Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXIV): Ethno-Food

10 09 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was der Mensch ist, scheint ein weites Feld zu sein, was er isst, sprengt hingegen alles, was man an Fantasie bisher aufzubringen geneigt war, die kranken inklusive. Vom prähistorischen Würmer- bis zum postkapitalistischen Körnerfresser ist alles dabei, west-östliche Reis- und Nudelschlucker treffen Fleischfresser und Veganer, Rohköstler, Fletscherer, Steinzeit und Low-Carb-Diäter. Die Kongruenz der Speisearten ist ungefähr so schnell herzustellen wie die Einheit aller Religionen und ihre Verträglichkeit untereinander entspricht dem Ergebnis von Hertha- und Schalke-Fans in einem abgeschlossenen Raum mit Schusswaffen. Was der Mensch nicht kennt, nicht kennen will oder nur auf dem Teller der anderen entdeckt, ist ihm ekelhaft. Dass es andersherum ebenso funktioniert, sichert ihm seine Nahrungszufuhr. Und nur eins kann den Verzehr von Insekten, Beutelsäugern und in Essig drapierten Schafscheißeknödeln für den europiden Allesfresser hip und angesagt machen: erklär es zu Ethno-Food, dann kaut der Bekloppte jede Spezies in beliebigem Verwesungsgrad.

Traditionell geht der kulinarische Horizont des durchschnittlichen Lohnsteuerzahlers knapp vor der Industriepizza am Seelachsbrikett vorbei, schrammt vom Döner ab und schliddert dann auf das zu, was die Kalorienhersteller ihm als asiatische Küche einreden. Seiner Ansicht nach knabbert der Chinese den ganzen Tag lang Lotosblüte und schlürft grünen Tee mit Reisgebäck aus dem Discounter-Sortiment. Nur gut, dass man davon in Jiangxi keinen blassen Schimmer hat und sich weiter von Dingen ernährt, die deutlich mehr als vier Extremitäten besitzen. Während sich der Vietnamese zum Frühstück frittierte Vogelspinnen in die Plauze panzert, lutscht man auf Java leckere Libellen, und der Japaner züngelt nach Zikaden. Schreit ein Thai aus der Kombüse „’schabe fertig!“, dann war es der Koch, kaum der Kammerjäger. So geht es zu mit Sushi und Nasi Goreng, selten werden die Opfer vom Originalschauplatz gebraten. Maki kommt maximal aus Magdeburg und ist damit exakt so exotisch wie Erbsensuppe aus dem Kantinenkanister.

Der Ethnotourist, der im Afrika-Urlaub eher den angenehm temperierten Hotelpool frequentiert, als außerhalb des Fünf-Sterne-Ghettos mit dem Volk konfrontiert zu werden, schmatzt in der Fremde mit Vorliebe Schnitzel und blökt nach Bratwurst, will aber in Bopfingen auf Biegen bis zum Brechen nur originalrestauriert werden mit Fufu aus dem Dritte-Welt-Luxusladen. Mehr kann man aus seinem mit Fischfutter angereicherten Hirn nicht holen, denn sein Überblick endet genau hier. Trotzdem – oder aber erst recht, weil seine verdübelte Konsumdenke es ihm gebietet – hält er Falafel für die einzige Form arabischer Küche, die die westliche Welt je zu Gesicht bekommen hat, wie ja auch die übrige Menschheit denken darf, dass sich Deutsche rund um die Uhr Sauerkraut in den Schlund pfropfen. Der Beknackte, der in kulturellen Konstrukten nur denken kann, wenn er mit seinem kleinen Kontinent im Mittelpunkt hockt, köchelt sich’s gerne einfach und reduziert ein, bis die Allgemeinbildung sauer wird. Fritten hält der Kriechkocher für Amerikas Erfindung, nicht aber Chop Suey, vom Fraßdesigner aus kleinteiligem Gewölle zurechtgeschwiemeltes Recycling-Zeug, geschichtslos gesichtslos wie ein Stück Pressspanplatte und meist auch in ähnlicher Preislage, was die aromatische Qualität angeht.

Um nicht wie neureiche Mampfer Tapirgemächt und Schneckeneier hinters Zäpfchen zu zwängen, was sich der Bescheuerte auch gar nicht leisten könnte, greift er in jeden Topf frisch aufgekochter Trends, die nach industrieller Vorverdauung aus Watteboden sprießen. Die Reis-mit-Sojasprossen-Fraktion ist über Korea inzwischen beim Mongolen angekommen, die mediterranen Suppenschmiede haben nach spanischen und portugiesischen jetzt die türkische Gewürzmischung entdeckt, der Inder zieht aus und lässt nach dem Mexikaner einen Libanesen in die Garküche, und alle veranstalten sie das perfekte Klischee von landestypischer Kost, die so authentisch ist wie Malen nach Zahlen kreativ, ästhetisch so differenziert wie eine Kühltheke mit elf verschiedenen TK-Mischgemüsedarstellern in Polyesterpfriemel mit Buntdruckapokalypse und zu allem Überfluss bereits so standardisiert, dass Phở Bò in Hameln, Hoyerswerda und Hockenheim eine hochsignifikant gleiche Plörre ist, die der Brühe aus Hanoi höchstens eine Namensähnlichkeit abtrotzen könnte. Das Widerlichste jedoch ist, dass sich die postkapitalistischen Äser am globalisierten Mahl die Figur aufpolstern, während im Billiglohnland die pauperisierten Massen längst mit Los Kotzos beim Pupsiburger aus totem Genunfall zugeschüttet werden, schwungvoll bis hastig zusammengefegter Separatorendreck mit naturidentischem Glutamat, Farbstoffen, Füllmasse und spontan verkrebsender Geschmacksverstärkungstruppe auf Abwasserbasis. Wenigstens ist das organisierte Erbrechen weltweit so monoton funktional, dass man in Saigon und Stuttgart dieselbe krude Pampe in sich schlingt. Da wächst die Menschheit brüderlich zusammen. So stimmt es letztlich wohl doch: der Mensch ist, was er isst. Wohl bekomm’s.


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