Nicht mein Bier

6 09 2010

Die Bundesarbeitsministerin hatte es klar zum Ausdruck gebracht. Bei der Neuberechnung der Regelsätze für das Arbeitslosengeld II dürfe auf keinen Fall überflüssiger Luxus finanziert werden – die spätrömische Dekadenz, sie wurde nicht mehr an- oder ausgesprochen, doch sie schwang mit. So leicht wollte man es dem Volk nicht machen.

Die Kommission verkündete, die Hartz-Kosten zu senken, indem die Kosten für Alkohol und Tabak gestrichen würden. Dass auch der Erwerbslose gelegentlich zum Essen neige, ließe sich nicht mehr leugnen, dass er aber daraus gleich ein Recht auf Genussmittel ableite, sei eine bodenlose Frechheit. Man wolle sofort durchgreifen, hart und treffsicher. CSU-Generalsekretär Dobrindt kündigte an, ganz entschieden gegen Missbrauch zu sein. Dies sei mit der Verfassung durchaus zu vereinbaren. „Das Grundgesetz“, rief der Bayer in einer ortstypischen Bierzeltveranstaltung, „verbietet nicht das Recht auf eine arbeitslosenfreie Wiesn!“

Erster Protest regte sich aus dem Einzelhandel, da den Discountern eine wichtige Einnahmequelle wegzubrechen drohte. Ministerin von der Leyen beruhigte die Konzerne allerdings rasch; nach den Plänen der Bundesregierung würde die Anzahl der Transferleistungsempfänger ungebremst ansteigen, so dass der Gewinn rein durch die Masse erhalten bliebe. Da zudem mittelfristig eine Umstellung der Transferleistungen auf Chipkarten angedacht sei, empfehle sie den Unternehmen, sich gut mit der Regierung zu arrangieren, um akkreditierter Prekariatsversorger zu werden. Der Name Albrecht wurde zufällig genannt und nicht dementiert.

Thilo Sarrazin kündigte an, sein nächstes Buch hieße Deutschland säuft sich tot.

Vor allem aber wies die Industrie die Sparpläne der Regierung vehement zurück. Der Konsum von Bier, Alkopops und branntweinhaltigen Getränken sei ein stabiles Rückgrat der Volkswirtschaft, teilte der Sprecher des deutschen Brauereigewerbes mit. Allein stetiger Verbrauch von Gerstensaft sichere eine große Anzahl von Arbeitsplätzen, zumal gerade Deutschland eine Vorbildfunktion für das in der Welt überall geschätzte Brauerhandwerk habe. Dass es dabei vorrangig auch um ein Kulturgut ginge, so der Funktionär, müsse man wohl nicht eigens betonen. Die Kommission stimmte insofern damit überein, als man nicht gedächte, freigesetzte Bürger kostenlos mit Kulturgütern zu beglücken.

Eine peinliche Panne passierte, als Redakteure einer überregionalen Tageszeitung die Meinung der Kirche einfangen wollten. Alkohol sei zweifelsohne eine gesellschaftlich akzeptierte und allemal in den zivilisatorischen Kontext eingebundene Substanz; die Verwendung als Messwein spiegele nur eine der zahlreichen Präsenzformen im Leben einer jeden christlichen Gemeinschaft wider. Alkohol müsse jedem Menschen in unbegrenztem Maße zur freien Verfügung stehen. Der daraus resultierende Bericht konnte nicht mehr rechtzeitig gestoppt werden, die Zeitung ging in Druck. Die beiden Redakteure, die irrtümlich Walter Mixa interviewt hatten, wurden fristlos entfernt.

Anders der Boulevard; hier empfahl man dem Pöbel strikte Abstinenz, wie es Franz Josef Wagner, der Suchtbeauftragte von BILD, zum Ausdruck brachte. Trunksucht sei der Untergang Deutschlands, alle Meisterleistungen der deutschen Wirtschaft, zum Beispiel der Rettung der Deutschen Bank oder der Stalingrader Kessel, seien nüchtern vollbracht worden. Noch die Perfidie, den Sieg einer DFB-Elf durch Absingen von Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen im Keim ersticken zu wollen, sei Wehrkraftzersetzung und drakonisch zu bestrafen. Weniger konsequent war die redaktionell getarnte Werbung für die 20-Milliliter-Flasche VolksChampagner, die sich, höhnisch von Kai Diekmann begrinst, noch der gewissenloseste Abzocker würde leisten können. Wolfgang Clement fühlte sich davon derart diffamiert, dass er den Springer-Konzern verklagte.

Die Kanzlerin schwieg. Sie hatte sich zwar zuvor auch nicht mit den finanziellen Problemen der Unterschicht beschäftigt, sah aber auch nicht ein, warum sie ausgerechnet jetzt damit anfangen sollte. Dies, befand sie kurz, sei nicht ihr Bier.

Thilo Sarrazin erklärte in diversen Talkshows, die muslimischen Kulturen seien schon deshalb der deutschen Leitkultur unterlegen, da sie kein Bier tränken. Vermutlich seien sie dazu nicht intelligent genug. Auf Nachfrage des Gastgebers, ob nicht die Migranten besser mit den bescheidenen Hartz-IV-Sätzen zurechtkommen würden, erklärte der Gen-Ethiker, dies sei arglistige, ja böswillige Anpassung an den alternativlosen Druck; der Ausländer, so Sarrazin, besetze in parasitärer Absicht jede Ritze des sozialen Gefüges und verteidige sie mit Mitteln, die der Herrenrasse nicht zur Verfügung stünden.

Während sich der Rest der Riege die Realität schön soff – Wirtschaftsminister Brüderle konnte gerade noch stehen für die deutschen Winzer, die ihre preisgekrönten Weine seiner Ansicht nach für den geübten Gaumen des teutonischen Trinkers, nicht aber zur weiteren Verwahrlosung der Unbemittelten produzierten – fand ausgerechnet mit der Kabinettsrede des Sozialexperten Westerwelle die Diskussion zur Nüchternheit zurück. Der Vize mahnte eindringlich seine Kollegen, falsche Wege in der Arbeitsmarktpolitik einzuschlagen. Es sei nicht mehr möglich, Erwerbslose in den Medien als arbeitsscheue, versoffene Schmarotzer darzustellen, wenn man ihnen den Alkoholkonsum faktisch verunmögliche. Das Bild des permanent pichelnden Prekariats sei in akuter Gefahr, und nur durch eins könne man der Frage, wie man Bedürftigen ihre Lebensführung vorschreiben sollte, noch entgehen: ihnen weiter Alkoholika zuzugestehen, auf das Risiko, dass man ihnen damit Menschenrechte zubillige, die ihrer Klasse nicht zukämen.

An diesem Tag meldete sich die Tabakindustrie zu Wort.


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