch Rechtshänder?“ „Aber die Dienstvorschrift sieht das so vor. Und hier jetzt andersrum.“ „Was soll denn das? Wieso schreiben Sie mit links und haben da rechts das Telefon und die Eingänge sind im Ausgangskorb – was soll denn das?“ „Das ist Ausgewogenheit.“ „Was bitte!?“

„Die neue Ausgewogenheit. Machen wir hier jetzt alle, die Ministerin will das so.“ „Was will die Schröder? Dass Sie den Zollstock da über Kopf verwenden? Und wer hat hier Milch und Zucker ausgetauscht, meine Güte, so eine Ferkelei!“ „Das ist alles die neue Ausgewogenheit. Beide Seiten müssen gleichberechtigt beteiligt sein, verstehen Sie?“ „Und deshalb füllen Sie Milch in die Zuckerdose und Würfelzucker ins Milchkännchen? Was soll denn daran gleichberechtigt sein?“ „Jetzt regen Sie sich nicht auf, morgen ist es ja wieder andersrum.“ „Und was machen Sie dann?“ „Dann tausche ich mit dem Kollegen die Schreibtische.“ „Das kann doch nicht wahr sein.“ „Doch, und wir wechseln uns dabei ab.“ „Wobei?“ „Beim Umräumen.“ „Was umräumen?“ „Die Schreibtische umräumen.“ „Weshalb denn die Schreibtische umräumen?“ „Weil wir doch die Schreibtische tauschen. Einmal räume ich die Sachen um, einmal räumt er die Sachen um. Alles gleichberechtigt.“ „Aber das ist doch vollkommen sinnlos!“ „Das ist richtig. Danach war aber nicht gefragt.“

„Haben Sie das Memo zur Familienpflegezeit bekommen?“ „Ja, beide Teile.“ „Wie, beide Teile?“ „Also den einen von der Versicherung, was die gerne haben würden, und den anderen von der Ministerin, wie man die Kosten stückeln kann.“ „Stückeln?“ „Wollen Sie denn das etwa alles aus der Mehrwertsteuererhöhung rausholen? Das muss man doch in kleinen Portionen…“ „Was faseln Sie denn da für einen Unsinn? Was für Kosten? Worum geht’s hier überhaupt?“ „Die Familienpflegezeit soll doch finanziert werden. Entschuldigung, darf ich?“ „Wozu haben Sie denn den Papierkorb auf den Schreibtisch gestellt?“ „Ist ja morgen wieder unten. Ausgewogenheit, verstehen Sie?“ „Was haben Sie denn jetzt schon wieder mit der Ausgewogenheit?“ „Das muss ja irgendwie geschultert werden. Schauen Sie, man soll ja zwei Jahre lang halb arbeiten und dann 75 Prozent des Gehalts beziehen können, richtig?“ „Richtig.“ „Das bedeutet, dass Sie zweimal ein Viertel, summa summarum ein halbes Jahresgehalt geschenkt bekommen, richtig?“ „Auch richtig, aber das geben Sie dem Arbeitgeber ja wieder zurück.“ „Insofern ist das ausgewogen, so hatte sich das die Ministerin das auch vorgestellt. Wir haben dann nur mal gerechnet.“ „Gerechnet?“ „Damit das auch ausgewogen wird. Wir haben ja weniger Arbeitsleistung in der ersten Hälfte der Zeit.“ „Aber das dürfte sich doch spätestens nach zwei Jahren ausgleichen, weil die einen ein Viertel mehr und die anderen ein Viertel weniger Lohn bekommen. Das ist doch ein statistisches Spiel.“ „Aber das muss ja auch ausgewogen sein. Reichen Sie mir bitte eben mal die Türklinke? Da, auf der Fensterbank.“

„Und was machen Sie jetzt?“ „Wir brauchen eine Versicherung.“ „Und was soll dabei diese ganze Ausgewogenheit?“ „Weil das helfen soll gegen den Vorschuss. Also den Ausfall. Also den Vorschuss von dem Ausfall, den die – nein, anders. Lohnvorschussausfallversicherung heißt das Ding, also ist es gegen den Ausfall vom Vorschuss.“ „Wie kann denn ein Vorschuss ausfallen?“ „Wenn der Arbeitnehmer nun beispielsweise verstirbt während der ersten beiden Jahre, dann könnte sich aber der Arbeitgeber gar nicht mehr seinen Lohnvorschuss wiederholen.“ „Und das heißt jetzt was?“ „Das muss natürlich versichert werden.“ „Von wem?“ „Vom Arbeitnehmer.“ „Warum vom Arbeitnehmer und nicht vom Arbeitgeber?“ „Weil der doch schon den Vorschuss zahlt, da kann er sich doch nicht auch noch versichern.“

„Jetzt überlegen Sie mal: ein Arbeitnehmer, der sowieso in die Sozialversicherung einzahlt, der hat doch immer einen Überschuss.“ „Aber denken Sie an die Ausgewogenheit! Wenn der Arbeitnehmer nun beispielsweise den Arbeitgeber wechselt? Dann kann sich der andere mit seinen 75 Prozent für eine volle Arbeitsleistung ja schadlos halten. Das ist aber doch nicht ausgewogen!“ „Was für ein Unsinn, dann dürfte es wohl auch keine Renten geben. Warum schießt das nicht die Pflegeversicherung vor?“ „Warum die Pflegeversicherung?“ „Weil es erstens um Pflege geht und zweitens um eine sehr viel preiswertere Form als die professionelle – von dem eingesparten Geld ließe sich doch wunderbar ein Fonds einrichten.“ „Das wäre aber solidarisch, und das ist nicht ausgewogen.“ „Wo ist der Unterschied?“ „Weil das die Mittelschicht auch bezahlen müsste.“ „Sie können doch nicht alles als unausgewogen bezeichnen, was die Mittelschicht finanziert!“ „Aber so ist doch die Sozialpolitik der Bundesregierung nun mal aufgebaut: die unteren Einkommensgruppen zahlen dafür, dass die oberen Einkommensgruppen sich unsolidarisch verhalten müssen – da sehen Sie mal, welch schweres Schicksal die Mittelschicht erdulden muss!“

„Warum muss das eine private Versicherung sein?“ „Warum nicht?“ „Sie könnten ebenso eine staatliche Zusatzversicherung einführen.“ „Mit welchem Nutzen?“ „Dass die Kosten minimiert werden.“ „Aber die Kosten für die Arbeitgeber werden doch schon minimiert. Das macht alles die Ausgewogenheit der Ministerin.“ „Welche denn jetzt schon wieder?“ „Sie sorgt auch hier für eine gleichmäßige Verteilung der Lasten – einerseits bezahlen es die Arbeitnehmer, andererseits kommen die Steuerzahler für den Ausfall auf.“ „Das ist doch alles unausgegoren! Wer hat sich das denn ausgedacht?“ „Rürup.“ „Dieser Schmierlappen, der der Bundesregierung seine Drückerkolonnenscheiße verkauft? Was hat der damit zu tun?“ „Er sichert den Aufschwung der deutschen Wirtschaft.“ „Was?“ „Den Aufschwung der Versicherungswirtschaft.“ „Wie passt das denn zusammen mit ihrer Ausgewogenheit.“ „Die Versicherungswirtschaft muss ja etwas verdienen, sonst könnte man die Arbeitnehmer nicht bluten lassen. Das Geld muss ja irgendwo hin. Wollen Sie das denn einfach so auf die Straße werfen?“ „Ich verstehe gar nichts mehr.“ „Das ist die soziale Ausgewogenheit, wie Sie sie schon im Sparpaket kennen gelernt haben: damit die einen, müssen eben die andern.“ „Damit Schröder das Elterngeld oben zahlen kann, muss es unten gestrichen werden.“ „Falsch, das wäre ja nicht ausgewogen – damit es unten gestrichen werden kann, müssen die oben es in Anspruch nehmen wollen. Sehen Sie, wie gerecht es gleich zugeht?“ „Sie haben doch einen Dachschaden!“ „Aber ausgewogen!“ „Sicher, was die Rechte nicht hinkriegt, lässt die Linke liegen.“ „Nun mal ehrlich. Finden Sie es nicht wenigstens ein kleines bisschen sozial ausgewogen? Na?“ „Ausgewogen, ja. Und für zu leicht befunden.“