Eine Sache der Vernunft

8 09 2010

„Dädää! Dädää! Huhuhuuu!“ Im Schlusssprung hüpfte Luttemöller den Korridor herunter, den Aktendeckel unter die Achsel geklemmt, und landete zielsicher vor der Tür zum Sitzungssaal. „Das ist ja schön, dass Sie heute Zeit haben.“ Er reichte mir die Hand, schloss die Tür auf und watschelte im Entengang in den Raum, wobei er merkwürdige Quakgeräusche von sich gab. „Ach, es ist ja schon nach neun!“ Sofort holte er eine rote Pappnase aus der Rocktasche und setzte sie sich ins Gesicht. „Dädää! Dädää! Sagen Sie aber keinem, dass ich das vergessen habe. Dädää! Das wäre nämlich gegen die Dienstvorschriften. Dädää!“

Ich blätterte kurz die Akten über das Verfahren durch, quittierte auf zwei Listen den Erhalt vieler Kopien und hakte dann rasch einige Punkte ab, die damit erledigt waren. Alles das hatte nur einige Minuten gedauert, dennoch dauerten allein die Vorbereitungen mehrere Tage. „Die Gesetze“, stöhnte Luttemöller, „die Gesetze – man wird von ihnen aufgefressen. Doppelte Ausfertigung, dafür braucht’s die Unbedenklichkeitsbescheinigung 23c, die man nur mit einem Reisevisum für Papageien kriegt, und das nur mit dem Totenschein einer noch lebenden Großtante. Es ist zum Heulen.“ Draußen lärmte es. Ich fühlte mich unbehaglich. Dies war nicht etwa ein Irrenhaus, sondern eine Behörde – oder gab es schon keinen Unterschied mehr?

Luttemöller blickte hinaus auf die Dächer der Stadt. Der diesige Nebel hatte sich verzogen und die herbstliche Sonne lugte zaghaft hervor. „Es ist nicht ganz einfach“, begann er. „Sie kennen das mit den Gesetzen und den Verordnungen ja meist als eine Sache der Vernunft: wenn die einen an der Ampel stehen bleiben, können die anderen fahren. Und umgekehrt. Hier das Recht, da die Pflicht. In der Summe werden alle gleich behandelt und allen ist das gesichert, was sie für einen reibungslosen Ablauf des Gemeinwesens brauchen.“ Ich nickte stumm; genau das ist es, was die Vernunft gebietet. „Und doch gibt es eine ganz andere Art, Gesetze zu machen. Es ist, ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, es ist das Verhältnis zur Wirklichkeit.“ „Sie meinen“, fragte ich, „das Gesetz habe nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun?“ Er seufzte tief. „Wenn es nur das wäre. Nein, das Gesetz bildet keine Wirklichkeit mehr ab, es schafft sie. Das Gesetz schafft eine neue Wirklichkeit – nein, es ist eigentlich etwas anderes. Denn es hat ja auch nichts mehr mit Wirklichkeit zu tun, was da geschieht.“

Draußen hörte man, wie die Beamten über den Flur hüpften und Tierlaute ausstießen. In diesem Moment riss ein Mann die Tür auf, krähte in den Raum hinein, gackerte ein bisschen verlegen und verschwand genau so schnell wieder, wie er gekommen war. Luttemöller knetete verlegen seine Hände. „Natürlich ist das für Sie jetzt ungewohnt, Sie arbeiten ja nicht hier. Und dann werden Sie es auch befremdlich finden, wenn Sie dann später in jedem Amt diese komischen Verhaltensweisen erleben müssen. Aber es wird sich anders anfühlen, wenn Sie erst einmal selbst wie ein Huhn durch die Gegend laufen werden.“ „Es wird sich wohl nur ein paar Tage lang etwas merkwürdig ausnehmen. Und dann werden wir es tun.“ Er schüttelte den Kopf. „So leicht ist das aber nicht.“ „Die Menschen haben sich doch bis jetzt an alles gewöhnt“, antwortete ich lächelnd, als wollte ich alles herunterspielen (dabei war mir durchaus nicht danach), und in Wahrheit fühlte ich doch, dass ihn etwas ängstigte. Und mich.

Die anderen schoben Stühle über den Flur und stießen gegen die Türen. Ab und zu hörte man einen unterdrückten Schmerzensschrei. Die Zeitansage hallte durch die Lautsprecher. Luttemöller setzte die Nase ab und ließ sie in die Jackentasche gleiten. Sie sangen, zuerst schüchtern und leise, gehemmt, dann schließlich lauter und lauter, bis sie mit dem Mut der Verzweiflung zu schreien begannen. Alle meine Entchen. „Man kommt sich schon ein bisschen komisch vor“, sagte er leise, „aber das ist es nicht. Es ist diese neue Wirklichkeit. Man kann sich doch nicht daran gewöhnen.“ „Sie meinen, weil man das Gesetz immer noch nicht als Teil der Wirklichkeit anerkennt?“ Wieder schüttelte er den Kopf. „Es ist ja Wirklichkeit, aber es ist eine andere Ebene. Wenn Sie ein Gesetz nur deshalb wahrnehmen, weil Sie fürchten, es zu übertreten. Weil dieses Gesetz in Ihrer Wirklichkeit ständig präsent ist, obwohl es für Sie eigentlich keinerlei Bedeutung haben sollte. Wenn Sie vor allem sehen, dass es der Vernunft widerspricht.“ Er schob den Stapel auf dem Tisch zusammen und legte ihn zurück in den Aktenordner. „Das Gesetz ist sein Selbstzweck. Sie wagen es nicht, dagegen zu verstoßen, ja nicht einmal, an einen Gesetzesverstoß zu denken. Das macht, dass dieses Gesetz bereits die Wirklichkeit ist – und nicht ein Teil von ihr.“

Die Beamten machten einen trübsinnigen Eindruck, wie sie über den Korridor schlurften und die Schultern hängen ließen. Der eine oder andere ahmte einen Vogelruf nach. Manche flatterten mit den angewinkelten Armen. Ein älterer Kollege blickte mich melancholisch an. „Wenn Sie wüssten“, sprach er mit vorwurfsvollem Klang in der Stimme, „wenn Sie wüssten.“ „Das höchste Recht ist die höchste Ungerechtigkeit“, konstatierte ich. Luttemöller zog die Augenbrauen hoch, als wollte er etwas antworten. Doch er legte die Akten zurück auf den Tisch, steckte seine Brille in die Hemdentasche und trippelte zu seinem Zimmer. „Brraaa! Brraaa!“