Schnupperkrieger

1 09 2010

Als der Posten mich anschrie, zuckte ich heftig zusammen. „Das ist nicht böse gemeint“, beruhigte mich von Schlattwitz. „Der Tonfall in der Armee mag auf den ersten Blick etwas rau klingen, doch ist er auch sehr herzlich und direkt.“ Unvermittelt riss er die Knochen hoch und brüllte dem Wachmann ins Ohr: „Wegtreten, Sie Zivilversager! Wenn ich Sie hier noch einmal sehe, dann spielen Sie eine Runde Notaus, haben wir uns verstanden!“

Hauptmann Hammelmeyer grüßte nachlässig und wirkte ein bisschen müde. „Ja, das ist korrekt. Die… die…“ Der junge Offizier zog energisch Luft durch die Nase und runzelte die Stirn. „Die…“ Hammelmeyer schluckte schwer. Dann endlich überwand er sich. „Die Max-und-Moritz-Kaserne, vormals Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne, ist als Ausbildungs- und Frühförderungsanstalt der Deutschen Bundeswehr zuständig für die… die… die Schnupperzeit des Soldatennachwuchses.“ Seine Oberlippe zitterte. Was musste dieser tapfere Kriegersmann nicht alles durchmachen, um seinem Vaterland in Wehr und Waffen zu dienen. Ja, die Verteidigung ist schon ein ernstes Handwerk.

„Wir führen die jungen Leute mehr spielerisch an ihre Aufgaben heran“, erläuterte Schlattwitz. „Natürlich nicht das übliche Geballer, wie Sie wohl denken mögen.“ Dabei dachte ich gar nichts und hörte dem Oberst einfach nur zu. „Kurz und gut, die Burschen lernen die faszinierenden Möglichkeiten des Dienstes an der Waffe kennen. So, wie sich das unser Verteidigungsminister ausgedacht hat.“ „Sie meinen die Probezeit für Soldaten?“ Er lächelte mit nachsichtiger Arroganz. „Das, was Sie meinen, ist die künftige Eingewöhnungsphase für Zeitsoldaten. Wir hingegen ermöglichen den Wehrpflichtigen während einer Schnupperwoche, die Armee…“ „Obacht!“ Mit quietschenden Reifen schrammte das Geländemotorrad an uns vorbei; ich hatte den Offizier gerade noch beherzt auf die Seite zerren können. „’sch fick Dein Mutta“, brüllte der Fahrer und zeigte seinen erigierten Mittelfinger, „Du Opfa, verpiss Disch!“ Schlattwitz stand mit aufgerissenen Augen neben mir und zitterte in den Knien. Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Dass Sie sich der aufstrebenden Jugend annehmen und ein bisschen Zug in die leistungsbereiten Charaktere bringen wollen, ist doch mal eine nette Sache von Ihnen. Oder sollte ich mich getäuscht haben?“

Schütze Marvin Koßmudek schlurrte über den Kasernenhof und hielt unvermittelt vor uns. Sofort nahm Oberst von Schlattwitz Haltung an. „Können Sie nicht grüßen“, blaffte er den Mann an. „Ja, Tach auch!“ Krummbeinig und mit schrägen Schultern stand der Soldat da, wie ein nasser Sack und mit offenem Mund, komplett selbstvergessen und wie aus der Zeit gefallen. „Prägen Sie sich das endlich ein“, knirschte Schlattwitz, „das geht Gruß – Meldung – Gruß! Ich werde Ihnen den Arsch aufreißen, wenn Sie jetzt nicht strammstehen und endlich grüßen!“ Allein Koßmudek, ein nicht so sehr unsympathischer wie völlig desinteressierter Anwärter, guckte auf einmal mich an. „Sagen Sie mal“, fragte er, „darf der das eigentlich?“ Ich verstand nicht. „Ja, ob der das darf? Der Chef oder wie das hier bei der Bundeswehr heißt, das ist doch der Hauptmann? Da kann der sich doch gar nicht einmischen?“ Im letzten Moment verkniff ich mir eine Antwort. Es war wohl besser so.

„Mit der Panzerpionierlehrkompanie verfügen wir über eine Kompanie, die als Lehrkompanie ein Herausragende ist“, schwafelte Hammelmeyer. „Für die Schnupperzeit der Wehrpflichtigen ist gerade das Pionierwesen eine faszinierende Möglichkeit, die faszinierenden Möglichkeiten der Pioniere hier in der Bundeswehr zu erleben. In der Kompanie.“ Drei Schnupperkrieger guckten konzentriert auf den Asphaltboden, dessen Möglichkeiten offenbar auch faszinierten. „Sagen Sie mal“, onkelte der Oberst eine der Schulterglatzen an, „warum wollten Sie denn in die Bundeswehr? Nun sagen Sie einfach mal, ganz frei von der Leber weg.“ Jovial blickte er ihn an; seine Augen sprühten leicht drohend. Doch Steve Dröpelkerchen bemerkt das gar nicht. „Eigentlich hätte ich ja lieber was mit Computer gemacht. Oder Auto. Oder so.“ Hilflos ruderte der Hauptmann mit den Armen. „Unsere Schnupperer sind immer noch auf Orientierungssuche, für einen Pionier ist das eine gute Voraussetzung. Haha!“ Bestimmt hatte Schlattwitz den Scherz nicht ganz so gut gefunden; jedenfalls lachte er nicht.

Da stolperte ein Soldat aus dem Kasernenbau. Keuchend lehnte er sich an die Hauswand und spie brüllend seinen Mageninhalt aus. „Die Mannschaft wird natürlich schon in den Schnuppertagen ganz lebensecht verpflegt“, informierte mich Schlattwitz mit einem Seitenblick zu dem Pionier, der sich immer noch heftig erbrach. „Unser junger Freund hier wird das genossen haben, was der Rest der Kompanie auch hatte: Graupensuppe, Hartkekse, danach auf der Stube Billigbier aus Heeresbestand. Wir tun unser Bestes, um die jungen Leute richtig zu motivieren. Hier wird nicht gegammelt, hier ist Leistung gefragt. Hier können die Anwärter beispielweise ihren Führerschein machen.“ „Was ja auch vollkommen neu ist“, pflichtete ich ihm bei. „Wirklich, für derart innovative Ideen mussten wir erst diese Ölmütze ins Verteidigungsministerium holen, oder?“ Schlattwitz schwieg verbissen. „Und dann schauen Sie sich mal die Handelswege an. Den vorderen Orient halten uns ja die Amis frei, aber Südostasien? Na, ich weiß nicht.“ Der Oberst lief blutrot an. „Tja, Schlattwitz. Fehlplanung. Aber nicht aufgeben, ja? Vielleicht findet sich ja für Sie auch ein Schnupperangebot. In Afghanistan.“